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Die Reportage | Beitrag vom 02.05.2021

Suchtfaktor ComputerspielFaszination mit Nebenwirkungen

Von Sabine Adler

Illustration eines Jugendlichen mit Smartphone vor dem Gesicht, der sich in Pixeln auflöst. Als Hintergrund eine Tapete aus Nullen und Einsen. (unsplash / Marek Piwnicki)
Internetspielsucht oder Internet Gaming Disorder wurde neu in die Liste der sogenannten stoffunabhängigen Süchte aufgenommen. (unsplash / Marek Piwnicki)

In vielen Familien sorgen Computerspiele ständig für Ärger. Jugendliche können nicht aufhören, werden von Entwicklern zum Kauf von Zubehör animiert und versinken in ihrer Welt. Nach draußen lockt sie kaum noch etwas. Es sei denn, es kommt zum Entzug.

In Berlin Charlottenburg in einer großen Altbauwohnung leben Mario, zehn, und Jonas 13 mit seinen Eltern. Der jüngere Mario spielt Klavier, während sich der ältere Jonas auf dem Sofa unter mächtigen Kopfhörern verschanzt, den Bildschirm auf den Knien. Jonas daddelt gerne.

Ginge es nach ihm, er würde den ganzen Tag in Computerspielen von einem zum nächsten Level springen, in verschiedene Rollen schlüpfen, sich irgendwelche Outfits kaufen und wenn gar nichts mehr geht, ins Bett fallen. Bis zum nächsten Morgen. Aber es geht nicht nur nach ihm. Die Familie ist genervt von Jonas.

Spiel mit Kaufanreizen

Dabei ist Spielen am Computer Unterhaltung pur, findet Jonas und klickt mit der Maus.

"Da geht es darum, der letzte Überlebende zu sein. Hier kommen jetzt die Gegner. Jetzt habe ich einen getroffen. Jetzt habe ich einen getötet!"

Kurz darauf wird er selbst getötet, aber das macht nichts, denn in dem Spiel kann man auch wieder auferstehen. Nach nur drei Sekunden. Man kann seinen Figuren auch allerhand kaufen, erklärt Jonas.

"Ich kann die hier so anziehen und was ich gekauft habe, ist dieser Rucksack zum Beispiel."

Zehn Euro hat der rosafarbene Rucksack gekostet.

"Sieht halt besser aus. Oder wenn mich ein Gegner sieht in der Runde und mein Outfit sieht, dann merkt der direkt: Oh, das ist ein guter Spieler, den greife ich jetzt mal nicht an."

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Da Jonas erst 13 Jahre alt ist, hat er kein Bankkonto und kann auch keine sogenannten "Eyecandys", also Augenbonbons, wie den pinkfarbenen Rucksack kaufen. Er muss zwangsläufig mit seiner Mutter kommunizieren und einen Deal vereinbaren. Sandra muss dann das vereinbarte Geld überweisen.

"Die Regel ist bis maximal sechs Euro im Monat. Aber neulich hat er irgendetwas gekauft, zack, waren 10,99 weg. Und dann habe ich natürlich auch gesagt: Du, wir haben etwas ausgemacht. Und da hat er gesagt, okay, ich mache es nicht noch mal. Dann habe ich meine Kreditkarte gesperrt.

Die Spiele, die Jonas spielt, sind zugelassen ab 16 oder 18 Jahren. Er darf sie also offiziell gar nicht haben. Tatsächlich gibt es aber viele Umwege, sagt seine Mutter Sandra:

"Eines Tages finde ich unter der Matratze Google Play Cards, mehrere Rubbel-Karten fünf a 15 Euro, die abgelaufen waren, die er also benutzt hat. Und dann spreche ich ihn darauf an. Und dann kommt raus, dass er sich dafür tatsächlich Zubehör gekauft hat. Und ich fragte ihn, wie hast du das gekauft? Da war er elf ein halb. Da sagte er, da habe ich mein Taschengeld genommen, bin zur Tankstelle. Und dann hat er mich gefragt, bist du denn schon 15? Und ich habe "ja" gesagt.

Der "Babysitter-Effekt" ist für Eltern verführerisch 

Sandra findet die Computerspiele nur nervig. So wie viele Eltern. Psychologen warnen allerdings vor abfälligen Bemerkungen, schließlich lieben viele Kinder die Spiele über alles. Eltern sollten sie kennenlernen. Sie müssen sie nicht lieben, aber sie sollten wissen, was daran so faszinierend ist. 

