"Supertanker der Kunstwelt"

Hanno Rauterberg im Gespräch mit Britta Bürger · 09.06.2009
Die größte Kunstmesse der Welt präsentiert die herausragenden Werke des 20. und 21. Jahrhunderts. Feuilleton-Redakteur Hanno Rauterberg von der "Zeit" hält die Art Basel für schwergewichtig genug, um gegen die Finanzkrise gewappnet zu sein. Er begrüßt eine Entwicklung, die die Kunst stärker nach ihren ideellen Werten beurteilt.
Britta Bürger: Mehr Andrang denn je gibt es im 40. Jubiläumsjahr der Art Basel. Heute Abend wird die weltgrößte Kunstmesse eröffnet und es haben sich so viele Aussteller beworben wie nie zuvor, als gäbe es keine Finanzkrise. Doch selbst, wenn die Preise nicht mehr in utopischen Höhen schweben – große Sorgen muss man sich wohl keine machen: Kunst gilt derzeit durchaus als krisensichere Investition. Kein Wunder, dass auch 75 der 300 ausgewählten Galerien auf dieser Art Basel aus den USA kommen, gefolgt von Deutschland und der Schweiz. Heute Abend strömt die Kunstwelt zur Vernissage, aber wer gehört eigentlich zu dieser Kunstwelt in Zeiten der Krise? Hanno Rauterberg ist Kunst- und Architekturredakteur im Feuilleton der Wochenzeitung "Die Zeit". Schönen guten Morgen, Herr Rauterberg!

Hanno Rauterberg: Guten Morgen, Frau Bürger!

Bürger: Es ist wie das Starren des Kaninchens auf die Schlange: Man wartet darauf, ob die Finanzkrise auch den Kunstmarkt erwischt, jetzt mit Blick auf die größte und ja luxuriöseste aller Kunstmessen. Die Art Basel gilt seit vier Jahrzehnten auch als ein Ort, an dem sich die Reichsten der Reichen ein paar neue Statussymbole zulegen. Ist hier business as usual zu erwarten oder zeigt sich die Finanzkrise doch in irgendeiner Weise?

Rauterberg: Ich würde schon sagen, dass die Finanzkrise sich zeigt, wobei natürlich die Art Basel so etwas wie ein Supertanker der Kunstwelt ist und da merkt man die Wellen nicht so schnell, beziehungsweise man hat so bestimmte Module, um diese Wellen auszublenden, das gibt es ja bei Tankern, so Antischaukel-Mechanismen, würde ich sagen. Die sind in diesem Fall natürlich rhetorischer Art. Sowohl die Messeleitung sagt: Natürlich geht es uns so gut wie immer schon, und die Galeristen sagen das auch. Sie müssen es auch sagen, denn wenn erst mal ein Künstler oder Künstler, die eine Galerie vertritt, in den Ruf geraten, jetzt vielleicht doch nicht mehr so gefragt zu sein, dann kann sich das auf die Preise auswirken. Wenn Sie sich vorstellen, Sie haben vor einem Jahr, sagen wir, für einen Neo Rauch noch eine Million Euro ausgegeben und plötzlich wird in diesem Jahr ungefähr dasselbe Bild im selben Format für 500.000 ausgegeben, haben Sie ja das Gefühl: Irgendwas scheint mit diesem Künstler nicht mehr zu stimmen. Denn in den letzten Jahren ist immer stärker das eine mit dem anderen verwechselt worden, nämlich der Wert mit dem Preis, und man hat gedacht, der Preis sagt auch etwas über den Wert eines Kunstwerks aus. Das heißt, wenn der Preis plötzlich anfängt zu schwanken, dann scheint auch der Wert, der Kunstwert, nicht mehr stabil zu sein. Deswegen müssen die Galerien alles dafür tun, zu vermeiden, den Eindruck zu erwecken, es sei da irgendwie was unruhig und so weiter und so fort. Aber man sieht es bereits an den Auktionen, bei Sothebys und Christie's, wo die Einbrüche dramatisch waren in diesem Frühjahr – nicht auf allen Auktionen, aber auf manchen schon, 60, 70, 80 Prozent zurückgegangen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Bürger: Wobei derzeit ja überall mit Millionen und Milliarden jongliert wird und man für diese Summen ohnehin irgendwie den Überblick und auch das Gefühl, die Einschätzung verloren hat.

