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Studio 9 | Beitrag vom 26.08.2020

Suchdienst des DRKSeit dem Zweiten Weltkrieg vermisst

Von Christiane Habermalz

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Regale voller Karteikarten: Ein Mitarbeiter des DRK-Suchdienstes sucht in der Zentralen Namenskartei am 04.05.2015 in Hamburg.  (picture alliance / dpa / Ulrich Perrey)
Regale voller Karteikarten in der Zentralen Namenskartei des DRK-Suchdienstes in Hamburg im Jahr 2015: Bis heute gehen jährlich tausende Anfragen nach Vermissten des Zweiten Weltkriegs ein. (picture alliance / dpa / Ulrich Perrey)

Seit 1945 klärt der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes die Schicksale von Vermissten des Zweiten Weltkriegs. Eigentlich sollte er im kommenden Jahr eingestellt werden. Doch auch 75 Jahre nach Kriegsende geht die Suche nach Verschollenen weiter.

Dass sie in ihrem Leben wohl nie erfahren würde, was mit ihrem Vater im Zweiten Weltkrieg geschehen ist, damit hatte sich Heidi Büttner lange nur schwer abfinden können. Als Kind hatte sie immer gehofft, dass er noch kommen würde, erzählt die heute 81-Jährige. Doch alle Suchanfragen an das Deutsche Rote Kreuz (DRK) in der Nachkriegszeit und danach waren umsonst gewesen. Die Familie wusste nur, dass Feldwebel Waldemar Jahr am 10. Mai 1945 in der Slowakei in russische Kriegsgefangenschaft kam, seither verlor sich seine Spur. Bei Kriegsende war sie sechs Jahre alt.

"Und dadurch habe ich auch wenig Erinnerung an meinen Vater" sagt Heidi Büttner. "Aber diese Sehnsucht, du müsstest wissen... Und dann war mir immer klar, er hatte ja einen Lazarettplatz, wenn die da sterben, da sind die Russen ganz genau, die schreiben jeden Namen auf. Und ich krieg keine Nachricht."

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Die Ungewissheit blieb bis zum vergangenen Jahr. 2019 stellte Heidi Büttner einen neuen Suchantrag. Diesmal hatte sie mehr Glück. Nach fünf Monaten erhielt sie einen Brief, der endlich Klarheit brachte. Ihr Vater, erfuhr sie, war bereits nach vier Monaten Gefangenschaft im September 1945 in einem Spezialhospital südöstlich von Moskau gestorben. Todesursache: Hunger und Unterernährung. Ein Schicksal, das er mit vielen anderen deutschen Kriegsgefangenen teilte.

Für seine Tochter war es trotzdem eine große Erleichterung, endlich Gewissheit zu haben. Und sie weiß, dass ihm zumindest jahrelanges Leiden in sowjetischen Lagern erspart geblieben ist: "Mir ist jetzt leichter ums Herz. Ich kann jetzt anders an meinen Vater denken!" 

Tausende Vermisste, auch 75 Jahre nach Kriegsende 

Eigentlich sollte der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes, das seit 1945 die Schicksale von Vermissten des Zweiten Weltkrieges aufklärt, im kommenden Jahr eingestellt werden. 75 Jahre nach Kriegsende, so hatte ein Unternehmensgutachten dem DRK vor drei Jahren beschieden, würde dann nun wirklich kein Bedarf mehr bestehen.

Doch das Gegenteil war der Fall, erklärt DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt: "Die Anträge sind aber nicht zahlenmäßig zurückgegangen, sondern im Gegenteil, sie sind sogar noch gestiegen. Wir hatten im letzten Jahr etwa 10.000 Anfragen, wir rechnen in diesem Jahr sogar mit 11.000 Suchanfragen, nur bezogen auf den Personenkreis des Zweiten Weltkrieges."

Es stellte sich heraus, dass das Interesse am Schicksal der Kriegsverschollenen auch in der Enkelgeneration noch groß ist. Und manche entscheiden sich, wie Heidi Büttner, erst im hohen Alter dazu, noch einmal einen neuen Anlauf zu starten. Und die Chancen stehen nicht schlecht, damit jetzt Erfolg zu haben. Nach dem Fall der Mauer sind die russischen Militärarchive zunehmend für die Suchdienste direkt zugänglich geworden, neue Quellen taten sich auf, die Digitalisierung erleichtert die Antragstellung.

