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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 06.11.2009

Stumme Ausgrenzung

Juden in der DDR

Von Gerald Beyrodt

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Blick in ein jüdischen Zuhause (AP Archiv)
Blick in ein jüdischen Zuhause (AP Archiv)

In den 50er-Jahren verließen Tausende Juden die DDR, weil sie dort keine Zukunft mehr für sich sahen. Am Ende der Republik waren die Gemeinden waren auf 400 Miglieder geschrumpft. Juden hatten in der DDR einen schweren Stand - zum Teil.

Die Liste ist lang und illuster. Die Liste der Menschen mit Rang und Namen in der DDR und mit jüdischem Hintergrund. Klaus Gysi zum Beispiel, Staatssekretär für Kirchenfragen, und Vater von Gregor Gysi, Hermann Axen, Politbüro-Mitglied, Alexander Abusch, Schriftsteller und Mitglied des Zentralkomitees, Stefan Doernberg, Botschafter der DDR in Finnland, oder der Schriftsteller Stefan Heym, dem jüdische Themen unter den Nägeln brannten, wenn man nach seinen Romanen urteilt. Der sich später sogar auf einem jüdischen Friedhof beerdigen ließ. Doch sie alle waren nicht Mitglied einer jüdischen Gemeinde.

Hermann Simon, heute Leiter des Centrum Judaicum, war zu DDR-Zeiten Mitglied im Vorstand der Ostberliner Jüdischen Gemeinde.

"Es gab Leute, wo man eben: 'Ja', gesagt hätte, 'Mensch toll, wenn der und der Mitglied wäre'. Es gab Leute, die kamen mal in die Gemeinde vorbei, gaben da ein paar tausend Mark ab, viel Geld teilweise, soll für ne gute Sache sein, mir wär's immer lieber gewesen, die wären Mitglied, weil das irgendwo den Status dieser Gemeinschaft erhoben hätte, das fand ich nicht so schön."

Hermann Simon unterscheidet zwischen zwei Gruppen:

"Wir hatten Menschen, die Gemeindemitglieder geblieben sind oder geworden sind, und Menschen, die zwar als Juden verfolgt waren und mit dieser Gemeinde nicht viel zu tun haben wollten, aus welchen Gründen auch immer. Menschen, die nie eingetreten sind oder, die mit Beginn der 50er-Jahre genötigt wurden auszutreten oder, noch viel schlimmer, die das Gefühl hatten, man könnte sie nötigen auszutreten, und diesem in vorauseilendem Gehorsam zuvorgekommen sind. Und meine Hypothese ist die, dass diese Juden, die keine mehr sein wollten, und Juden, die in der Gemeinde waren, relativ wenig miteinander zu tun hatten."

Für die Kinder von Parteimitgliedern war das Judentum unbekanntes Terrain, vermintes Gelände, ein Thema, über das ihre Eltern lieber schwiegen. Ein Teil ihrer Geschichte, den sie nicht kannten. Den viele von ihnen erst selbst aufdecken, ausgraben, wieder ans Tageslicht holen mussten.

Dieses Motiv zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk der Dichterin Barbara Honigmann. Fast alle ihre Geschichten und Romane tragen autobiographische Züge. Immer wieder kommen ihre Eltern und sie selbst sogar mit Namen vor. Die Eltern verstecken und verheimlichen ihr Judentum vor den Genossen, aber auch vor der Tochter: Für sie bleiben viele Fragen offen.

"Was ist eigentlich aus den anderen geworden, aus euren Familien, in Ungarn, Österreich und in Deutschland? Sind sie tot, leben sie noch, was für ein Leben, wo?
Warum sprecht ihr nicht von den Gräbern eurer Eltern, warum sprecht ihr überhaupt so wenig von euren Eltern? Was wolltet ihr um Himmels willen in der DDR? War es mehr als der Parteiauftrag? War es nur der Parteiauftrag? Warum habt ihr euch unterworfen?"

Diese Fragen waren schmerzlich, und es wurden mit den Jahren immer mehr.

Ganz anders die Kinder der Gemeindemitglieder: Für sie war die jüdische Religion Teil des Lebens und des Alltags. Für sie gab es nichts aufzudecken, auszugraben, ans Tageslicht zu holen. Zu ihnen gehörte Hermann Simon, ein Mitschüler von Barbara Honigmann. An den hohen Feiertagen meldete ihn sein Vater vom Schulunterricht ab: am Neujahrstag Rosch Haschana und am Versöhnungstag Jom Kippur. Auf dem Entschuldigungszettel an die Lehrerin wurde nicht etwa eine Erkältung vorgeschoben, sondern ganz selbstverständlich die Feiertage als Grund angeführt. So war es auch, als Hermann Simon seine Bar Mitzwah hatte: Mit der Feier wird ein 13-jähriger Junge zum vollgültigen erwachsenen Gemeindemitglied.

"Natürlich schrieb mein Vater wieder einen Zettel, dass sein Sohn am Sonnabend, 28. April 1962, nicht kommen wird. Und ich komme nach Hause – und vor der Tür lag ein Blumenstrauß mit einer Briefkarte von meiner Klassenlehrerin."

