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Interview / Archiv | Beitrag vom 13.08.2015

Studie über StadtentwicklungGroße Attraktivität von Jena und Münster

Harald Herrmann im Gespräch mit Dieter Kassel

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Blick in die Wagnergasse in Jena: links sind die Türme der Kirche St. Johannes Baptist zu sehen, rechts der Jentower, mit 144,5 Meter das höchste Gebäude in den östlichen Bundesländern. (dpa / pictrue alliance / FSU- Fotozentrum)
Blick in die Wagnergasse in Jena: links sind die Türme der Kirche St. Johannes Baptist zu sehen, rechts der Jentower, mit 144,5 Meter das höchste Gebäude in den östlichen Bundesländern. (dpa / pictrue alliance / FSU- Fotozentrum)

Jena und Münster sind die Städte mit dem größten Bevölkerungswachstum, zeigt eine neue Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Langfristig bleibe der Trend zu wachsenden Städten und schrumpfenden Dörfern, sagt Direktor Harald Herrmann.

Langfristig wird es einen weiteren Trend zu wachsenden Städten und schrumpfenden Dörfern geben, so Harald Herrmann, der Direktor des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), im Deutschlandradio Kultur. Man müsse jetzt lernen, mit diesen Schrumpfungsprozessen umzugehen: 

"Wir sollten uns damit beschäftigen: Wie können wir gleichwertige Lebensverhältnisse sichern auch unter Schrumpfungsbedingungen? Wie können wir eine gute Lebensqualität im ländlichen Raum erhalten? Das sind die Fragen, die wir angehen sollten. Das zeigt unsere Prognose."

Rezepte für die Lösung dieses Problems seien etwa Kooperationsformen in der Bürgerschaft und eine Zusammenarbeit über die kommunalen Grenze hinaus, meinte Herrmann:

"Dass man gemeinsam spezifische Strategien entwickelt, um die Anpassung der Infrastruktur umzusetzen."

Zum Beispiel: Jena und Münster

Die neue Studie des BBSR, die heute Mittag offiziell vorgestellt wird, zeigt, dass die Bevölkerung in den deutschen Großstädten zwischen 2008 und 2013 um durchschnittlich 2,8 Prozent gewachsen ist. Die Stadt, die anteilig am stärksten gewachsen, ist Münster.

Der "Fall Münster" sei typisch für die Beliebtheit von Universitätsstädten, äußerte Herrmann. Es handele sich um ein Phänomen, das sich auch in anderen Städten finde. In den neuen Bundesländern sei etwa in Jena ein starkes Wachstum zu verzeichnen, dazu gehörten auch Dresden, Leipzig und natürlich Berlin. Im ländlichen Raum sei allerdings eine starke Schrumpfung der Bevölkerung feststellbar:

"Das hat angefangen in den neuen Bundesländern, schwappt aber (...) jetzt inzwischen rüber auch in die westlichen und  südlichen Bundesländer."



Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Die Bevölkerung in den deutschen Großstädten ist zwischen 2008 und 2013 um durchschnittlich 2,8 Prozent gewachsen. Das ist eines der Ergebnisse einer Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung, die heute Mittag offiziell vorgestellt wird. Es gibt aber natürlich auch die andere Seite, denn diese Studie zeigt auch, dass ein großer Teil der mittleren und kleinen Städte und der Orte im ländlichen Raum deutlich geschrumpft ist in dieser Zeit. Wir wollen über beide Phänomene mit dem Direktor des genannten Instituts sprechen, mit Professor Harald Herrmann. Schönen guten Morgen, Herr Herrmann!

Harald Herrmann: Guten Morgen!

Kassel: Lassen Sie uns mit einem Detail beginnen, das mich überrascht hat, aber vielleicht kann man da vieles erklären. Die Stadt in Deutschland, die im untersuchten Zeitraum anteilig am stärksten gewachsen ist, ist Münster. Das ist nun für mich so die Kategorie kleine Großstadt. Ist es der Fall Münster, oder ist auch dieses Phänomen typisch?

