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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 08.09.2017

Suchtprävention an der Grenze zu TschechienCrystal Meth für ein Taschengeld

Von Iris Milde

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Die Droge Crystal  (picture alliance/dpa/Foto: Fredrik von Erichsen)
Ein Ermittler des Bundeskriminalamtes (BKA) hält die Droge Crystal in seinen Händen. (picture alliance/dpa/Foto: Fredrik von Erichsen)

Vom sächsischen Sebnitz ist Tschechien nur einen Steinwurf entfernt. Dort gibt es die Droge Crystal Meth für einen Bruchteil des deutschen Preises. Der Polizist Ralf Müller hat die Drogenprävention im Landkreis aufgebaut - doch er kommt kaum hinterher.

Kerstin Richter ist eine fröhliche Frau mit langen lockigen Haaren. Ich treffe sie in der Kita, wo sie als Erzieherin arbeitet. Als die Sprache auf ihre eigenen Kinder kommt, die 15 und 17 Jahre alt sind, wird ihr Gesichtsausdruck ernst.

"Also ich habe Angst, dass meine Kinder mal in so eine Abhängigkeit geraten. Also seit meine Kinder einen eigenen Ausweis haben, ist diese Grenze für sie natürlich nicht wirklich eine Grenze mehr. Und dieses Crystal Meth, das ist eben für jedes Taschengeld empfangende Kind erschwinglich. Und das ist eigentlich das, was mich da sehr erschreckt."

Ich will mir selbst ein Bild machen. Vom Stadtzentrum sind es zehn Gehminuten bis zur Grenze. Dahinter reiht sich ein Stand an den anderen. Vogelhäuschen, Gartenzwerge, Klamotten werden vor den Geschäftenan geboten. Alkohol und Zigaretten gibt es drinnen. Ich studiere das reiche Angebot an Topfpflanzen. Das Mikrofon lasse ich sicherheitshalber in der Tasche. Sofort spricht mich eine asiatisch aussehende Frau an und bittet mich herein. Vermutlich würde nun eine kleine Geste genügen, um Crystal zu bekommen. Ein Gramm kostet aktuell zehn bis 15 Euro. In Dresden oder Leipzig können es schon bis zu 80 sein.

"Es ist also genau wie beim Alkohol ein Querschnitt durch die gesamte Gesellschaft. Es kann jeden treffen. Es kann euch treffen."

20 Jahre Erfahrung mit Drogen aller Couleur

Keine zwei Kilometer von der Grenze entfernt liegt das Goethe-Gymnasium. Auf dem Stundenplan der 7. Klasse heute: Drogenprävention. Ralf Müller, Polizist in Zivil, lehnt am Fenster und erzählt. Notizen braucht er keine, er schöpft aus 20 Jahren Erfahrung mit Drogen aller Couleur. Welche Drogen gibt es, welche Wirkung haben Sie, woher kommen sie - Fakten, unterfüttert mit zahlreichen Beispielen aus dem wirklichen Leben. 22 Augenpaare hängen an seinen Lippen.

"Ist von euch schon jemand mal dort drüben gewesen? Also ohne Eltern?"

Acht Hände gehen hoch. Andere zögern.

"Das könnt ihr mit ruhig erzählen. Das ist ja nicht verboten. Haben die euch mal etwas angeboten, die Vietnamesen?"

"Nein." - "Noch nicht."

"Ich meine, ihr könnt das ja nicht verhindern. Wenn die euch mal etwas anbieten, sagt einfach NEIN und geht weiter. Nicht mehr."

In der Pause stehen ein paar Jungs zusammen und diskutieren. Sie wirken aufgewühlt.

"Ich fand das ja auch sehr interessant hier, wo der halt gesagt hat, ab welchem Alter das schon losgeht, in unserem Alter schon so etwas, hätte ich niemals gedacht", ...

...sagt Niklas, ein sportlicher Junge mit hochgegelten Haaren. Drogen seien für sie kein Thema, auch Alkohol und Zigaretten nicht. Aber Shoppen in Tschechien, ein Eis, ein paar Süßigkeiten, das gehört für die Teenager zum Alltag, erzählt Ricardo.