Rauterberg: Ich glaube, insgesamt werden die Messen – jetzt nicht nur die Art Basel, sondern auch die Art Cologne beispielsweise in Köln oder die Messen in London und New York – nicht mehr die Rolle spielen, die sie jetzt in den letzten drei, vier Jahren gespielt haben. Da war das schon immer so, dass es sehr stark um das Kaufen als Akt der Beglaubigung, so würde ich das nennen, ging, dass man sagt: Wie stellen wir heute eigentlich die Qualität eines Kunstwerks noch fest? Sie zeigt sich offensichtlich – weil uns so viele Kriterien für das, was gute Kunst ausmacht, abhanden gekommen sind –, sie zeigt sich vor allem darin, dass jemand ein Kunstwerk kauft. Deswegen gab es auch sehr viele Sammlerberichte, und immer wieder wird über Sammler gesprochen und was sie alles so kaufen, weil sie scheinen offensichtlich die Einzigen zu sein, die sich mit allem, was sie haben, nämlich mit ihrem Geld, auf etwas festlegen und man immer darüber staunt: Wie kann es eigentlich sein, dass jemand zehn Millionen Euro für ein Kunstwerk ausgibt, was ja eigentlich nur Öl und ein bisschen Leinwand ist? Aber dieses Staunen darüber, dass jemand bereit ist, so viel Geld für ein einzelnes Werk auszugeben – das tatsächlich scheint sich so ein bisschen zu verändern. Denn meinem Eindruck nach ist es so, dass durch die hohen Summen, durch die Milliarden, über die wir jetzt ständig reden, und wo wir auch nie genau wissen, wo fließen die eigentlich hin, dieses Staunen über die hohen Summen sich etwas verliert oder, sagen wir, relativiert.

Bürger: Aber die Frage ist ja, wofür diese hohen Summen ausgegeben werden? Die Art Basel ist eine Messe für Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, traditionell ein Ort, an dem eben Spitzenwerke der klassischen Moderne gehandelt werden, also Künstler, die schon lange Rang und Namen haben, von Paul Klee und Ernst Ludwig Kirchner über Picasso, Giacometti bis hin zu Andy Warhol. Sind es genau diese Künstler, die krisenresistent sind?

Rauterberg: Es zeigt sich, dass zumindest diese Klassiker weiterhin sehr viele Käufer finden und viele Leute bereit sind, hohe Preise dafür auch zu zahlen. Die Frage ist: Wie verändert sich eigentlich unser Verhältnis zur Kunst? Wir haben das eben in dem Bericht von Susanne Kaufmann gehört: Es geht weiterhin immer um die Frage des Investments, und das wundert mich, weil Kunst ja nicht primär eine Kapitalanlage ist, sondern der eigentliche Wert ja ein ideeller Wert ist, ein Empfindungs-, ein Gefühlswert, vielleicht auch ein intellektueller Wert. Weil Kunst kann ja ganz vieles sein: Sie kann uns anrühren im emotionalen Sinne, sie kann uns aber auch beschäftigen in der Frage: Was macht eigentlich unser Weltbild aus, was für Erkenntnisse können wir also aus der Kunst herausziehen? Diese Fragen finde ich viel interessanter und ich hatte das Gefühl, auf der Biennale, die letzte Woche in Venedig begonnen hat, da fing das auch an, dass man viel stärker wieder über solche emotionalen kunstimmanenten Fragen gesprochen hat. Und es zeigte sich etwas ganz Interessantes, wenn ich das noch kurz erzählen darf: Zwei große Sammlungen wurden präsentiert neben den Giardini-Ausstellungen, also neben den Biennale-Ausstellungen, einmal eine Sammlung von dem Kunsthändler Axel Vervoordt und eine von Pinaut, einem der größten Sammler der Welt. Und es war ganz deutlich: Das sind zwei ganz unterschiedliche Sammlungen. Die Pinot-Sammlung ist von sehr viel Geld geprägt und von dem Willen, möglichst viele Trophäen zusammenzutragen – und so sieht diese Ausstellung auch aus, wie eine Trophäensammlung, seltsam aseptisch und kalt und seelenlos, um das zu sagen –, während die Sammlung von Herrn Vervoordt eine unglaubliche Attraktivität auf viele Menschen besaß, weil ihm es gelingt, die Kunstwerke eben nicht als Trophäen zu behandeln, sondern ein sehr persönliches Verhältnis aufzubauen zu den Dingen und die dann auch in ganz seltsamen Kombinationen zu zeigen, die man so nicht kennt, nämlich eben dann die klassische Moderne vereint mit asiatischen Kunstwerken aus der Antike sozusagen, oder überhaupt mit antiken und chinesischen Künstlern, also eine ganz eigene, subjektive Mischung. Und mein Eindruck ist, dass es stärker um solche Qualitäten geht, eine Beziehung zur Kunst aufbauen zu können und der Kaufakt selber dann nicht mehr so zählt.