Herrmann: Das ist nicht nur der Fall Münster. Das Phänomen ist auch typisch: Münster ist eine Studentenstadt, Universitätsstadt, und das ist ein Phänomen, das wir auch in anderen mittleren Städten, auch in Großstädten finden. Junge Leute ziehen in die Stadt, junge Leute ziehen in die Universitätsstädte, junge Leute suchen Ausbildung, Bildung, Arbeitsmarktchancen, Angebot an kulturell Gleichgesinnten, Fragen des Lebensstils. All diese Dinge, gut, Infrastruktur, das betrifft nicht nur die ganz großen Städte, die man immer so im Fokus hat, wie München oder Hamburg, Düsseldorf oder auch Berlin, Frankfurt, sondern eben auch diese Städte, die die Studentenschaft anzieht. Das ist also nicht nur ein Phänomen, das auf Münster beschränkt ist.

Schrumpfung im ländlichen Raum 

Kassel: Nun zeigt ihre Studie auch gerade beim Phänomen der schrumpfenden Regionen ein gewisses Ost-West-Gefälle. Gilt denn das, was Sie gerade über Studentenstädte gesagt haben, auch für Ostdeutschland, für Jena oder gar für kleinere Orte wie Greifswald?

Herrmann: Jena ist ein gutes Beispiel. Das gilt auch für Jena. Jena gehört zu den Städten, die auch in den neuen Bundesländern, also im Osten unseres Landes wachsen. Dazu gehört übrigens auch Dresden, dazu gehört Leipzig und selbstverständlich auch Berlin und das Umfeld. Aber es beschränkt sich in den neuen Bundesländern im Grunde genommen, was dieses Phänomen Münster angeht, auf Jena. Und auf der anderen Seite haben wir die Tendenz, und Sie haben es ja angesprochen, dass gerade im ländlichen Raum eine ganz ausgeprägte Schrumpfung der Bevölkerung festzustellen ist. Und das hat angefangen in den neuen Bundesländern, schwappt aber, wenn ich so sagen darf, auch jetzt inzwischen rüber auch in die westlichen, südlichen Bundesländer.

Kassel: Das heißt aber doch, dass diese Gesamttendenzen, die Ihre Studie noch einmal jetzt mit Zahlen wirklich belegt, das sind ja alles Entwicklungen, die Sie und andere Experten auch ungefähr so erwartet haben, oder?

Herrmann: Das ist richtig. Das ist jetzt nicht etwas, was uns als Experten vollkommen überrascht. Das ist längst Realität. Nämlich dieses Phänomen, die Großstädte wachsen, oder auch Mittelstädte, Studentenstädte, Universitätsstädte. Auf der anderen Seite schrumpfen vor allem eben die kleinen Gemeinden in dünn besiedelten Gebieten. Das ist in den vergangenen Jahren so gewesen, und das wird sich nach unserer Prognose auch weiter fortsetzen. Das ist Realität, und wir müssen lernen, mit dieser Schrumpfung umzugehen. Wir müssen sie zunächst mal akzeptieren, aber dann müssen wir lernen, damit umzugehen.

Kassel: Das heißt, Sie sehen keine Möglichkeit, diese Schrumpfung wirklich zu bekämpfen, gar umzukehren?

Herrmann: Nein, die Möglichkeit sehe ich nicht. Die Demografie ist ja etwas, was auf lange Frist angelegt ist, und jetzt kurz- oder mittelfristig umzusteuern, von dieser Illusion sollten wir uns wirklich verabschieden, sondern wir sollten uns damit beschäftigen: Wie können wir gleichwertige Lebensverhältnisse sichern, auch unter Schrumpfungsbedingungen, wie können wir eine gute Lebensqualität im ländlichen Raum erhalten? Das sind die Fragen, die wir angehen sollten, das zeigt unsere Prognose.

Kassel: Dann nehmen wir doch mal ein ganz einfaches Beispiel, das aber typisch ist für sehr viele ähnliche Phänomen: Man kann in einer Stadt, in der nur noch ein paar hundert Leute da sind, die ihn benutzen würden, einen Bus ja nicht im 20-Minutentakt fahren lassen. Fährt der aber nur noch dreimal am Tag, werden auch die paar Hundert ihn nicht mehr benutzen. Das ist ein Beispiel, es gibt unglaublich viele ähnliche Dinge. Wie kann man so was lösen?

