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Interview / Archiv | Beitrag vom 18.06.2016

Studie über "Nicht-Besucher"Kulturinteresse wird in der Jugend geprägt

Thomas Renz im Gespräch mit Ute Welty

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Jugendtheater des Schauspiel Hannover eröffnet  (picture alliance/dpa/Foto: Matthias Horn)
Kultur versteht man besser, wenn man schon als Kind und Jugendlicher ins Theater geht. Hier das Jugendtheater des Schauspiel Hannover. (picture alliance/dpa/Foto: Matthias Horn)

50 Prozent der Deutschen bleiben öffentlich geförderten Kulturveranstaltungen fern. Früher Kulturgenuss könne da helfen. Das grundlegende Interesse an Kunst und Kultur werde schon in der Kindheit und Jugend geprägt, sagt der Forscher Thomas Renz.

Etwa 50 Prozent der deutschen Bevölkerung besucht überhaupt niemals eine öffentlich geförderte Kulturveranstaltungen wie  Theater, Museen oder Konzerthäuser. Der Anteil der Gelegenheitsbesucher, welche seltener als einmal pro Monat, aber mindestens einmal pro Jahr Einrichtungen besuchen, liegt zwischen 35 und 45 Prozent . Nur fünf bis 15 Prozent besuchen regelmäßig Kultureinrichtungen. Auf diese Zahlen reagiert die Studie des Kulturforschers Thomas Renz, Kulturwissenschaftler am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim: "Nicht-Besucherforschung. Die Förderung kultureller Teilhabe durch Audience Development".

Angesichts der großen Gruppe von Menschen, die nie oder selten öffentlich geförderte kultureller Kulturveranstaltungen besuchen, fordert der Kulturwissenschaftler das Phänomen der "Nicht-Besucher" stärker in den Focus von Kulturmanagment und Kulturpolitik zu nehmen.

"Kunst und Kulturbesuche sind mit einem sehr großen Risiko bei der Kaufentscheidung verbunden", sagte Renz im Deutschlandradio Kultur. Insofern könnten auch staatlich geförderte Kultureinrichtungen Erfolgsrezepte bei der Besuchergewinnung beispielsweise vom Kino übernehmen. Dazu zählten Trailer, die in Kurzform die Besucher bereits vorab Einblick ermöglichten. "Oder nehmen Sie die Sitze im Kino, die sind oftmals bequemer, ich darf mir ein Bierchen mitnehmen, das geht im Theater nicht."

Bedürfnis nach weniger Restriktivem

Beim Blick auf Nicht- und Wenig-Besucher kultureller Veranstaltungen zeige sich, dass bei ihnen das Bedürfnis nach weniger Restriktivem und nach geselligem Zusammenhang im Vordergrund stehe. Hier könne sich das Theater durchaus vom Kino etwas "abkucken". Allerdings bleibe Kino eine andere Kunstform und speziell Blockbuster-Kino mit "wenig Interpretationsspielraum" und oft internationalen Stars lasse sich nicht  "Eins zu Eins auf mein kleines schönes Stadttheater in Hildesheim übertragen", erklärte Renz.

Interesse an Kultur wird in der Kindheit geprägt

Studien zeigten, dass das grundlegende Interesse an Kunst und Kultur in der Kindheit und Jugend geprägt werde, erklärte Renz zu den förderlichen und hemmenden Faktoren für kulturelle Beteiligung. Tendenziell schrecken Nicht-Besucher vor Verständnisschwierigkeiten zurück. So erlebten beispielsweise Theater-Gelegenheitsbesucher oftmals Frustration angesichts der interpretatorischer Offenheit des Kunstwerks und Mehrfach-Kodierungen. Hintergrund solcher Erfahrungen seien schulische Erfahrungen im Rahmen des Deutschunterrichts, bei denen zumindest früher "eine gültigen Interpretation" vorgegeben war. "Aber so einfach ist zeitgenössische Kunst dann nicht", sagte Renz.


Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: "Die Entführung aus dem Serail" im Staatstheater in Kassel, "Heiße Zeiten" in der Komödie Bielefeld oder das "Salonkonzert" am Völkerschlachtdenkmal – wem heute nach Kultur ist, der hat die freie Auswahl und vielleicht auch die Chance, etwas leichter an Karten zu kommen, weil die eine oder der andere dann doch lieber Fußball guckt. Während die Motive des Fußballfans auf der Hand liegen, gilt es, den Kulturkonsumenten zu ergründen. Wer nutzt welches Angebot? Und der Kulturwissenschaftler Thomas Renz hat dazu geforscht, und zwar am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim. Guten Morgen, Herr Renz!

Thomas Renz: Guten Morgen!

Welty: Was muss überhaupt passieren, dass sich jemand für Theater, für Museum begeistert? Braucht es da so etwas wie eine entscheidende Prägung in der Kindheit?

Renz: Ja, ganz klar. Also, die Kindheit und vor allem auch die Jugend, die prägt unser Interesse an Kunst und Kultur. Das ist übrigens beim Fußball nicht großartig anders. Wenn die Eltern, der Vater mit dem Kind immer jede Woche auf den Fußballplatz geht, dann prägt das …

Welty: Dann kann das Kind nicht anders!

"Das Interesse wird in den jungen Jahren geprägt."

Renz: Genau, das war bei mir nicht der Fall, das ist aber auch nicht schlimm, dafür ist meine Mutter mit mir ins Theater gegangen und hat mich zum Geigenunterricht geschickt. Das zeigen aber auch dann weg von der Privatempirie die großen empirischen Studien. Das Interesse wird in den jungen Jahren geprägt und es gibt auch kaum statistisch messbare Fälle, wonach das grundlegende Interesse an Kunst und Kultur, also gute, positive Erfahrung mit der Rezeption erst im mittleren oder gar hohen Alter irgendwie geprägt wird.

Welty: Inwieweit ist entscheidend, wo jemand lebt? Denn ein gewisses Grundangebot sollte ja schon vorhanden sein, und das ist in Hildesheim vielleicht anders als in Berlin beispielsweise.

Renz: Ja, das stimmt. Also, das ist manchmal so eine Banalität, die man manchmal so übersieht. Die kulturelle Infrastruktur ist natürlich das A und O. Und wenn es kein Theater gibt, kein Museum gibt, dann kann ich da auch nicht hingehen. Wir haben in Deutschland eine sehr hohe Diskrepanz, das ist erst mal zwischen ländlichen Räumen mit historisch gewachsener geringerer Infrastruktur und urbanen Räumen mit teils immensem Überangebot. Sie haben Berlin angesprochen, das ist wirklich der Hotspot, da gibt es eine große, große Auswahl. Nichtsdestotrotz haben wir in Deutschland ja schon auch eine Kulturlandschaft, auch in den ländlichen Räumen. Sie haben eingangs die verschiedenen Orte angesprochen und wir haben knapp 140 Stadt- und Staatstheater, die 80 davon irgendwie auch noch Opern zeigen. Und Sie können sich die "Walküre" auf Detmold angucken und können in kleinsten Orten trotzdem gutes Theater kriegen. Also, dieses Angebot ist schon auch da. Manchmal ist es dann tatsächlich eine Frage, findet jemand den Zugang dazu, und es gibt ganz viele Beispiele, dass Leute jahrelang neben einem Theater wohnen, da aber nie im Leben reingehen.

Welty: Es gibt die Überzeugungstäter mit Dauerkarte und es gibt die Gelegenheitsbesucher. Wie erleben die ihre relativ seltenen Besuche?

