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Echtzeit | Beitrag vom 16.09.2017

SubkulturSkater als Vorhut der Gentrifizierung

Von Louise Brown

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Der Skate-Platz an dem Londoner South Bank. (Deutschlandradio-Louise Brown)
Der Skate-Platz an dem Londoner South Bank. (Deutschlandradio-Louise Brown)

Wenn es um die Aufwertung von Stadtteilen geht, dann beziehen sich Immobilienentwickler gerne auf eine blühende Subkultur vor Ort: Das Graffiti eines berühmten Sprayers schafft Mehrwert und auch eine lebendige Skater-Community ist ganz im Sinne des Geschäfts.

Der Skate-Platz an dem Londoner South Bank ist legendär. Wie eine Höhle eingebettet auf der Unterseite eines monströsen Betonbaus, Londons größtem Kunstzentrum. Seit 40 Jahren kommen Skater hierher, um durch die Säulen zu rasen, entlang der Betonrampen zu gleiten und mit ihren Brettern von den vielen Mauern, Kanten und Treppen zu springen.

Das Beste an diesem Ort, sagt Skater Stuart Maclure: Er war nie fürs Skaten gedacht.

Den Platz haben die Skater sich selbst angeeignet. Für sie ist er Familie, Gemeinschaft, Geschichte.

"It’s like stepping into history. Its like our Big Ben!"

Für London ist er ein Ort, den es kaum noch gibt. Ohne Konsum. Passanten, jung und alt, verweilen hier, um den Skatern wie exotische Vögel zuzuschauen.

2014 sollte damit Schluss sein: Das Kunstzentrum, das South Bank Centre, kündigte die Neugestaltung der Fläche an. Geschäfte und Cafés sollten einziehen.

150.000 Unterschriften gegen die Bauanträge

"You can’t move history" hieß das Motto der Kampagne, mit denen die Skater um ihren Platz kämpften: Mit 150.000 Unterschriften und 40.000 Einwänden gegen die Bauanträge, mit der Unterstützung von Filmemachern, Rappern und dem ehemaligen Bürgermeister Boris Johnson, gewannen sie ihren Spot zurück.

"Nachdem dem South Bank Centre klar wurde, wie sehr der Platz Touristen anlockte, erkannten sie, wie wertvoll er war und gaben nach."

Skateboard mit Aufklebern (Deutschlandradio-Louise Brown)Die Skater von der Londoner South Bank hoffe, dass ihr Revier bleiben wird. (Deutschlandradio-Louise Brown)

Das sagt Oli Mould, Dozent an der University London.

Er beobachtet ein Phänomen, das sich nicht nur in London etabliert: Dass, wenn es um die Aufwertung von Stadtteilen geht, gerne die Subkultur bemüht wird. Immobilien gewinnen heute an Wert, wenn das Graffiti eines bekannten Künstlers die Wände ziert. Und Stadtplaner haben den Nutzen von Skatern erkannt:

"Stadtplaner nutzen Skateboarder, um die Entwicklung eines Stadtteils voranzutreiben. Manchmal gar auf eine ziemlich hinterhältige Weise. Um Drogendealer oder Obdachlose abzuschrecken, machen sie den Raum heimlich skatefähig, planen etwa ein paar nette Rails und Rampen ein."

Ocean Howell, Professor an der Universität Oregon und Ex-Skater schrieb bereits vor ein paar Jahren über Skateboarder als "Stoßtruppe der Gentrifizierung". Und verwies auf Skatespots wie den Love Park in Philadelphia. Der zog in den 80er Jahren Obdachlose und Kleinkriminelle an. Dann kamen die Skater. Die Büroarbeiter. Die Touristen. Heute ist der Park begrünt. Und Skaten dort verboten.

Auch die South Bank war viele Jahre ein zügiger Ort, mit seinen in den 60er Jahren errichteten Betonklötzen, die eine graue Themse säumten. Heute ist das Viertel mit Sandkisten für Kinder, Food Trucks, Straßenmusikern und unzähligen Cafés zu einer Flaniermeile geworden, über die einige neue Luxuswohnhäuser ragen.

Als die Besitzer des Geländes an der South Bank den Platz umgestalten wollten, boten sie den Skatern eine Ausgleichsfläche weiter den Fluss hinauf an. Immerhin - aber so funktioniere Subkultur nicht, meint Oli Mould:

"Es braucht Zeit und Vertrauen, damit diese Plätze funktionieren. Wenn man sie nur aus Gründen der Gentrifizierung einrichtet ist klar, dass die Skater sie nicht annehmen werden."

Skater schließen Kompromisse

Sie durften bleiben, allerdings mit der Auflage ihren Platz zu restaurieren. Tag für Tag stehen sie an ihrem Kampagnentisch an der South Bank, verkaufen T-Shirts und sammeln Spenden um die nötigen 800.000 Pfund zusammenzukriegen.

Skaten heißt: sich die Stadt anzueignen, wie man sie vorfindet. Skaten heißt sich vorwärts zu bewegen. Skaten heute heißt manchmal auch, Kompromisse zu machen:

London South Bank wird deshalb trotzdem nie seine Geschichte vergessen, sagt Stuart Maclure:

"Letzendlich geht es uns immer nur ums Skaten. Wir vergessen nicht warum wir das hier machen. Die Gemeinschaft ist das Herz der Bewegung. London South Bank wird diese Wurzeln nie vergessen."

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