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Zeitfragen | Beitrag vom 11.01.2021

Studien zu Eltern in der Coronakrise Traditionelle Rollenverhältnisse zementiert

Von Barbara Geschwinde

Eine Mutter im Homeoffice vor dem Laptop, mit Baby auf dem Schoß und einem spielenden Kleinkind neben sich. (Symbolbild) (Getty Images/Digital Vision/Jordan Siemens)
Die Coronakrise hat lange bestehende Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern deutlicher sichtbar gemacht, belegen Studien. (Symbolbild) (Getty Images/Digital Vision/Jordan Siemens)

Für Eltern ist der Alltag in der Coronakrise besonders herausfordernd. Studien belegen zudem, dass Frauen den größten Teil der Aufgaben rund um Haushalt und Kinder übernehmen. Allerdings war das vor den Lockdowns kaum anders.

"Ich kann den Morgen nicht mit Yoga Sessions starten und ich kann auch keine neuen Rezepte ausprobieren und mein Alltag sieht ganz anders aus als eurer",  erklärte die berufstätige Mutter Jana aus Köln im Frühjahr 2020 ihren Kollegen in einer Videokonferenz, die zum täglichen Ritual in der Coronazeit wurde. Sie arbeitet in Teilzeit im Marketing-Team eines mittelständischen Unternehmens. Ihr Sohn ist vier Jahre alt. Gleich zu Beginn der Coronakrise wechselte sie ins Homeoffice. Ebenso wie ihr Mann, der eine volle Stelle hat. 

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Das Paar hat nach der plötzlichen Kita-Schließung zu Beginn der Coronakrise mit Elan und Optimismus seinen Alltag neu organisiert.

"Der Alltag war schon recht stressig, auch wenn wir am Anfang konsequent versucht haben, Struktur reinzubekommen oder Routinen zu schaffen. Die ersten beiden Stunden nach dem Frühstück habe ich dann im Büro verbringen dürfen. Dann gab es Mittagessen und dann war mein Mann dran." 

Frauen leisten im Schnitt mehr Arbeit in der Familie

Tom lebt ebenfalls mitten in Köln. Er hat zwei Söhne im Alter von fünf und acht Jahren und arbeitet Vollzeit; seine Frau Judith in Teilzeit. Allerdings wurde Tom zu Beginn der Coronakrise von seinem Arbeitgeber ins Homeoffice geschickt, während Judith zunächst noch zur Arbeit pendeln musste.

Tom ist Informatiker. Seine Abteilung gilt als systemrelevant innerhalb des Unternehmens, da sie die digitale Infrastruktur aufrechterhält. 

"Bei mir auf der Arbeit haben viele von zu Hause aus gearbeitet, sodass auch viele die Situation mit Kindern hatten, sodass bei mir oder bei Kollegen es öfter mal der Fall war, dass das Kind plötzlich reinkam. Das war auch kein Problem, wenn man sich dann mal für fünf bis zehn Minuten ausgeklinkt hat und gesagt hat: Ich muss mich jetzt kurz um mein Kind kümmern, ich bin gleich wieder da."  

Tom zählt zu den Vätern, die sich in der Coronazeit deutlich mehr um Haushalt und Kinder gekümmert haben als vorher. Nach einer Studie mit dem Titel "Eltern während der Corona-Krise" vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung hat sich die Familienarbeitszeit von Vätern täglich um 2,3 Stunden erhöht - auf 5,6 Stunden pro Tag. Damit leisteten sie immer noch weniger als die Mütter, die 7,9 Stunden unbezahlte Haus- und Familienarbeit in der Krise leisteten, also einen Fulltime-Job zusätzlich zur Erwerbsarbeit hatten.

Lange bestehende Ungleichheiten

Maria Wersig, Professorin für Rechtswissenschaften an der Hochschule Hannover, spitzt es folgendermaßen zu. "Die Coronakrise hat uns gezeigt, wo wir gesellschaftlich stehen, was die Rolle von Frauen und auch was die Verteilung der unbezahlten Arbeit in unserer Gesellschaft angeht."

Wissenschaftler verschiedener Disziplinen - aus Politik oder Soziologie beispielsweise - haben analysiert, dass die Coronakrise funktioniert wie ein Brennglas: Sie hat lange bestehende Ungleichheiten deutlicher sichtbar gemacht. Eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, kurz BiB, bestätigt das. 