"Wenig Rezeptionserfahrung"

Renz: Ja, die Überzeugungstäter – wir gehen davon aus, dass das so circa zehn Prozent der Bevölkerung sind –, bei denen ist das alles kein Problem, die haben ganz viel Rezeptionserfahrung. Bei den Gelegenheitsbesuchern, das ist tatsächlich noch eine bisschen unerforschte Gruppe. Ich habe mir die mal vor zwei Jahren genauer angeguckt, ich habe mir vor allem die Theaterbesucher angeguckt, also Leute, die ab und zu ins Theater gehen. Und da fiel dann schon sehr stark auf, dass sie einfach über wenig Rezeptionserfahrung verfügen. Und dann ist die Frage, mit welchen Strategien versuchen Gelegenheitsbesucher sich beispielsweise ein Theaterstück anzueignen, und viel läuft da übers Verstehen. Also, die Leute versuchen, irgendwie etwas herauszufinden, was denn der Autor oder der Theatermacher jetzt in seinem Kunstwerk versteckt haben könnte. Das ist auch ganz stark vom Deutschunterricht geprägt, wo man das Reclam-Heft liest und am Ende oftmals dann eine gültige Interpretation hinschreiben musste, zumindest in der Vergangenheit. Aber so einfach kausal ist dann zeitgenössische Kunst doch leider nicht. Es ist ja auch ganz stark geprägt durch eine Mehrfachkodierung, durch Spaß an Interpretation, auch an Spaß an einer Offenheit des Kunstwerks. Und wenn das nicht funktioniert, dann passieren solche Erlebnisse … Ich habe den Satz gehört, jemand dachte, es sei eine Komödie, er saß zwei Stunden drin, fand es nicht lustig, hat es nicht verstanden und ist natürlich frustriert.

Welty: Wenn Sie das Theater ansprechen, welche Rolle kann das Kino da spielen sozusagen, um den Weg ins Theater zu ebnen?

Renz: Ja, das ist ein bisschen so manchmal der Traum von manchem Kulturmacher, über das Kino kriegen wir die Leute. Da würde ich Ihnen ganz klar eine Ja-Aber-Antwort geben. Es gibt wirklich …

Welty: Ich dachte es mir fast schon!

Kleine Formate des Kinos übernehmen

Renz: Es gibt kleine gute Teile oder Formate des Kinos, die das Theater übernehmen kann und teilweise auch schon übernimmt. Wenn man beispielsweise an den Trailer denkt, bevor ich ins Kino gehe, gucke ich es mir an, zeigt schon die Kinowebsite den Trailer und ich kann fünf Minuten angucken, was mich da erwartet. Das übernehmen Theater zunehmend, weil, das sagen uns die BWLer, die legen das ganz klar deutlich hin: Kunst- und Kulturbesuche sind mit einem sehr großen Risiko bei der Kaufentscheidung verbunden, ich weiß nicht, was da passiert, und es ist eine ganz gute Sache, das zu ebnen. Oder nehmen Sie die Sitze im Kino, die sind oftmals bequemer, ich darf mir ein Bierchen mitnehmen, das geht im Theater nicht. Und das zeigt aber auch so ein bisschen der soziologische Blick auf die Gesellschaft, Freizeitverhalten ist nicht mehr so restriktiv, es steht Geselligkeit im Mittelpunkt, mit Freunden was unternehmen. Also, da könnte sich das Theater schon auch was abgucken. Allerdings – und das ist jetzt die Aber-Antwort –, ganz klar, wir können es auch nicht überstrapazieren. Das Kino bleibt eine andere Kunstform, vor allem diese Blockbuster sind Geradeaus-Erzählungen, oftmals mit recht wenig Interpretationsspielraum und oftmals auch mit internationalen Stars. Das lässt sich leider dann nicht eins zu eins auf mein kleines schönes Stadttheater in Hildesheim oder Braunschweig übertragen.

Welty: Aber auch die Blockbuster und die Stars sind keine Garantie dafür, dass man den Film dann versteht, aber das ist noch mal eine andere Geschichte!

Renz: Das stimmt!

Welty: Der Kulturwissenschaftler Thomas Renz, ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch hier in "Studio 9"!

Renz: Danke schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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