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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 29.11.2013

Süßer KulturtransferWie der Berliner nach Portugal kam

Eine jüdische Einwanderin brachte die Spezialität ins Land

Von Étienne Roeder

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Berliner (dpa / pa / Seeger)
Die Berliner sind - in leicht abgewandelter Form - auch in Portugal populär. (dpa / pa / Seeger)

Die "Bolas de Berlim" gehören heute zum Sommer der Portugiesen wie das Rauschen des Meeres. Bekannt gemacht hat sie einst eine Jüdin, die aus Deutschland geflohen war.

Wenn es von weitem schon zu hören ist, das Hupen des alten Autos, dann kommen alle aus dem kleinen Dorf Rio do Onor zusammengelaufen, denn in dem Auto sitzt die Bäckerin. Hierher, in die portugiesischen Bergdörfer, die man nur über verwinkelte Serpentinen erreicht, kommen frische Backwaren nicht aus dem Laden, sondern zweimal wöchentlich mit dem Auto. Die Region an der Grenze zu Spanien trägt den bezeichnenden Namen Trás-os-Montes zu Deutsch "Hinter den Bergen“.

Man kennt sich hüben wie drüben entlang der durchlässigen Grenze,  Familienbande überspannen seit jeher den Grenzfluss. Und so kann man direkt aus dem Auto, noch dampfend und warm, spanisches Weißbrot ebenso wie portugiesisches süßes Gebäck kaufen. Eine süße Spezialität, die heute in jeder Bäckerei Portugals zu haben ist, kam ebenfalls einst über diese Berge ins Land. Aus Deutschland, mitgebracht von einer jüdischen Einwanderin.

Wer einmal im Sommer an einem der zahlreichen Strände Portugals war, der wird sie kennen: Frauen und Männer, die umherlaufen und laut rufend ihre Ware feilbieten. An den Stränden und Klippen der südlichen Algarve oder an den beliebten Surfspots weiter im Norden, zum sommerlichen Strandtag gehören sie einfach dazu. Eis und Süßes sind besonders beliebt unter den Sonnenbadenden, und ein Gebäck, das hierzulande nur zu gut bekannt ist: Berliner - portugiesisch Bolas de Berlim.

Die süße Verheißung der frittierten Köstlichkeit

Die Bolas de Berlim, mit oder ohne Füllung, gehören heute zum Sommer der Portugiesen wie das Rauschen des Meeres und der scharf gebrannte Café in den Tascas - den portugiesischen Bars. Verkäufer mit Körben auf dem Kopf waten durch den heißen Sand und wiederholen wie eine Litanei ihre Gesänge. Jeder hat mit der Zeit eine eigene kleine Hymne entwickelt, eigens bemalte Schürzen angefertigt, einige verkaufen schon seit Jahrzehnten Berliner am Strand. Für tausende Portugiesen vermischt sich in ihren Kindheitserinnerungen der Geruch von salziger Meeresluft mit der süßen Verheißung der frittierten Köstlichkeit.

"Als Kind habe ich es geliebt, am Strand Berliner zu backen. Ich habe dann immer mit feuchtem Sand aus dem Meer eine Kugel geformt, die ich danach mit feinem weißen Sand überstreut habe. Das war dann der Puderzucker. Und dann bin ich von Familie zu Familie gegangen und habe diese Berliner verkauft. Das Spiel bestand darin, mit der flachen Hand den Berliner kaputtzuhauen. Das hieß dann: gekauft. Die meisten haben mich allerdings ignoriert. Zu viele Kinder haben das wahrscheinlich gleichzeitig gespielt."

Jede Bäckerei macht sie ein wenig anders, die Berliner. Sie sind das einzige frittierte Gebäck in der reichhaltigen Auswahl der Konditoreien. Die meisten Portugiesen wollen sie jedoch nur am Strand essen. Kurz nach dem Bad im Ozean, erfrischt und glücklich. Das hat auch etwas mit der Geschichte der portugiesischen Berliner zu tun.

