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Weltzeit | Beitrag vom 05.07.2018

Superfood als UmweltkillerDie Schattenseiten des Avocado-Booms

Von Sophia Boddenberg

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Avocado (jala | photocase.de)
Bis zu 1000 Liter Wasser können für den Anbau eines Kilos Avocado gebraucht werden, also für etwa zweieinhalb Früchte. (jala | photocase.de)

Die Avocado gilt als gesunde Superfrucht. Klar, dass die Nachfrage nach diesem scheinbaren Garant für Gesundheit und Wohlbefinden bei uns wächst. Doch sie ist auch eine maßlose Wassertrinkerin, die in Anbau-Ländern wie Chile für massive Umweltprobleme sorgt.

"Hier sammeln wir das Abwasser aus der Spüle, der Waschmaschine und der Dusche. In Notfällen können wir es dann wiederverwenden. Da es kaum regnet, kümmern wir uns um die Wiederverwertung des Wassers. Aber ich verliere nicht die Hoffnung, dass unser Wasser irgendwann wiederkommt."

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Verónica Vilches lebt in Cabildo in der Provinz Petorca, etwa 220 Kilometer nördlich von Chiles Hauptstadt Santiago. Hier ist es staubtrocken, Flüsse und Brunnen führen kein Wasser, der Grundwasserspiegel ist extrem niedrig. Die umliegenden Hügel sind braun und kahl.

"Es ist so, als wären wir im Krieg"

"Komplett trocken ist es hier seit sechs Jahren. Vorher hatte dieser Kanal viel Wasser, um die Pflanzen zu gießen, für die Tiere. Wir haben sogar darin gebadet. Damals hatten wir Wasser für alles. Als die Großgrundbesitzer gekommen sind, sind wir ausgetrocknet."

Mit den Großgrundbesitzern meint Vilches die großen Unternehmen, die in der Gegend Avocados anbauen. Ihrer Meinung nach sind sie die Verantwortlichen für die Dürre, weil sie für den Anbau das ganze Wasser abzweigen. Seit sie die Konzerne dafür in den Medien beschuldigt hat, habe sie Morddrohungen erhalten.

"Es ist so, als wären wir im Krieg, aber ohne Waffen. Ich will nicht weiter darüber reden."

Verónica Vilches hat Tränen in den Augen und dreht sich weg. Sie ist Mitglied der Bewegung MODATIMA, die spanische Abkürzung für: Bewegung zur Verteidigung des Wassers, des Landes und für den Umweltschutz. Mehrere Mitglieder sind bedroht worden, nachdem sie in den Medien auf die Wasserknappheit vor Ort aufmerksam gemacht haben. Seitdem erhalten sie besonderen Schutz von Amnesty International.

Veronica Vilche (Sophia Boddenberg)Seit sich Veronica Vilche mit den großen Agrarunternehmen angelegt hat, fühlt sie sich nicht mehr sicher. (Sophia Boddenberg)

Wassertankwagen sind auf den Straßen der Provinz Petorca Alltag. Sie gehören dem privaten Unternehmen Esval und versorgen die Bewohner mit Trinkwasser. In Chile ist die Wasserversorgung zu beinahe 100 Prozent privatisiert. Das Wassergesetz, das das möglich macht, der "Código del Aguas", wurde 1981 während der Militärdiktatur unter Augusto Pinochet verfasst. Dieses Gesetz definiert Wasser zwar als ein "öffentlich genutztes nationales Gut", doch es ermöglicht dem Staat die Vergabe von kostenlosen und auf unbegrenzte Dauer gewährten Nutzungsrechten an Dritte.

Die endgültige Privatisierung der Trinkwasserversorgung wurde Ende der 90er- und Anfang der 2000er-Jahre von demokratisch gewählten Regierungen von Eduardo Frei und Ricardo Lagos besiegelt. Wasser gilt seitdem als frei handelbare Ware unabhängig vom Landbesitz. Und so konzentrieren sich die Wasserrechte mittlerweile in den Händen weniger Großunternehmer aus dem Agrar-, Bergwerks- und Forstwirtschaftssektor. Mit den entsprechenden Folgen.

Der ausgetrocknete Fluss Río Ligua in Chile (Sophia Boddenberg)Früher konnte man im Fluss Río Ligua baden. Heute ist er ausgetrocknet. (Sophia Boddenberg)

Luis Soto läuft durch das Flussbett des Río Ligua in der Provinz Petorca. Vor 20 Jahren haben Familien hier gebadet erklärt er. Heute ähnelt der Fluss einer Müllhalde. Er ist seit 2003 komplett ausgetrocknet. Ein schroffer Gegensatz zu den sattgrünen Avocado Bäumen, die ringsherum auf den Plantagen sprießen. Auch Luis Soto ist Mitglied der Umwelt-Bewegung MODATIMA. Er kennt sich gut aus mit den Wassergesetzen, denn die Bewegung fordert, dass Wasser wieder ein öffentliches Gut werden soll.

"Wir fordern eine Änderung der Verfassung. Eine Änderung des Artikels 24, der das Wasser als Ware definiert. Wir müssen das Wasser wieder ans Land binden. Die kleinen Bauern haben heute kein Wasser, weil die industrielle Landwirtschaft sich hier in der Provinz niedergelassen hat und tiefe Brunnen bohrt. Es gibt kein Wasser in den Flüssen, in den Kanälen, kein Wasser an der Oberfläche. Früher haben die Bauern alles Mögliche angebaut. Heute gibt es nur noch Avocados, das grüne Gold."

Die Provinz Petorca wurde von der chilenischen staatlichen Wasserbehörde, Dirección Nacional de Aguas, mittlerweile offiziell als Region mit Wasserknappheit erklärt. Und trotzdem werden hier weiterhin zwischen 300 und 500 Liter Wasser verbraucht, um ein Kilo Avocados zu produzieren.

