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Lesart / Archiv | Beitrag vom 08.06.2008

Sündenfall in Zeiten der Diktatur

Karl-Joseph Hummel / Christoph Kösters (Hrsg.): "Zwangsarbeit und katholische Kirche 1939 - 1945"

Rezensiert von Joachim Jauer

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Die Kirche sei zu lange blind für das Leid der Zwangsarbeiter gewesen, meint Kardinal Karl Lehmann. (AP)
Die Kirche sei zu lange blind für das Leid der Zwangsarbeiter gewesen, meint Kardinal Karl Lehmann. (AP)

Massiver öffentlicher Druck war der Anlass für die katholische Kirche, ein dunkles Kapitel ihrer Vergangenheit wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen: "Zwangsarbeit und katholische Kirche" ist ein Standardwerk, in dem die Autoren auf 700 Seiten intensive Quellenforschung betrieben haben und ein differenziertes Bild über die Situation der Zwangsarbeiter zeichnen.

Dies Buch behandelt Zeitgeschichte und ist ein Stück Zeitgeschichte zugleich. Begonnen hat alles mit dem ARD-Magazin MONITOR im Juli 2000. Dessen Fernsehbeitrag über "Zwangsarbeiter in der Katholischen Kirche" hat, so der Historiker Christoph Kösters, eine "Lawine mit weitreichender Wirkung losgetreten".

"MONITOR" hatte die Kirche angeklagt, während der Zeit des Nationalsozialismus "in großem Umfang Zwangsarbeiter beschäftigt" zu haben. So fand sich die "katholische Kirche plötzlich auf die Seite der Täter gestellt". Der Beauftragte der Bundesregierung für die Entschädigung ehemaliger NS-Zwangsarbeiter, Otto Graf Lambsdorff, setzte nach, die Kirche solle sich endlich "ihrer Gesamtverantwortung" stellen.

Unter massivem öffentlichen Meinungsdruck entschieden die Bischöfe, zunächst den wirklichen Sachstand von unabhängigen Fachleuten prüfen zu lassen. An der staatlichen Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" zur überfälligen Entschädigung von Zwangsarbeitern wollte die Kirche sich nicht beteiligen.

Doch die Bischöfe stellten je fünf Millionen DM für einen eigenen "Entschädigungs- und einen Versöhnungsfonds" bereit. Mit dem Geld sollte zunächst aktiv nach überlebenden Opfern gesucht werden. Ebenso wichtig war die Entscheidung, die Geschichte von "Zwangsarbeit und katholischer Kirche" wissenschaftlich untersuchen und dokumentieren zu lassen.

So entstand ein Standardwerk, dem sein Verlag Ferdinand Schöningh die aufwendigsten Recherchen attestiert, die in der gesamten Katholizismusforschung der letzten Jahrzehnte durchgeführt wurden. Auf über 700 Seiten findet sich umfangreiche Quellenforschung, die nicht nur für den kirchenhistorisch Interessierten durchaus spannend zu lesen ist.

In 27 deutschen Diözesen wurde spät - dem schrecklichen Vorgang entsprechend sicher zu spät - nach Unterlagen gesucht, überlebende Zeitzeugen ergänzten mit ihren Aussagen das Archivmaterial. Die Suche war schwierig und, was die Diözesen in den früheren deutschen Ostgebieten betrifft, nahezu ergebnislos. Herauskam für Deutschland in seinen Nachkriegsgrenzen dann eine Art Flickenteppich der Fakten und dennoch entstand ein repräsentatives Bild.