Sandra fürchtet, dass ihr Sohn Jonas seine Jugend auf der Couch statt auf dem Sportplatz oder im Jugendklub verbringt. Aber den Spielen etwas aus dem echten Leben entgegenzusetzen ist schwierig. Was ist draußen im Wald schon so spannend wie ein Kampf um Leben und Tod?

Man hätte früher eingreifen müssen, glaubt Sandra heute. Aber wer macht das schon?

"Ich glaube, dass viele auch weggucken. Es gibt diesen Babysitter-Effekt. Kinder, die ja in dem Alter bis acht, neun immer irgendetwas machen wollen. Und plötzlich gibt da etwas, da sind sie mal ruhig. Wir als Eltern merkten, och, es ist ja gerade so ruhig. Das war bei uns so, jetzt nervt er nicht so."

Internetspielsucht oder Internet Gaming Disorder wurde neu in die Liste der sogenannten stoffunabhängigen Süchte aufgenommen. Wenn die Gedanken nur noch um das Spiel kreisen, wenn alles andere vernachlässigt wird, wenn Unruhe und Stress aufkommen, weil nicht gespielt werden kann, dann sollten bei den Eltern die Warnblinkanlagen angehen. Ramona hat das erlebt und ihren Sohn Tom quasi in einen kalten Entzug befördert. Alles begann mit dem Spiel Fortnite.

"Damit ist er wirklich in die Spielsucht abgerutscht. Der hat jede Sekunde genommen. Durch den Lockdown war das natürlich alles noch viel unkontrollierter. Wann hat er Schule, wann zockt er? Und wenn er Pause hat, kommt er einfach nicht runter und wir denken, er hat noch Schule. Und das hat dazu geführt, dass die Noten immer schlechter wurden. Dass er jetzt in Mathe tatsächlich auch kurz versetzungsgefährdet war, also auf 4,5 stand. Und da haben wir als Eltern jetzt gesagt: Jetzt reicht's!"

Letzter Ausweg – der kalte Entzug

Die Eltern haben Tom erklärt, dass sie Angst um ihn haben. Angst, dass er sich sozial isoliert und emotional verkümmert. Und ihm den Computer weggenommen. Tom reagierte wütend, extrem gereizt, unausgeglichen. Die Eltern versuchten es mit einem Gegenprogramm: Spaziergänge, Fahrradfahren, Basteln. Mit mäßigem Erfolg. Aber irgendwann nach ein paar Wochen hat sich die Anspannung gelöst. 

Eine Jugendliche spielt in einem Wald in Berlin mit ihren Hunden. (imago images / Frank Sorge)Wie begeistert man „computersüchtige“ Kinder und Jugendliche für etwas anderes? Vielleicht ist ja Rumtollen mit Tieren in der Natur eine Idee. (imago images / Frank Sorge)
Tom wirkt heute relativ gelassen, wenn er über die Zeit spricht. 

"Am Anfang bin ich total ausgerastet. Ich war sehr wütend auf Mama und Papa, dass sie mir das weggenommen haben. Aber dann, nach einer Woche oder so war es eigentlich nicht mehr so schlimm. Da habe ich dann halt was anderes gemacht, habe mir Bücher geholt, die ich haben wollte. Habe meine Zeit mit anderen Sachen verbracht. Fahrrad fahren."

Dass seine Mitspieler ihn gar nicht vermissen, sondern einfach mit jemandem anderen weiterspielen, war eine Erkenntnis. Dass die Noten in der Schule besser werden, wenn er nicht so viel zockt, die andere. Dennoch: Hätte Tom heute die freie Wahl, er würde sich nicht zutrauen, allein mit dem Zocken aufzuhören. "Spielen macht halt Spaß."

Eltern sollten medienfreie Räume schaffen

Paula Bleckmann ist Professorin an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter. Sie möchte Kindern zu mehr Medienmündigkeit verhelfen. Die Medienpädagogin ist – maßvoll genutzt – für Computerspiele und für den Spaß, den man mit ihnen haben kann. Allerdings haben gerade in der Pandemie viele die Kontrolle verloren. Homeschooling sei Dank.