Kriegsgefangene aus den Lagern Stalino und Leningrad geben einer Rotkreuz-Schwester im Münchner Löwenbräu am 1953 Hinweise zu den Namen Verschollener. (picture-alliance / dpa / Willi Antonowitz)Kriegsgefangene aus den Lagern Stalino und Leningrad geben einer Rotkreuz-Schwester 1953 Hinweise zu den Namen Verschollener. (picture-alliance / dpa / Willi Antonowitz)

Das zuständige Bundesinnenministerium hat daher entschieden, den Suchdienst zum Zweiten Weltkrieg noch bis Ende 2025 weiter zu finanzieren. Elf Millionen Euro fließen jährlich in den Suchdienst, 98 Mitarbeiter arbeiten als Schicksalsaufklärer beim DRK. Doch nur ein Viertel von ihnen beschäftigt sich noch mit den Altfällen des Zweiten Weltkriegs.

Den größten Teil der Arbeit bezieht sich heute auf aktuelle Vermisstenfälle im Bereich von Flucht und Migration: Familienangehörige, die auf der Flucht getrennt wurden, Menschen, die in Kriegsgebieten verschwunden sind oder die verhaftet wurden, ohne dass die Angehörigen Nachricht erhalten.

Dieser Teil des Suchdienstes wird ohnehin weiterlaufen, erzählt die Leiterin des Suchdienstes, Dorota Dziwoki: "Zu aktuellen Konflikten haben wir im letzten Jahr knapp über 2.000 Suchanfragen erhalten. Voraussetzung ist immer, dass ein Familienangehöriger sich in Deutschland befindet, oder in Deutschland vermutet wird. Und hier arbeiten wir sehr eng mit dem Internationalen Roten Kreuz und dem Roten Halbmond zusammen."

Der Eiserne Vorhang war durchlässig

Die Entscheidung, den Suchdienst zum Zweiten Weltkrieg fortzusetzen, ist für das CSU-geführte Bundesinnenministerium auch ein Stück Heimatpolitik. Nach 1945 war Europa ein zerrissener Kontinent. Flüchtlinge, Vertriebene, KZ-Überlebende, Kriegsheimkehrer und Ausgebombte waren auf den zerstörten Straße unterwegs. Bis 1950 erreichten den Suchdienst 14 Millionen Anfragen zu vermissten Angehörigen.

Mitarbeiterinnen des Suchdienstes vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) in München blättern in den Karteikästen des weitläufigen Archivs nach Namensübereinstimmungen, aufgenommen am 16. April 1998. (picture-alliance / dpa / Ursula Düren)Seit 75 Jahren gehen Anfragen beim DRK-Suchdienst zu vermissten Personen aus dem Zweiten Weltkrieg ein und es werden wieder mehr. (picture-alliance / dpa / Ursula Düren)

Etwas mehr als die Hälfte der Schicksale konnte aufgeklärt werden – ein wichtiger Beitrag für die Kriegsfolgenbewältigung. Der sonst so hermetisch verschlossene Eiserne Vorhang erwies sich dabei für den Suchdienst immer wieder als erstaunlich durchlässig. Ein Umstand, der nun auch Gegenstand eines Forschungsprojekts des Instituts für Zeitgeschichte in München werden soll.

"Selbst wenn auf der obersten Ebene Kalter Krieg und Frost herrschte, auf dieser unteren Ebene zwischen den Institutionen in den einzelnen Ländern des Deutschen Roten Kreuzes konnte eine Kommunikation stattfinden. Das ist etwas, was weitgehend in der Analyse der internationalen Politik der Nachkriegszeit so noch nicht beachtet worden ist", erklärt der Historiker Magnus Brechtken, Vize-Direkor des Instituts für Zeitgeschichte.

Endlich zu wissen, was mit den Angehörigen passiert ist, bleibt ein wichtiger Beitrag zur Bewältigung der Kriegsfolgen – auch noch nach 75 Jahren.  

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