Das wichtigste Ergebnis in Zahlen: Gemessen an der Gesamtzahl von geschätzten 13 Millionen Zwangsarbeitern erreichte die vergleichsweise geringe Zahl von 6000 nachgewiesenen Zwangsarbeitern in katholischen Einrichtungen - im Gegensatz zu der MONITOR-Darstellung - nicht einmal die Promillegrenze. "Und dennoch bleiben sie eine historische Last, die unsere Kirche auch für die Zukunft herausfordert", so der Mainzer Kardinal Lehmann bei der Vorstellung des Buches. Denn nicht die Zahl sondern die Tatsache selbst war der Sündenfall in den Zeiten der Diktatur. Der Kardinal:

"Es soll nicht verschwiegen werden, dass auch die Erinnerung der katholischen Kirche allzu lange blind war für das Schicksal und die Leiden der aus ganz Europa zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppten Männer, Frauen, Jugendlichen und Kinder."

Karl –Joseph Hummel/ Christoph Kösters: Zwangsarbeit und Katholische Kirche 1939 – 1945 (Ferdinand Schöningh Verlag)Karl–Joseph Hummel/ Christoph Kösters: Zwangsarbeit und Katholische Kirche 1939 – 1945 (Ferdinand Schöningh Verlag)4829 zivile Arbeiter aus den von Nazi-Deutschland besetzten Ländern und 1075 Kriegsgefangene waren zwischen 1939 und 1945 in katholischen Einrichtungen eingesetzt, im Krankenhäusern, Altenheimen, in Klostergärten oder auf Friedhöfen. Das war Zwangsarbeit, unterschied sich für die Betroffenen aber deutlich von den in die Industrie zur Vernichtung durch Arbeit Abkommandierten und zum Hunger Verurteilten. Denn, so haben die Recherchen der Historiker ergeben, in der Regel bemühten sich die kirchlichen Chefs um eine vergleichsweise anständige Behandlung und Verpflegung. Dennoch: Auch die katholische Kirche hat sich im Fall der Zwangsarbeiter mit den "Gegebenheiten" abgefunden, das heißt auch die Kirche hat in zahlreichen Einrichtungen die Zuteilung von Arbeitskräften akzeptiert, die zuvor von NS-Gewalttätern ihrer Freiheit beraubt worden waren. Die Kirche hat sich den Bedingungen von Krieg und Diktatur nicht ausreichend widersetzt.

Andererseits hat es mutige Seelsorger gegeben, die sich trotz des Verbots durch die Nazis der "Fremdarbeiter" angenommen haben. Einige sind dafür ins Konzentrationslager gekommen, allein in Berlin bezahlten zwei Priester dafür mit ihrem Leben. Pfarrer August Froehlich aus Rathenow, der die Misshandlung polnischer Zwangsarbeiter öffentlich angeprangert hatte, und Pfarrer Joseph Lenzel, der eine Messe für Deutsche und Polen gemeinsam gefeiert hat.

Das Buch der "Kommission für Zeitgeschichte" klärt auf, es dient der Wahrheit über die bittere Vergangenheit ebenso wie das Geld, das an überlebende Zwangsarbeiter aus dem kirchlichen "Entschädigungsfonds" bezahlt worden ist. Das Restgeld aus dem "Versöhnungsfonds" ging an die deutsch-polnische "Maximilian-Kolbe-Stiftung", die an den polnischen Priester erinnert, der in Auschwitz anstelle eines Familienvaters freiwillig in den Tod ging.

Der ehemalige polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski setzt im Dokumentenanhang auf Versöhnung:

"Versöhnung ist die Fähigkeit, aus der Geschichte zu lernen (...) es ist eine (...) nach Vergebung, Vernunft und Vorsicht, aber auch nach dem Glauben, Mut und Weisheit verlangende Gratwanderung auf rutschigem Boden."

Ein Buch der Erinnerung, die Voraussetzung für Versöhnung ist. Für die Nachgeborenen lässt es die Endzeit des zweiten Weltkriegs an der deutschen Heimatfront in zahlreichen Schicksalen von Verschleppten lebendig werden.

Karl-Joseph Hummel / Christoph Kösters, Hrsg.:
Zwangsarbeit und Katholische Kirche 1939 - 1945

Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2008

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