"Der Avocado-Baum kommt aus Zentralamerika und braucht viel Wasser. Er wird normalerweise dort angepflanzt, wo es viel regnet. In unserer Provinz herrscht aber Wasserknappheit. Es regnet sehr wenig."

Avocado-Anbau in Dürre-Regionen

Aber Avocados bringen Geld: Allein im Jahr 2017 ist das Exportvolumen von chilenischen Avocados um 30 Prozent gestiegen. Nach Europa und den USA ist nun auch China als vielversprechender Markt hinzugekommen. Und so werden immer neue Anbauflächen erschlossen. 16 Prozent davon liegen in der von Dürre geplagten Region Petorca,

Ökologisch scheint der Avocado-Anbau hier zwar widersinnig, aber er ist machbar, auch dank der Wassergesetze. Laut einer Analyse des chilenischen Zentrums für investigativen Journalismus, CIPER, verfügen in Petorca vier Familien über fast alle Wasserrechte. Sie sind gleichzeitig die Besitzer der großen Agrarunternehmen und außerdem in der Politik tätig.

Landschaft in Chile: Grüne Avocadoplantagen sprießen aus trockenen Hügeln. (Sophia Boddenberg)Grüne Avocadoplantagen sprießen aus trockenen Hügeln. (Sophia Boddenberg)

Manche Agrarunternehmer umgehen auch den legalen Weg um an Wasser zu kommen. Bereits 2011 wurden von der staatlichen Wasserbehörde 65 illegale Wasserleitungen in Petorca reklamiert. Ricardo Sanguesa ist Kleinbauer in der Region. Er sammelt Dokumente, Fotos, Beweise und hat Anzeige erstattet gegen die Großunternehmer, die illegal Wasser abpumpen. Er will keine Namen nennen, um sich zu schützen. Bisher hat es keine Verurteilungen gegeben.

"Wir haben immer wieder auf die Situation in der Provinz hingewiesen. Hier gibt es Korruption bei der Vergabe der Wasserrechte. Wer Schaden genommen hat, sind die kleinen Bauern. Sie haben nicht genug finanzielle Ressourcen für große Bewässerungssysteme. Die kleinen Bauern haben sich verschuldet und ihre Ländereien verloren. Die Avocados hat es hier schon lange gegeben, aber die großen Unternehmen haben den Mist gebaut. Sie haben das gesamte Ökosystem zerstört. Wir sind nicht gegen den Avocado-Anbau, aber wir glauben, dass er auf eine verantwortungsbewusste und nachhaltige Weise stattfinden muss."

Viele kleine Bauern haben Angst davor, gegen die großen Agrarunternehmer mobil zu machen. Die, die sich trauen, würden von den Unternehmern als Ökoterroristen und Lügner bezeichnet. Rodrigo Mundaca, Mitglied von MODATIMA wurde zum Beispiel wegen Beleidigung angezeigt und verurteilt, weil er die Agrarunternehmen des Wasserdiebstahls bezichtigt hatte.

"Wir haben gemerkt, dass die Justiz nicht auf unserer Seite ist. Sie ist auf ihrer Seite. Alles geschieht zum Nutzen der Agrarindustrie. Und die großen Unternehmer stecken mit den Politikern unter einer Decke."

Eine der großen Familien der Avocado-Branche in Petorca ist die Familie Álamos. Sie besitzt fünf Agrarunternehmen, von denen mehrere wegen illegaler Wasserleitungen angezeigt wurden. Unternehmer Ignacio Álamos ist Schwager des rechtskonservativen Parlamentsabgeordneten Juan Antonio Coloma. Er streitet alle Vorwürfe ab. Für das Wasserproblem in Petorca sind seiner Meinung nach nicht die Agrarunternehmen verantwortlich.

"Was in den Medien veröffentlicht wurde, ist zur Hälfte gelogen. Dass wir hier strukturelle Probleme mit dem Wasser haben, stimmt. Aber das liegt daran, dass wir keine großen Staudämme haben. Ein weiteres Problem ist der Klimawandel. Aber das größte Problem sind die Zyklen von Dürre und Regen in der Region. Meine Familie ist seit 1907 hier, wir kennen die Geschichte."

"Wir haben genug Wasser in Chile"

Ein guter Bekannter von Ignacio Álamos ist Alfonso Ríos, Präsident von Agropetorca, dem größten Argrarverband in Petorca. Er liefert sich seit einiger Zeit einen medialen Streit mit den Mitgliedern der Umwelt-Organisation MODATIMA, bezeichnet sie als Lügner und ihre Forderungen als politische Ideologie.

"Wir haben genug Wasser in Chile. Es ist nur geografisch schlecht verteilt. Wir müssen Wasser aus dem Süden in den Norden bringen. Denn hier ist das Klima optimal. Das ist unsere Kampagne. Mehr Wasser nach Petorca zu bringen. Die menschliche Entwicklung kann niemand aufhalten. So funktioniert das System in der Welt."

Von einer öffentlichen Wasserversorgung hält Ríos nichts. Gerade die Privatisierung des Wassers habe Chile eine starke landwirtschaftliche Entwicklung ermöglicht. Die Umweltbewegungen, die weltweit auf Missstände in landwirtschaftlichen Produktionsländern aufmerksam machen seien ideologisch motiviert und würden nur Schaden anrichten.

"Der Schaden, der mit dieser Kampagne angereichtet werden kann, ist absurd, sinnlos. Es ist schlecht für alle – die großen Unternehmen schützen sich – aber besonders für die mittleren und kleinen."

Für Juli hat Alfonso Ríos mit weiteren Unternehmern eine Reise nach Europa geplant, um den Ruf der Avocado zu retten.

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