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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.03.2011

Suffragetten, Sex und Subversion

Michaela Karl: "Die Geschichte der Frauenbewegung", Reclam Verlag, 263 Seiten

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Demonstration gegen den Paragraphen 218: Ein Thema der Frauenbewegung war 1975 das Recht auf Abtreibung. (AP)
Demonstration gegen den Paragraphen 218: Ein Thema der Frauenbewegung war 1975 das Recht auf Abtreibung. (AP)

Die Autorin hat das seltene Talent, historische Prozesse souverän und verständlich nachzuzeichnen - und doch allen Einzelnen, die mitgewirkt, mitgedacht und mitgekämpft haben, einen lebendigen Platz zu geben.

Staatsoberhaupt. Professorin. Konzernchefin. Das sind nur einige der sozialen Rollen, die Frauen heute offen stehen. Diese Freiheit ist das Ergebnis eines mehr als 200 Jahre andauernden weiblichen Emanzipationsprozesses. In ihrem neuen Buch "Die Geschichte der Frauenbewegung" beschreibt die Politologin Michaela Karl mit großer Sachkenntnis und hintergründigem Humor die wichtigsten Etappen auf dem langen Weg von der entrechteten Gebärmaschine hin zur selbst bestimmten Frau im 21. Jahrhundert.

Die Autorin unterteilt die Frauenbewegungen in drei große Wellen: erstens die mit der französischen Revolution beginnende Forderung nach politischer Teilhabe, dem Recht auf Erwerbsarbeit und Bildung, zweitens der Kampf um sexuelle und intellektuelle Selbstbestimmung ab den 1960er-Jahren und drittens die seit den 1990er-Jahren stattfindende Institutionalisierung von Frauenpolitik bei gleichzeitiger Anerkennung und Internationalisierung der weiblichen Heterogenität.

In ihrer Analyse konzentriert sich Michaela Karl auf die westliche Welt, und markiert in jeder Etappe Parallelen und Unterschiede zwischen Frankreich, England, den USA und Deutschland. Diese feinen Differenzen gehören zu den Highlights des Buches – unvergesslich die rabiaten Suffragetten Großbritanniens, die um die Jahrhundertwende Golfplätze anzündeten, Telefonleitungen kappten und Bahnhöfe in die Luft jagten, um endlich das weibliche Wahlrecht durchzusetzen.

Guerillataktik, Hungerstreik, gewaltlose Proteste – die Geschichte der Frauenbewegung ist zugleich eine Geschichte der vielen Formen zivilen und politischen Widerstandes. Oft genug hat sich die Frauenbewegung deshalb mit anderen Diskriminierten solidarisiert – ob mit Afroamerikanern, entrechteten Arbeitern oder Homosexuellen. Ebenfalls glänzend herausgearbeitet sind die beiden zentralen Argumentationslinien innerhalb der verschiedenen Frauenbewegungen: Die eine Position sieht die Frau als grundsätzlich vom Mann verschieden, und fordert eine eigene Sprache, eigene Institutionen und in ihrer extremsten Ausprägung sogar eine rein lesbische Sexualität. Die andere Position geht von der grundsätzlichen Gleichheit von Mann und Frau aus und kämpft um deren institutionelle und realpolitische Durchsetzung.

Die Autorin hat das seltene Talent, historische Prozesse souverän und sehr verständlich nachzuzeichnen und dennoch allen Einzelnen, die mitgewirkt, mitgedacht und mitgekämpft haben, einen eigenen und lebendigen Platz zuzuweisen – von Louise Otto Peters, Gründerin des allgemeinen deutschen Frauenvereines (1865) über Simone de Beauvoirs Thesen zum "anderen Geschlecht" (1949) hin zu Judith Butlers "Queer Theory" (1990), die den theoretischen Überbau liefert für performative Subversionen der klassischen Geschlechterbinarität. Doch trotz aller Errungenschaften steht am Ende dieses wunderbaren Buches nur ein trockenes Zitat: "Weltweit verdienen Frauen nur etwa 10 Prozent des Welteinkommens, und besitzen weniger als 10 Prozent des Welteigentums." Es gibt noch viel zu tun.

Besprochen von Ariadne von Schirach

Michaela Karl: Die Geschichte der Frauenbewegung
Reclam Verlag, Februar 2011
263 Seiten, 6 Euro

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