"Ich wohne jetzt eigentlich Luftlinie einen Meter an der tschechischen Grenze. Die Kaufhalle ist an sich normal. Aber dann gibt es diese kleinen dunklen Lädchen, wo dann draußen die vietnamesischen Leute stehen und einen eben reinwinken, eben ansprechen, dass man reinkommen soll. Also reagiere ich jetzt nicht drauf, aber die sprechen eben viele, die dort Zigaretten kaufen, an."

Müller: "Nehmt niemals Crystal. Auch nicht probieren. Es gibt dort keine Versuchsphase. Dann wäre ich eigentlich schon zufrieden. Ich bedanke mich für eure Aufmerksamkeit und würde mich dann von euch verabschieden. Schönen Tag noch!"

200 Veranstaltungen zur Prävention im Jahr 

Nach 90 Minuten Vortrag sitzt Ralf Müller im leeren Klassenzimmer. Der gelernte Schäfer kam als Hundeführer zur Polizei und über den Rauschgiftspürhund auch zur Drogenproblematik.

"Also das Crystal hat bis auf Haschisch und Marihuana eigentlich die meisten Drogen hier verdrängt. Und wenn sich das so weiter entwickelt, wird die Droge Crystal aufgrund dieser hohen Wirksamkeit und des vergleichbar geringen Preises immer weiter auf dem Vormarsch sein."

Zwischen 150 und 200 Veranstaltungen zur Drogenprävention hält Ralf Müller pro Jahr, hauptsächlich in Schulen, aber auch Elternabende.

"Ich habe die Drogenprävention hier im Landkreis aufgebaut, war lange Zeit flächendeckend tätig, also wirklich in allen 7. Klassen. Das schaffe ich heute in der Regel nicht mehr. Das hat mehrere Gründe. Einmal ist die Nachfrage nach den Veranstaltungen auch im Erwachsenenbereich angestiegen. Ein kleines bisschen ist auch mein Alter mit dran schuld und es spielt natürlich auch die mittlerweile Größe unserer Polizeidirektion eine Rolle."

Müller ist allein für die Drogenprävention im gesamten Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge zuständig. Früher seien sie zu zweit gewesen, erzählt er. Dabei müsse angesichts der gestiegenen Verfügbarkeit von Crystal viel mehr getan werden.

"Eine wirksame Prävention müsste sich eigentlich wie ein roter Faden durch das Leben eines Kindes bzw. Jugendlichen ziehen. Man müsste damit beginnen so früh wie möglich, also im Grundschulbereich, denke ich mal und dann in gewissen Abständen. Ein Kind lernt letztendlich durch ständiges Wiederholen."

Auch politischer Extremismus ist eines der Themen

Doch auch die Schule sei nicht untätig, sagt die stellvertretende Schulleiterin des Goethe-Gymnasiums Christine Hofmann. So werde im Biologie- und Ethikunterricht das Thema Drogen behandelt. Außerdem gebe es spezielle Projekttage.

"Es ist ein sehr wichtiges Thema für uns. Zum einen als Biologielehrer vom Fach her, aber auch sind wir uns unserer besonderen Lage hier an der Grenze bewusst und wissen, dass unsere Schüler besonderen Gefahren ausgesetzt sind."

Noch habe es keine Crystal-Fälle an der Schule gegeben. Allerdings ist Crystal eine Gefahr von vielen, über die Lehrer aufklären müssen. Neben Internetkriminalität, Mobbing und politischem Extremismus.

Christine Hofmann holt ihr Tablet hervor und zeigt mir eine Präsentation, die sie zum Thema Crystal erarbeitet hat. Schockierende Bilder von kaputten Zähnen und viel zu kleinen Babys von süchtigen Müttern. Dann zieht sie ein paar Plakate und Ordner aus einem Schrank. Das seien die offiziellen Lehrmaterialien, leider veraltet. Es geht um Ecstasy, kein Wort über Crystal.

"Fürs aktuelle Drogenthema Crystal würden wir uns wünschen, dass ähnlich wie für andere Drogen, wo wir schon gute Materialien haben, ein aktuelles Material rauskäme, mit aktuellen Zahlen, mit Material für die Schüler. Das wäre für uns eine große Hilfe."

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