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Weltzeit | Beitrag vom 03.02.2021

SüdafrikaTourismusindustrie kämpft mit Corona

Von Jana Genth

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Blick auf den Strand in Kapstadt, Menschen tragen Masken und verbringen Zeit an Land und im Wasser (picture alliance / AA / Xabiso Mkhabela)
Pandemie-Betrieb am Strand von Kapstadt: Dass Touristen aus Übersee fehlen, erfordert ein generelles Umdenken. (picture alliance / AA / Xabiso Mkhabela)

Die Hauptsaison geht zu Ende. In Südafrikas Tourismusbranche sind die Verluste durch das Virus und dessen Mutation massiv. Daran ändert auch die erste Lieferung Corona-Impfstoff Anfang der Woche nichts – und damit verbundene vorsichtige Lockerungen.

Wochenlang hat am Clifton Beach in Kapstadt gähnende Leere geherrscht. Noch bis zum Anfang dieser Woche waren die einzigen Geräusche am Strand die der Möwen und der Wellen. Normalerweise hätten sich hier den ganzen Hochsommer hindurch die Menschen geradezu getummelt. Strände, Seen und Flüsse waren aber wochenlang für jede Art von Freizeitspaß gesperrt.

Dadurch haben weniger Südafrikaner ihren Urlaub in Küstenorten verbracht – und ohnehin war kaum ein internationaler Tourist in Südafrika unterwegs. In Kapstadt spürt man das.

Ein Muss für beinahe jeden Reisenden ist die Cable Car, die Seilbahn auf den ikonischen Tafelberg. Wahida Parker ist Chefin des zuständigen Unternehmens.

"Das hat finanzielle Auswirkungen auf unser Geschäft", erzählt sie. "Der Tafelberg ist eines der weltweit sieben Naturwunder, und als solches machen wir uns Sorgen. Wir wissen einfach nicht, wann Geschäftsreisende und internationale Touristen wieder nach Südafrika kommen werden."

Keine Warteschlange an der Seilbahn

Üblicherweise heißt es, Schlange stehen, wenn man mit der Seilbahn auf den Tafelberg möchte. Noch vor einem Jahr musste man drei Stunden warten, um mit der Cable Car fahren zu können.

Blick vom Tafelberg auf Kapstadt mit Seilbahn, Südafrika (picture alliance / blickwinkel / S. Schuetter)Die Seilbahn auf den Tafelberg ist ein touristisches Muss. (picture alliance / blickwinkel / S. Schuetter)

Dieser Tage, mitten in der offiziellen Hochsaison, gibt es keine Warteschlange, man kann einfach sein Ticket lösen und zur Kabine durchgehen.

Wahida Parker klingt ernüchtert: "Wir sind eindeutig vom internationalen Tourismus abhängig. Das Verhältnis von internationalen Besuchern und denen aus Südafrika ist normalerweise 60 zu 40. Auch jetzt, wo der Januar schon vorbei ist, sind die internationalen Gäste immer noch nicht wieder da."

Covid hat die Tourismusbranche erschüttert

Trotzdem gab es am Tafelberg noch keine Entlassungen, lediglich die Saisonarbeiter gab es nicht, die normalerweise zur Hauptreisezeit eingestellt werden. Für den ganzen Tourismusbereich aber sieht es komplett anders aus, erzählt Tshifhiwa Tshivhengwa, der Chef des Tourism Business Councils, dem Tourismusverband in Südafrika.

"Covid hat die Industrie erschüttert", sagt er. "Viele Unternehmen haben Mitarbeiter schon entlassen, in manchen Betrieben wurden 50 bis 80 Prozent der Mitarbeiter entlassen. Das ist verheerend. Wir haben viele Menschen verloren, die jahrelang in der Reisebranche gearbeitet haben – und viele junge Menschen, die gerade angefangen hatten, um sich etwas aufzubauen. Es sind herbe Zeiten, und sie dauern an."

Attraktionen entlang der bei Touristen so beliebten Garden Route verdienen deutlich weniger als vor Covid. Gourmet-Restaurants in den Winelands Südafrikas, in den Weinanbaugebieten, die noch vor einem Jahr täglich Tausende Touristen bewirtet haben, mussten ihre Speisekarten schrumpfen. Weniger Gäste - das bedeutet, dass auch weniger Mitarbeiter gebraucht werden.