"Dadurch sorgt man dafür, dass auch Kinder, die das vorher nicht hatten, in ihrem eigenen Kinderzimmer ein internetfähiges Digitalgerät haben müssen und lädt den Eltern damit eine enorme Verantwortung auf. Denn wir wissen, bei eigenen Geräten im Zimmer da explodieren die Bildschirmzeiten. Die sind dann im Schnitt doppelt so hoch. Es explodiert der Konsum, problematischer Inhalte also Stichwort Gewalt, Pornografie, Rechtsradikales, was man alles so im Internet findet, um einen Faktor sechs. Das haben wir jetzt, die Eltern an der Backe."

Eine Junge sitzt vor einem aufgeklappten Laptop mit Kopfhörern und Mikrofon und macht Homeschooling. Auf dem Tisch liegen verschiedene Schulbücher. (mago images / Fotostand / Freitag)Wann hört das Lernen auf und das Daddeln fängt an? Für viele Eltern ist das während des Homeschoolings oft kaum noch richtig zu überblicken. (mago images / Fotostand / Freitag)
Wer die Möglichkeit hat, den PC, an dem das Kind Hausaufgaben macht, ins Esszimmer oder die Küche zu stellen, sollte diese tun, rät Paula Bleckmann. Außerdem sollten Eltern medienfreie Räume schaffen, Vereinbarung darüber treffen, auch über maximale Nutzungszeiten.

"Ich habe meine Interviews mit Computerspielsüchtigen geführt, mit 16-Jährigen, und ein Befragter hat tatsächlich so lange gespielt, bis er in Ohnmacht fiel. Dann ist er aufgewacht."

Wie bei jeder Sucht kommen verschiedene Faktoren zusammen. Computerspielsüchtige suchen im Spiel oftmals Dinge, die sie im Leben vermissen: die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, nach Autonomie und die Sehnsucht nach Anerkennung für Leistung.

"Und das ist eigentlich eine ganz klare Botschaft an Eltern und auch an Schule. Gelingt es uns, dem Kind im realen Leben zu helfen, diese Sehnsüchte zu befriedigen?"

AADDA steht für "Alle Anderen Dürfen Das Auch"

Spiele mit Suchtfaktor befriedigen die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, indem sie Gruppen von zum Beispiel 20 Kämpfern bilden – die müssen sich verabreden und zuverlässig dabei sein. Ein Gruppendruck entsteht. Außerdem kennen die Spiele kein Ende. Man hievt sich von einem Level zum nächsten – es kann bis in die Unendlichkeit so weitergehen.

Auch Eltern sollten sich Gruppendruck nicht beugen. AADDA steht für: Alle anderen dürfen das aber. Kinder behaupten gerne, dass alle bereits ein Smartphone haben, alle bestimmte Filme gucken dürfen, alle Computerspiele bis tief in die Nacht spielen dürfen. Hier hilft es, sich mit anderen Eltern zusammenzutun, so wie das inzwischen häufig in den USA geschieht. Wenn zehn von 20 Kindern in der Klasse kein Smartphone haben, weil die Eltern das so verabreden, dann hat AADDA als Argument ausgedient.

"Wie kann es sein, das Multimedia-Milliardäre, also Jeff Bezos, Bill Gates, Steve Jobs, ihren eigenen Kindern die ersten eigenen Bildschirmgeräte frühestens im Alter von 14 Jahren geben? Sie verdienen sich aber gleichzeitig einen Teil ihrer Milliarden damit, dass sie den Kindern anderer Leute diese Geräte schon so viel früher verkaufen. Da können Eltern gegensteuern."

Streiten ist ein Beziehungsangebot 

Und sie sollten das auch, meint Paula Bleckmann, und keinesfalls kapitulieren so nach dem Motto: Mein Kind kennt sich sowieso viel besser mit Computern aus als ich.

"Da wo Reibung ist, da ist auch Wärme. Und da ist Begegnung. Und da merkt ja der Jugendliche auch, meine Eltern interessieren sich wirklich für mich. Streit muss man aushalten, die Fähigkeit Nein zu sagen und in Kauf zu nehmen, dass eben ein Jugendlicher dann vielleicht kurzfristig ärgerlich ist. Aber merkt, meine Mutter, die interessiert sich wirklich für mich. Mein Papa, dem bin ich nicht egal. Das ist ein Beziehungsangebot."

Quellen:
https://www.bzga.de/aktuelles/2020-12-15-neue-bzga-studiendaten-zur-computerspiel-und-internetnutzung/

Patricia Cammarata: "Dreißig Minuten, dann ist aber Schluss"
Eichborn Verlag, 2020
320 Seiten, 16 Euro

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