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Zeitfragen | Beitrag vom 18.04.2019

Studie zur SchmerzforschungEmpfinden die Geschlechter unterschiedlich Schmerzen?

Von Carina Fron

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Akupunkturbehandlung: Eine Frau sticht einer Patientin mehrere Nadeln in den Rücken. (imago/Panthermedia/AndreyPopov)
Schmerz ist immer auch etwas subjektives. Das ist nicht nur ein Gefühl, sondern auch nachweisbar. (imago/Panthermedia/AndreyPopov)

Eine Studie zeigt, dass bei chronischen Schmerzen an Nervenenden möglicherweise bei Frau und Mann unterschiedliche Gene beteiligt sind. Das könnte bedeuten, dass sie für gleiche Erkrankungen unterschiedliche Medikamente gebrauchen könnten.

"Ich werde Ihnen jetzt ein bisschen weh tun und zwar am Fuß werden wir das machen."

Normalerweise ist Jan Baars für das Gegenteil zuständig. Als freischaffender Anästhesist versetzt er Menschen in den Zustand der Empfindungslosigkeit: Die Narkose – damit sie eben keine Schmerzen bei Operationen oder auf der Intensivstation haben.  

"Damit der Strom in die Haut kommt, muss die Haut abradiert werden, das heißt also geschmirgelt werden. Es gibt da auch solche Peelinglotionen, aber wir nehmen hier medizinisches Schmirgelpapier." 

Beherzt macht sich Baars mit seinem winzigen Schmirgelpapier ans Werk. Mit nacktem Bein und leicht verunsichert beobachte ich, wie meine äußeren Hautschichten am Fußgewölbe langsam auf seinen Boden rieseln. An die drei geschmirgelten Stellen klebt er Elektroden.

Die eine davon soll meinem Fuß alle acht Sekunden leichte Stromschläge verpassen, die anderen messen die Reaktion des Fußes darauf.  

"Sie müssen sich das so vorstellen, dass das ein entwicklungsgeschichtlich sehr alter Reflex ist, den auch sämtliche Wirbeltiere schon haben. Dass man, wenn man auf einen spitzen Stein tritt, das Bein dann reflektorisch anhebt." 

Manche ertragen mehr Schmerzen

Den Reflex gibts auch beim Arm: Wer auf die heiße Herdplatte greift, zieht seine Hand ruckartig zurück – vor Schmerz. Manche ertragen davon mehr, andere weniger. Ich bin heute hier, um etwas über meine Schmerztoleranz herauszufinden. Das Gerät zur Messung dafür hat Baars mit seinem Start-Up "Dolosys" vor ein paar Jahren entwickelt. Das kann unter anderem dabei helfen Schmerzmedikamente bei Patienten im Koma genauer zu dosieren. Denn die können sich über ihr Schmerzempfinden ja nicht äußern.

Autorin: "So ein kleines Zwicken."

Baars: "Genau, wie so ein kleines Zwicken. Fühlt sich an wie… Sie können das am besten beschreiben. Ich finde, es fühlt sich immer an wie so ein kleiner Nadelstich oder ein kleiner Stoß auch"

Ab vier Milliampere zeigt der Kasten vor mir Ausschläge an. Mein Fuß schnellt bei acht Milliampere hoch.

Baars: "Völlig im Durchschnitt. Das könnte ich sie jetzt auch einfach fragen: Sie haben wohl kein chronisches Schmerzsyndrom? Denn das senkt zum Beispiel die Reflexschwelle deutlich.

Frauen sind schmerzempfindlicher

Durchschnitt also. Der liegt bei Frauen übrigens ein wenig niedriger als bei Männern, Frauen sind also schmerzempfindlicher. Mit dem Unterschied der Geschlechter befassen sich Forscher allerdings erst so richtig seit Mitte der 90er-Jahre. Schuld daran seien angeblich die Hormone. Die könnten Studien verfälschen, glaubten die Forscher damals. Heute sind die Wissenschaftler da klüger, erklärt Schmerzforscher Fernond Anton von der Universität Luxemburg.

"Ein großes Credo sozusagen heute ist, dass drei große Körpersysteme ganz massiv zusammen arbeiten. Die wurden früher als unabhängig angesehen. Das sind einerseits die Nervenzellen, das Nervensystem. Das zweite ist das Hormonsystem. Und das dritte große Körpersystem: das Immunsystem."