"Aktionsprogramm regionale Daseinsvorsorge"

Herrmann: Da gibt es viele gute Beispiele, wie man das lösen kann. Wir haben ganz aktuell auch in unserem Institut 23 Projekte laufen, das nennt sich Aktionsprogramm regionale Daseinsvorsorge. Und da zeigen wir an diesen Beispielen, oder besser gesagt die Menschen vor Ort zeigen an diesen Beispielen, wie man ein solches Problem oder eine solche Frage lösen kann.

Es gibt beispielsweise Bürgerbusse, es gibt also Formen, wo man ganz flexibel Mobilität herstellt, wo Bürger andere Bürger fahren, wo man Privatinitiative ergreift. Das allein kann es natürlich nicht sein, es muss immer auch die Kommune und die Verwaltung mit im Boot sein. Und das ist im Grunde genommen das Rezept, das wir vorschlagen, nämlich Kooperationsformen in der Bürgerschaft, nämlich auch Zusammenarbeit über die kommunale Grenze hinaus. Dass man gemeinsam spezifische Strategien entwickelt, um die Anpassung der Infrastruktur umzusetzen.

Kassel: Aber kann man damit auch den Trend stoppen? Denn das ist ja oft ein Teufelskreis. Ein Ort schrumpft, dadurch schrumpfen auch Infrastrukturangebote und Wirtschaft. Dadurch wird der Ort ja noch weniger attraktiv, und dann schrumpft er weiter.

Herrmann: Die Gefahr besteht natürlich. Das ist, wie Sie sagen, das kann zum Teufelskreis werden. Und aus diesem Teufelskreis kommt man im Grunde genommen nur raus, indem man eben über die Grenze der eigenen Kommune hinaus denkt. Und ich denke, es wäre wichtig, dass wir die Infrastruktur, die vorgehalten werden muss, die wichtig ist, um Lebensqualität zu erhalten im ländlichen Bereich, dass wir diese Infrastruktur bündeln.

Kleine Städte, Mittelstädte, dass wir die als Zentren stärken, und dass wir dort die Infrastruktur bündeln, dass wir dafür sorgen, dass die Leute aus den Dörfern dorthin kommen; beziehungsweise dass auch Angebote vor Ort geschaffen werden, die flexibel sind. Und klar, gerade in abgelegenen Lagen, haben Kleinstädte eine ganz, ganz wichtige Versorgungsfunktion, und die muss man stärken. Man muss praktisch Ankerpunkte schaffen für die Bündelung von Infrastruktur in dem ländlichen Bereich.

Starke Abwanderung von Frauen

Kassel: Ihre Studie bestätigt unter anderem auch etwas, was eine andere, kleinere Untersuchung neulich ans Tageslicht gebracht hat, dass nämlich gerade im Osten mehr Frauen abgewandert sind in vielen Gebieten als Männer. Es ändert sich also auch das Geschlechterverhältnis, und manche behaupten, das könnte sogar zu sozialen Spannungen führen. Ist es also auch eine soziale Frage, wie sich die Bevölkerungsstruktur entwickelt?

Herrmann: Das ist sicherlich auch eine soziale Frage. Es ist richtig, junge Frauen sind mobiler als ihre männlichen Altersgenossen, und das führt dazu, dass in vielen ländlichen Gemeinden es inzwischen schon so ist, dass es mehr Männer als gleichaltrige Frauen gibt.

Es ist letztlich auch eine soziale Frage – durch die Abwanderung von jungen Menschen steigt natürlich das Durchschnittsalter der Bevölkerung stark an. Und gerade viele junge Menschen zwischen 18 und 30 wandern ab. Ich habe ja eben auch Gründe dafür genannt. Und das führt dazu, dass beispielsweise im ländlichen Raum in den neuen Bundesländern in 15 Jahren über 40 Prozent der Bevölkerung älter als 60 Jahre sein wird. Das hat natürlich Konsequenzen für vieles.

Kassel: Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung stellt heute eine Studie vor zur Bevölkerungsentwicklung in Deutschland. Wir haben über diese Studie schon gesprochen mit dem Direktor des Instituts, Professor Harald Herrmann. Herr Herrmann, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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