Hermann Simons Eltern führten ein bewusstes jüdisches Leben, schrieben eine Geschichte der jüdischen Philosophen, waren Gemeindemitglieder. Der Sohn kam 1949 im jüdischen Krankenhaus in Berlin-Wedding zur Welt. Von Anfang an war klar, dass er auch als Jude aufwachsen sollte, schon als Baby wurde er beschnitten, wie es jüdische Sitte ist. Neben der Kippa trug der Junge aber auch häufig das blaue Hemd der FDJ.

"Ich hab das nicht als Widerspruch erlebt, nein. Ich frag mich natürlich heute, ob das eine oder andere notwendig war, das ist schwer zu sagen, aber ich war Mitglied der Freien Deutschen Jugend, und ich hatte nicht nur Bar Mitzwah, sondern nahm auch an der Jugendweihe teil."

In den 60er-Jahren, glaubt Hermann Simon, machte es für jüdische Jugendliche kaum einen Unterschied, ob sie nun in Berlin-Ost oder in Berlin-West aufwuchsen. Hier wie dort gehörten sie einer Minderheit an und waren Mitglieder kleiner, überschaubarer Gemeinden. In der Schule erzählte er den Klassenkameraden von seiner Religion und stöhnte über die langen Gottesdienste an den Feiertagen, die er als Jugendlicher schwer erträglich fand. Auch an seinem Arbeitsplatz als Historiker in den Staatlichen Berliner Museen habe er nie Nachteile gehabt. Ganz andere Erinnerungen hat die Übersetzerin Salomea Genin an die 60er-Jahre in der DDR.

"Die Reaktion, die ich meistens erfahren habe, war die stumme Ausgrenzung. Wenn Leute erfahren haben, dass ich Jüdin bin, wurden sie höflich, wandten sich ab."

Vor allem störten sie die große Unwissenheit ihrer Mitbürger über den Holocaust und die weit verbreitete Ansicht, die Nazi-Vergangenheit sei erledigt.

"Ich entwickelte Angst zu sagen, dass ich Jüdin bin. Es wurde einfach übergangen, dass das irgendeine Bedeutung hatte in diesem Land. So fing ich an, mich zu fühlen wie ein Gespenst, was zwar da ist, aber keiner sieht es. Weil wenn man nicht reden kann über die Dinge, dann existieren sie doch nicht in der Öffentlichkeit."

Abseits der Öffentlichkeit gab es sehr wohl ein kleines jüdisches Leben in den größeren Städten der DDR. Alle zwei Wochen kam ein jüdischer Schlachter aus Ungarn in die Berliner und verkaufte koscher geschlachtetes Fleisch. Inmitten der Hauptstadt der DDR, die die Religion gerne abschaffen wollte, hielt die Ostberliner jüdische Gemeinde wenigstens an den wichtigsten jüdischen Riten fest. Mit Gottesdiensten am Freitagabend und am Samstagmorgen.

Die Überalterung der Gemeinde machte sich bemerkbar: Beerdigungen waren sehr viel häufiger als Bar Mitzwah-Feiern. Hatte die Gemeinde Anfang der 70er-Jahre noch 400 Mitglieder, waren es Ende der 80er nur noch gut 200.

Gemeindevorsitzender in Ostberlin war von 1971 bis 91 der Arzt Peter Kirchner. Als junger Mann wollte er Chirurg werden und die Gemeinde brauchte jemanden für die Beschneidung der Jungen.

"Die Jungs oder heute natürlich die erwachsenen Männer, soweit sie aus'm Osten sind, sind im Wesentlichen von mir beschnitten worden und ich habe das auch über den Berliner Rahmen hinaus in anderen Gemeinden der DDR gemacht."

In seinen 20 Jahren als Gemeindevorsitzender legte Peter Kirchner großen Wert darauf, nicht nur Gottesdienste anzubieten, sondern auch Vorträge und Liederabende. Seine Frau kümmerte sich um die Gemeindebibliothek. Geboren ist Kirchner im Jahr 1935, als Sohn einer jüdischen Mutter und eines christlichen Vaters. Zahlreiche sogenannte "Mischlinge" blieben vom Holocaust nur deshalb verschont, weil die Ermordung der "Volljuden" für die Nazis Vorrang hatte.

Doch auch die "Mischlinge" brauchten Glück zum Überleben.

"Der Kreis derer, die nach dem Krieg in der Gemeinde waren, waren ja jene, die den Faschismus in Deutschland überlebt haben, beziehungsweise aus einem der Lager, aber das war ein kleinerer Kreis, zurückkamen. Das heißt: Der Personenkreis, wie auch ich, die aus einer Mischehe kamen, ist also das Gros gewesen, und damit bin ich im Grunde genommen auch typisch für jene, die in Deutschland oder Ostdeutschland dann Mitglied einer jüdischen Gemeinde waren."

Über den Umgang der DDR mit dem Erbe des Nationalsozialismus wird bis heute kontrovers diskutiert. Auch und gerade unter Juden. Anetta Kahane wurde 1954 als Kind von jüdischen Kommunisten in Ostberlin geboren. Sie ist die Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, die sich gegen Antisemitismus engagiert.