Bürger: Das heißt, dieses Schlagwort von der Krise als Chance gilt auch für den Kunstmarkt?

Rauterberg: Jedenfalls würde ich das natürlich hoffen, weil ich jemand bin, der sich vor allem mit diesen immanenten Qualitäten der Kunst auseinandersetzt. Ich will aber nicht sagen, dass es schlecht ist, hohe Preise für Kunst auszugeben oder zu zahlen. Das heißt ja auch immer, dass viele Leute von der Kunst leben können, und je mehr Leute von der Kunst leben können, umso besser.

Bürger: In diesem Jahr feiert die Art Basel ihren 40. Geburtstag. Wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass diese Kunstmesse im beschaulichen Basel tatsächlich die weltweit wichtigste ist?

Rauterberg: Das hat auch etwas mit dem Ort zu tun, der sehr exklusive Sammler schon seit Langem besitzt und die Schweiz insgesamt ja mit sehr vielen Privatsammlungen aufwarten kann, sodass es immer sehr viele Käufer im Hintergrund gab, die auch quasi diesen Standort gestützt haben. So ähnlich ist das mit dem Ableger der Art Basel, nämlich in Miami, auch. Dort gibt es auch viele Sammler, die diesen Ort stark gemacht haben und dafür geworben haben. Und dann ist es natürlich auch in gewissem Sinne eine Geschäftspolitik, dass man es von Anfang an verstanden hat, die sehr hochwertigen Galerien zu umwerben und auch hochwertige Sammler zu umwerben. Es ist ja mit so einer Messe ein seltsames Ding, es ist ja kein freier Markt, sondern es ist eher so eine Art zünftischer Marktplatz. Man muss sich das vorstellen, dass immer nur eine gewisse Zahl von Händlern überhaupt zugelassen wird – und wer entscheidet über die Zulassung? Wiederum andere Galeristen, die Galerien auswählen. Und jedes Jahr kommen mehr oder weniger dieselben, ein paar neue werden zugelassen. Ähnlich ist es auch mit den Sammlern: Viele Sammler lassen sich einladen, das heißt, sie bekommen den Flug bezahlt, das Hotel bezahlt, sie bekommen ein kulturelles Rahmenangebot. Das ist schon etwas, das nicht natürlich wächst, sondern das auch von bestimmten Strategen geplant werden kann, und offensichtlich gab es in Basel besonders gute Geschäftsstrategen.

Bürger: Einen Supertanker mit Antischaukel-Mechanismus nennt Hanno Rauterberg, der Kunst- und Architekturredakteur im Feuilleton der Wochenzeitung "Die Zeit", die Art Basel, die Kunstmesse, die heute Abend eröffnet wird. Herr Rauterberg, vielen Dank für das Gespräch!

Rauterberg: Vielen Dank Ihnen, Frau Bürger!