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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.07.2010

Subversives aus dem Orient

Shahriar Mandanipur: "Eine iranische Liebesgeschichte zensieren", Unionsverlag, Zürich 2010, 319 Seiten

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Liebe und Zensur in Iran - davon erzählt Shahriar Mandanipur in seinem neuen Roman. (AP)
Liebe und Zensur in Iran - davon erzählt Shahriar Mandanipur in seinem neuen Roman. (AP)

Shahriar Mandanipur, einer der bedeutendsten Autoren des Iran, hat mit den Zensurbehörden in seinem Heimatland quälende Erfahrungen gemacht. Nun revanchiert er sich mit einer trotzigen Parodie in Roman-Form.

In diesem Roman steht alles unter Verdacht, jede Zeile, jede Szene, jede Figur. Verdächtig sind offenbar auch wir, die Leser. Zumindest scheinen wir unter Beobachtung zu stehen. Denn der Erzähler des Romans "Eine iranische Liebesgeschichte zensieren" von Shahriar Mandanipur spricht uns gelegentlich direkt an.

Er korrigiert unsere Vorstellungen vom heutigen Iran, er hilft uns auf die Sprünge, wenn er den Eindruck hat, wir verlören ob der Fülle seiner intertextuellen Anspielungen auf Werke der Weltliteratur und des Weltkinos den Überblick: Jacques Derrida, Paul Auster, Bernardo Bertolucci, um nur einen kleinen Ausschnitt aus dem globalen Kulturkosmos zu nennen, in dem sich der Roman bewegt.

Das ist etwas irritierend - wie dieser ganze postmoderne Roman aus dem Orient etwas Irritierendes besitzt; mit dem typografischen Wechsel zwischen Fett- und Magerdruck und dem beständigen Wechsel der Perspektiven, dem Hin und Her zwischen Erzählerstimme und autoritärem Off-Kommentar, den durchgestrichenen Druckzeilen. Aber es ist konsequent.

Denn Shahriar Mandanipur, der 1957 im Iran geboren wurde, zu den bedeutendsten Schriftstellern seines Landes zählt, dieses vor vier Jahren verließ und inzwischen in Amerika lebt, erzählt in seinem neuen Roman nicht einfach eine Geschichte von der Zensur und der iranischen Zensurbehörde, deren Tyrannei er aus eigener, langer und quälender Erfahrung bestens kennt. Er unternimmt ein weitaus komplexeres, subversiveres Experiment.

Er verfasst einen Roman, der sich das Verfahren des Zensierens buchstäblich zu eigen macht und als literarische Methode verwendet. Sein Titel "Eine iranische Liebesgeschichte zensieren" ist wörtlich zu verstehen, sein Untertitel könnte lauten: Eine literarische Zensurperformance.

Sie besteht, grob zerlegt, aus drei Elementen, drei Erzählsträngen. Erstens: Die Liebesgeschichte zwischen der Teheraner Literaturstudentin Sara und dem arbeitslosen Filmwissenschaftler Dara. Zweitens: Der Auftritt des Erzählers als Zensor der gerade entstehenden Liebesgeschichte. Drittens: Die Geschichte der Kämpfe, die ein Schriftsteller namens Shahriar Mandanipur seit Jahren mit einem gewissen Herrn Petrowitch ausficht.

Er ist der mächtige Zensor des iranischen Ministeriums für Kultur und islamische Leitung. Ein dogmatisch-paranoider Pappenheimer, wie jede Diktatur ihn kennt. Sein Handwerk heißt verbieten und streichen, sein einziger Vorzug besteht darin, dass er sich hervorragend parodieren lässt. Eben dies, eine komische, trotzige Parodie ist der Roman von Shahriar Mandanipur. Es ist sein erstes im Westen veröffentlichtes Buch, es wendet sich spürbar an die Weltöffentlichkeit und konnte im Iran selbstredend nicht erscheinen.

Besprochen von Ursula März

Shahriar Mandanipur: Eine iranische Liebesgeschichte zensieren
Aus dem Englischen von Ursula Ballin
Unionsverlag, Zürich 2010
319 Seiten, 19,90 Euro

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