Ende der 1930er-Jahre, ganz genau weiß das keiner mehr, tauchten die süßen Backwaren zum ersten Mal in Estoril, einem Badeort 25 Kilometer vor Lissabon auf. Zu jener Zeit vermischte sich die vermeintliche Harmonie des portugiesischen Estado Novo mit dem harten Alltag der aus ganz Europa Geflohenen. Das neutrale Portugal wurde in den 30er-Jahren und während des Krieges ein sicherer Hafen, Bekannte Schriftsteller und Schauspieler machten Station in Lissabon, der "Metropole der Verfolgten“, wie es Erika Mann einmal beschreiben sollte.

Ein jüdisches Paar machte aus der Not eine Tugend

Weitaus weniger bemerkt fristeten Tausende Unbekannte ein Schattendasein in Erwartung einer Ausreisemöglichkeit. Die Historikerin Irene Pimentel hat einige der Migranten, die noch vor Kriegsausbruch nach Portugal kamen, interviewt und deren Geschichten 2006 im Buch "Judeus em Portugal“ veröffentlicht. Dabei hat sie herausgefunden, dass mit den Flüchtlingen nicht alles Portugal verließ, was vorher bereichernd hineingekommen war.

"Die portugiesischen Berliner haben ja eine Geschichte. Die Flüchtlinge, die hier in den 30er-Jahren vor den Nazis geflohen waren, hatten keine Arbeitserlaubnis. Und so hat ein jüdisches Ehepaar namens Davidson aus dieser Not eine Tugend gemacht - jedenfalls für uns Portugiesen. Herr Davidson war eigentlich Galerist, sie war Chemikerin. Und während er versucht hat, Schmuck an den Mann zu bringen um ein wenig Geld zu verdienen, blieb sie zuhause und hat angefangen Berliner zu backen.

Zunächst hat sie die nur in der Nachbarschaft verkauft. So wie sie sie aus Deutschland kannte, gefüllt mit Fruchtmarmelade. Die Deutschen, die hier wohnten, unabhängig davon ob Flüchtling oder nicht, waren ganz verrückt danach. In der deutschen Kolonie war es den Leuten egal, ob das jüdisch war oder nicht, was sie wollten, war dieses eine spezielle Gebäck.

Später kauften auch immer mehr Portugiesen die Backwaren und irgendwann stellten die Bäckereien sie selber her und das ganze breitete sich immer weiter aus. Vielleicht gab es auch vorher schon etwas ähnliches, allerdings nicht mit Marmelade und nicht mit solch einem durchschlagenden Erfolg. Das Gebäck behielt dann auch seinen importierten Namen - die Bolas de Berlim."

Da die Marmeladenfüllung bei den Portugiesen nicht sehr gut ankam, wurde sie bald durch die für portugiesisches Gebäck typische Creme pasteleiro ersetzt. Diese Mischung aus Ei und Vanille machte den Berliner dann landesweit zum Verkaufsschlager. Heute bekommt man die Besten Berliner in einer kleinen Bäckerei in einem Vorort von Lissabon. Ihr Aussehen haben sie seit damals übrigens kaum verändert, der einzige Unterschied zu den in Deutschland bekannten Berlinern ist die geöffnete Seite, aus der die wabbelige Creme pasteleiro heraushängt.

Sie sind daher zunächst kaum als Berliner zu erkennen, sehen sie doch eher aus wie eine runde, offene Muschel. Das ist auch der Grund, warum die nationale Gesundheitsbehörde den Verkauf an den Stränden verbieten wollte. Ein Aufschrei ging durch´s Land. Für die meisten Portugiesen ist das Gebäck, das einst über die Berge aus Mitteleuropa ins Land kam, eine nationale Spezialität – ihr Verbot in den schönsten Momenten des Jahres ein Politikum.

Ob die portugiesischen Berliner zu Channuka oder im Sommer erfunden wurden, ist nicht überliefert. Die biografischen Spuren von Frau Davidson verschwimmen zwischen einer möglichen Überfahrt in die USA und den Erinnerungen der letzten Überlebenden dieser Zeit. Die Bolas de Berlim – portugiesische Berliner - sind nur eine von vielen jüdischen Spuren in der portugiesischen Geschichte. Sie zeugen als süße Erinnerung von einer Zeit, als halb Europa die Plätze, Straßen und Strände Portugals bevölkerte.

Aus der jüdischen Welt

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