''"In der DDR mit ihrer Gründung 1949 hat ein Mythos die Sache ganz leicht gemacht, nämlich der Beschluss, dass es sich um ein wirtschaftliches Problem handelte mit dem Faschismus, und der Faschismus als ne militante Form des Kapitalismus den Antisemitismus hervorgebracht hat, um die Massen irgendwie zu verführen und abzulenken vom Klassenkampf, und damit war das Thema Antisemitismus im Prinzip erledigt.""

Der ehemalige Gemeindevorsitzende Kirchner verteidigt die DDR gegen den Vorwurf, sie habe das Thema unter den Teppich gekehrt:

"Es ist ja nicht so, dass man sich für die gesamten Verbrechen unzuständig fühlte. Nur für eine Rückgabe jüdischen Vermögens, nun in diesem Fall vielleicht. Dass die DDR ein antifaschistisch ausgerichteter Staat war, daran kann man auch im Nachhinein keinen Zweifel haben. Das ist schon zum Ausdruck gekommen.

"Misstraut den Grünanlagen" - Mit diesem programmatischen Satz beginnt das Buch "Herr Moses in Berlin" an. Der DDR-Feuilletonist und Reporter Heinz Knobloch hat es im Jahr 1979 veröffentlicht. Ein Buch über den jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn, aber gleichzeitig eine Reflexion über jüdisches Leben in Deutschland. "Misstraut den Grünlagen". Das bedeutet: Jede Rasenfläche könnte auch jüdischer Friedhof sein, der geschändet und eingeebnet wurde.

Vielerorts gab es in der DDR und auch im Westen Grünanlagen, die kaum oder gar nicht als frühere jüdische Friedhöfe zu erkennen waren. Heinz Knobloch öffnete den Blick für Verschwundenes, Übersehenes, Verschüttetes. Immer wieder kommt der Schriftsteller, der selbst kein Jude war, auf den Nationalsozialismus und seine Kindheit im Dritten Reich zu sprechen: auf die Lücken, die entstanden sind, auf die Menschen, die verschwunden sind, auf die Fragen, die zu DDR-Zeiten sonst nicht gestellt wurden. Sein Buch ist vor allem eine Spurensuche.

Die folgenden Jahre waren auch für viele Juden eine Zeit der Spurensuche und des Nachfragens. Diejenigen, die sich wieder mit ihrer jüdischen Herkunft beschäftigen wollten oder mit der Geschichte ihrer Eltern, versammelten sich in Ostberlin in der Gruppe "Wir für uns", erzählt Irene Runge. Heute ist sie Leiterin der Nachfolge-Organisation: des
Jüdischen Kulturvereins Berlin.

""Die Gemeinde, der Vorstand war mäßig begeistert bis gar nicht begeistert, aber Kirchner sagte, na ja, wenn Sie so was gründen wollen, müssen Se aber hinterher sauber machen, darf nichts kosten und für die meisten war es das erste Mal, dass sie mit so vielen Juden zusammen waren und für mich war es die Erfüllung einer Hoffnung, dass es da mal Juden gibt, die so sind wie ich, die erstens mein Alter hatten, die im Exil geboren waren, die Intellektuelle waren, die aus politischen Familien oder aus Familien kamen, in denen das Judentum keine Rolle spielte, die sich das also selber angeeignet hatten, ihre eigene Geschichte, Leute, die von Universitäten oder aus'́m Kulturbereich kamen",

und sich in der Gruppe über die Familiengeschichten austauschten: Geschichten von Flucht und Exil, Geschichten von der Rückkehr in die DDR.

Irene Runge: "Wir haben viel über uns selber gesprochen. Hat doch keiner jemals drüber nachgedacht: Was bedeutet es als Kind, ich komme mit sieben Jahren nach Deutschland, ich werde rausgerissen aus meinem Leben, ich muss '́ne neue Sprache lernen, hat doch damals keinen interessiert. Heute gibt es 'ne ganze Psychologie darüber, heute gibt es Integrationskurse für solche Kinder."

In die "Wir für uns"-Gruppe kamen zum Beispiel Anette Kahane und Salomea Genin. Auch Barbara Honigmann und ihr Mann Peter waren dabei. Ihre Eindrücke beim Eintritt in die Ostberliner Gemeinde hat Barbara Honigmann in einer Erzählung niedergeschrieben:

"An irgendeinem Tag habe ich die kleine, einzige Berliner Synagoge gesucht und habe sie in einem kleinen Hinterhof der Stadt, dort, wo sie wirklich am dichtesten und schlimmsten ist, gefunden. Die Synagoge war festlich geschmückt, denn es war der Sederabend, der erste Abend des Pessachfestes, und es hieß, daß viele kommen würden. Aber wir saßen in einem kleinen Raum, ich dachte, wie ein Klassenzimmer, und die paar Leute, die da waren, saßen zusammen wie Schüler in einer Schulklasse, von der die meisten noch nicht aus den Sommerferien zurückgekehrt sind. Ich fühlte mich fremd und fühlte mich doch willkommen."

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