Strukturwandel in der Weinbranche

Die Branche spürt außerdem, dass auch im weit entfernten Deutschland beispielsweise Hotels und Restaurants nicht mehr so öffnen können wie vor der Corona-Zeit. Dazu kommt: In Südafrika galt mehrfach schon ein Alkoholverbot, um sicherzustellen, dass Krankenhäuser ausreichend Platz für Covid-19-Patienten haben.

Rico Basson ist Chef von Vinpro, einer Interessenvereinigung von Weinproduzenten und Kellereien.

"Zur Weinindustrie gehört eine Reihe von sehr kleinen Betrieben, für die es extrem schwierig ist, zu überleben, und wir haben schon eine Reihe von Schließungen gesehen", erzählt er.

Ein Arbeiter läuft am Freitag über ein Weinfeld in Constantia bei Kapstadt  (picture alliance / dpa / Ralf Hirschberger)Die komplette Weinbranche stehe vor einem Strukturwandel, sagt Rico Basson. (picture alliance / dpa / Ralf Hirschberger)

"Der Bereich Wein-Tourismus setzt gut 400 Millionen Euro um, der ist schon auf etwa die Hälfte geschrumpft, 3000 Arbeitsplätze sind weggefallen. Was uns jetzt bevorsteht, ist ein echter Strukturwandel der kompletten Weinbranche, normalerweise ein drei Milliarden Euro – Geschäft pro Jahr. Es wird sehr, sehr schwierig, dass diese Industrie von heute auf morgen in der Lage sein wird, aus diesem Desaster herauszukommen."

Schwierige Lage für die Reiseleiter

Schwierig ist es auch für die freiberuflichen Reiseleiter. 9000 gab es in Südafrika – vor der Pandemie. Weil es nur wenige Monate lang eine staatliche Unterstützung für sie gab, sind viele abgesprungen. Einen neuen Job will Abednigo Nzuzaaus Durbanaber nicht, genauso wenig wie Dennis Mashanini in Kapstadt.

"Uns hat der Coronavirus-Ausbruch hart getroffen. Wir haben fast nichts mehr zu essen. Ich versuche, das Leben meiner Familie irgendwie am Laufen zu halten", sagt der eine. "Seit Covid-19, also seit März 2020, habe ich nicht mehr gearbeitet. Finanziell sieht es übel aus. Ich hoffe und bete, dass die Grenzen bald wieder offen und Reisen wieder möglich sind", so der andere.

Noch ist das aber nicht absehbar. Wer in Deutschland überlegt, in Südafrika Urlaub zu machen, hat derzeit keine Planungssicherheit. Solange Südafrika als Hochrisikoland gilt und Quarantäneregeln nach der Rückkehr in Kraft sind, werden Touristenzahlen aus der Bundesrepublik wohl kaum steigen.

1,5 Millionen Menschen arbeiten im Tourismus

Das sind keine guten Vorzeichen für Tshifhiwa Tshivhengwa vom Tourismusverband.

"In der Reisebranche arbeiten 1,5 Millionen Menschen – jedenfalls vor Covid", sagt er. "8,6 Prozent war unser Anteil am Bruttoinlandsprodukt. Tourismus ist wichtig, Gastgewerbe ist wichtig, alles, was mit den Urlaubern zusammenhängt, ist wichtig. Bereiche, die auch mit Tourismus arbeiten, die Landwirtschaft zum Beispiel, die sind auch betroffen, wenn wir nicht arbeiten können."

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Es mag überraschend klingen, aber auch die Autoindustrie leidet, denn auch Hotels und Gästehäuser kaufen Autos und Busse, um ihre Gäste zu transportieren. Genauso hängt der Handel an Touristen, denn die kaufen gern Souvenirs.

Shaka Zulu zum Beispiel arbeitet in Soweto in der Vilakazi Street, der einzigen Straße weltweit, in der zwei Friedensnobelpreisträger gelebt haben: Nelson Mandela und Desmond Tutu.

"Covid-19 zerstört so viel"

Normalerweise sind dort jeden Tag Gäste aus aller Welt. Seit Beginn des Lockdowns, sagt Shaka Zulu, hat er aber nichts verkauft von seinen handgemachten Ledertaschen, seinen Mützen, Schuhen oder Gürteln.

"Ich bin sehr betroffen, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll zu erzählen", sagt er. "Man sieht ja, hier ist niemand, hier ist nichts, alles ist wie tot. Nicht einmal Touristen aus Südafrika kommen hierher, es ist so ruhig. Covid-19 zerstört so viel, es ist nicht leicht, so schwierig, schwierig. Aber was können wir tun?"