Wie immer ist es dann so, wenn die Männer es nicht machen, dann haben die Frauen keine Wahl, diese Dinge müssen ja erledigt werden. Und ich finde besonders schlimm war es für die Alleinerziehenden."

Der Übergang zur Elternschaft führt fast immer zu einer Retraditionalisierung der Aufgabenteilung zwischen den Partnern. Corona war also nicht die Ursache hierfür. Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung belegt, dass Mütter während der Coronakrise häufiger ihre Arbeitszeit wegen der Kinderbetreuung reduzieren mussten als Väter. 

"Und dann ist das mit dem Homeoffice natürlich ein gespaltener Segen. Man ist auf der einen Seite flexibel, wenn der Arbeitgeber es ermöglicht, man kann sich in relativer Sicherheit fühlen, ist bestimmten Infektionsgefahren nicht so ausgesetzt. Aber man hat eben diese ganze Entgrenzung und wenn dann die Betreuung von mehreren Kleinkindern dazu kommt, ist es auch eine Illusion zu glauben, dass man das vereinbaren kann. Wann soll man dann die Erwerbsarbeit machen, ja? Wenn die Kinder schlafen." 

Ehegattensplitting als struktureller Mangel

Eine Auswertung des Nationalen Bildungspanels NEPS belegt, dass Mütter in Coronazeiten noch stärker belastet waren als vorher schon. Maria Wersig ist Vorsitzende des Juristinnenbundes und kämpft auch politisch dafür, dass eine andere Verteilung von Sorge- und Erwerbsarbeit erreicht wird. Denn das im Koalitionsvertrag vereinbarte Gleichstellungskonzept der Bundesregierung ist nicht umgesetzt.

"Dass gerade verheiratete Frauen in Partnerschaften mit Kindern sehr sehr häufig Teilzeit arbeiten, häufig nicht genügend Geld verdienen, um sich ihre eigene Existenz zu sichern, das ist in Deutschland immer noch ein sehr großes Problem." 

Ein wesentlicher struktureller Mangel ist das Ehegattensplitting. Ein Steuerkonstrukt mit dem die traditionelle Arbeitsteilung zementiert wird, dass der geringer Verdienende zu Hause bleibt. Es stammt aus den 50er-Jahren, als Frauen nicht ohne Einverständnis ihres Gatten Arbeitsverträge unterzeichnen oder ein Konto eröffnen durften. Und es ist genauso verstaubt und überholt. 

Frauen fühlen sich gestresster als Männer

Nach einer Studie der Techniker Krankenkasse fühlten sich 57 Prozent der Mütter in der Coronakrise gestresster als davor. Bei den Männern waren es nur 42 Prozent. Dass Frauen bis an den Rand ihrer Erschöpfung und darüber hinaus für die Familie da waren, ist kein Klischee. Jana aus Köln hat es selbst erfahren, als sie ihren Sohn nach dem Shutdown wieder in die Kita brachte.

"Ich bin dann nach Hause, mein Mann ist ins Büro. Auf einmal habe ich ein Flimmern vorm Auge bekommen und eine wahnsinnige Migräne bekommen. Drei Tage lag ich mit Migräne flach und habe gemerkt: "Okay, das ist jetzt wirklich dieser ganze Stress, der jetzt abfällt." 

Rolle rückwärts in der Emanzipation?

Markiert die Coronakrise also eine Rolle rückwärts in der Emanzipation? Die BiB-Studie bringt es so auf den Punkt: Die These der Retraditionalisierung ist nicht zutreffend, weil sie voraussetzt, dass vorher eine Enttraditionalisierung stattgefunden hätte. Und die hat es nie gegeben.

Während der Coronakrise sank die Zufriedenheit mit dem Familienleben bei Frauen und Männern. Vor allem aber bei den Müttern, die neben der Erwerbsarbeit im Homeoffice noch die Verantwortung für den schulischen Erfolg ihrer Kinder aufgezwungen bekamen durchs Homeschooling. Betreuung und gleichzeitiges Unterrichten stellen eine besonders hohe Belastung dar. 

Ein sehr aufschlussreiches Detail der Studie belegt, dass die Väter in Kurzarbeit mit einer berufstätigen Frau am meisten Familienarbeit übernommen und damit die Mütter entlastet haben. Und gleichzeitig waren sie diejenigen, die am zufriedensten waren, da sie mehr Zeit für ihre Kinder hatten. 

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