Das spielt höchstwahrscheinlich bei der Schmerzforschung eine große Rolle. Alle drei Systeme unterscheiden sich bei Männern und Frauen.

Auf diesen Unterschied ist der Neurowissenschaftler Ted Price von der University of Texas gestoßen. Unabsichtlich. Denn eigentlich wollte er mit seinen Kollegen mehr über neuropathische Schmerzen wissen, über Nervenschmerzen.

"Die meisten Patienten mit neuropathischen Schmerzen beschreiben ihre Beschwerden als ein Brennen oder Stechen."

Die Nerven-Enden-Rezeptoren könnten verantwortlich sein

Die Vermutung ist: Bei diesen Nervenschmerz-Patienten können die "Nozi-Zeptoren" – die Nerven-Enden-Rezeptoren – verantwortlich sein. Diese Menschen haben dauerhaft Schmerzen – so wie ich beim Test, nur ganz ohne Auslöser.

"Die Annahme ist, dass bei neuropathischem Schmerz die Nozi-Zeptoren von allein aktiv werden, sogar ohne Stimulation. Sie geben ein Signal, als ob Sie einen heißen Ofen anfassen würden – obwohl es den gar nicht gibt."

Und hier kommt der Zusammenhang zwischen den Nervenschmerz-Patienten und den unterschiedlichen Schmerz-Empfindungen bei Mann und Frau: Bei einigen Nervenschmerz-Patienten müssen Chirurgen die Ganglien entfernen, quasi den Sammelort für die Nervenenden an der Wirbelsäule. Davon erfuhr ein Kollege von Price erst durch eine Fahrstuhl-Unterhaltung:

"Er ist eines Tages in einen Aufzug gestiegen und dort unterhielten sich zwei Neuro-Chirurgen über eine Operation. Der eine erzählte, dass er ein dorsales Ganglion herausoperieren würde. Und dann fragte mein Kollege Pat: ´Was machen Sie mit dem Ganglion?` Und der Chirurg meinte: ´Wir schmeißen sie weg.` Und mein Kollege meinte: ´Das können sie auf keinen Fall tun!`"

Vergleich von Frauen und Männern 

Dank der Fahrstuhl-Anekdote konnten Price und seine Kollegen also die Ganglien von acht Frauen mit denen von 18 Männern vergleichen. Einige von ihnen hatten chronische neuropathische Schmerzen, andere nicht.  

"Bei den Menschen ohne Schmerzen konnten wir keine – wie wir es nennen – spontane Aktivität feststellen. Aber bei den Patienten mit neuropathischen Schmerzen haben wir jede Menge spontane Aktivität beobachtet."

Das konnte beim Menschen so zuvor noch nie gezeigt werden. Und Price und seine Kollegen haben nebenbei auch noch festgestellt: Die Gene der Nervenzellen bei Männern und Frauen unterscheiden sich. Vermutlich, weil die unterschiedlichen Hormone und Immunsysteme von Männern und Frauen die Nervenzellen beeinflussen. Definitiv können die Forscher das allerdings nicht bestätigen. Deshalb ist die Gendermedizinerin Sabine Oertel-Prigione noch vorsichtig mit Jubelstürmen.

"Das ist schon positiv. Aber es ist eben so, es wurden ja einzelne Gene identifiziert, die sinnvoll sein könnten und die man sich näher angucken sollte, da ist es einfach so ein bisschen zu bedenken, wenn es nicht anderweitig bestätigt werden könnte, das eben auch damit zu tun haben könnte, dass es eben Krebspatientinnen und Patienten sind."

Ruf nach unterschiedlichen Medikamenten wird lauter

Zudem ist die Probandenzahl eigentlich noch viel zu klein. Deshalb wollen Price und seine Kollegen die Studie in Zukunft noch ausweiten. Die Ergebnisse könnten auch Auswirkungen auf die Schmerztherapie haben. Der Ruf nach unterschiedlichen Medikamenten für Männer und Frauen wird sowieso immer lauter. Bei der Entwicklung könnten auch Messgeräte, wie die von Jan Baars helfen.

Am Ende unseres Gesprächs wiederholen wir meine Schmerzempfindlichkeitsmessung noch einmal. Diesmal habe ich nicht mehr so viel Angst vor dem Gerät und halte deshalb sogar 16 Milliampere aus – doppelt so viel wie vorher.

"Sie sind härter geworden. Das kann man so festhalten." (lacht)

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