In Maboneng, einem wiederbelebten und mittlerweile hippen Viertel in der Innenstadt von Johannesburg, verkauft Loraine Sweswe afrikanischen Schmuck und Vasen, Taschen und Tücher, alles in strahlenden Farben und den so typischen Mustern.

Umsatz massiv gesunken

Aber auch Loraine hat im Moment viel Zeit, um mit Journalisten zu sprechen.

"Wir haben kaum noch etwas zu tun, die Tourismusbranche, in der auch ich arbeite, ist ja besonders betroffen", sagt sie. "Europäische Länder kämpfen ja auch mit der Pandemie, da kommen keine Touristen. Es sind nur wenige hier aus anderen afrikanischen Ländern. Die kaufen bei uns, aber unser Umsatz ist nur noch 25 bis 30 Prozent dessen, was wir vor Covid hatten."

Die Situation, in der sich die Geschäfte derzeit befinden, bringt Sisa Ntshona, der Chef des Tourismusverbands South African Tourism, so auf den Punkt: Im Moment gehe es nicht darum, Gewinn zu machen, sagt er, es gehe nur darum, grundlegende Kosten zu decken.

"Das hat einen neuen Reisemarkt eröffnet"

Seit fast einem Jahr ist Südafrika im Lockdown, je nach Stufe mal mehr, mal weniger einschränkend. Dass Geschäftsreisen ausbleiben, spüren vor allem die Hotels in den großen Städten. Dass Touristen aus Übersee fehlen, das erfordert ein generelles Umdenken.

Blick in eine leere Straße in Kapstadt bei Nacht (picture alliance / AA / Xabiso Mkhabela)Neujahr 2021 in Kapstadt: Seit fast einem Jahr ist Südafrika inzwischen im Lockdown, je nach Stufe mal mehr, mal weniger. (picture alliance / AA / Xabiso Mkhabela)

Sisa Ntshona sagt, das habe schon eingesetzt: "Es gibt hier sehr günstige Preise für unsere wirklich bekannten Reiseziele, zum Beispiel die Luxusunterkünfte im Kruger-Nationalpark oder auch die berühmte Luxusbahn, der Blue Train. Da gibt es unglaubliche Angebote, die auf die Südafrikaner abzielen, weil die internationalen Gäste nicht kommen. Das hat einen neuen Reisemarkt eröffnet, den die Menschen hier tatsächlich nutzen."

Die Südafrikaner bereisen jetzt ihr eigenes Land, aber das spült nicht die Beträge in die Kassen, die noch 2019 eingenommen wurden.

Noch keine Entlassungen im Kruger-Nationalpark

Selbst bei weltbekannten Attraktionen wie dem Kruger-Nationalpark wird gerechnet, sagt Sprecher Ike Phaahla.

"So wie alle Unternehmen, die von Tourismus abhängen, spürt auch der Kruger Nationalpark negative Folgen", erzählt er. "Die Regierung unterstützt uns aber, damit wir weiter die Natur schützen können. Unsere Finanzen sind derzeit ziemlich knapp, aber wir haben noch niemanden entlassen und wollen das auch nicht tun. Wir müssen uns aber etwas einfallen lassen, damit es weitergeht."

Südafrikaner sind wahre Meister im Improvisieren, und das zeigen sie auch in der Reisebranche. Bis deutsche Urlauber wieder halbwegs normal am Kap ihre Ferien verbringen können, heißt es abwarten.

Für Tshifhiwa Tshivhengwa vom Tourismusverband Tourism Business Council steht eines aber auch jetzt schon fest: "Wenn wir uns an Regeln halten, dann schützt uns das alle vor Covid, ganz egal, welche Virus-Variante es gibt. Internationale Urlauber können uns vertrauen. Wenn auf der anderen Seite Welt die Grenzen wieder offen sind, dann sollten sie wiederkommen."

"Wir wollen in jeder Hinsicht optimistisch sein"

Ähnlich sieht das Wahida Parker von der Cable Car am Tafelberg in Kapstadt. Nichts anderes bleibt ihr übrig, sagt sie, als nach vorn zu schauen:

"Wir wollen in jeder Hinsicht optimistisch sein, und wir sind es auch, denn wir wollen ja weitermachen und die Hauptattraktion in Afrika und an den Ozeanen sein."

Einfach ist das nicht, aber Besucher sollen alles sehen und genießen können, wenn sie irgendwann wieder nach Südafrika kommen: wilde Tiere, hohe Berge, weitläufige Landschaften, einen atemberaubenden Sternenhimmel, Essen für Feinschmecker und Sonnenuntergänge am Strand.

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