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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 28.04.2016

Studie "Dinge sammeln"Die verborgenen Schätze der Hobbysammler

Von Kaspar Frank

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Blick auf einen Teil der Barbie-Puppen-Sammlung von Bettina Dorfmann in ihrem Haus in Düsseldorf, die mit ihren 2500 Barbies und Zubehör nicht nur eine der größten Privatsammlungen weltweit besitzt, sondern auch die einzige "Fachärztin für Barbie-Chirurgie" ist. (picture-alliance/ dpa / Horst Ossinger)
Sammlung von Barbie-Puppen (picture-alliance/ dpa / Horst Ossinger)

Barbie-Puppen wohin man schaut, entdeckte die Wissenschaftlerin Denise Wilde auf ihren Streifzügen durch die Schatzkammern von Hobbysammlern. In ihrer Studie "Dinge sammeln" widmet sie sich den Kulturtechniken der Laienforscher, für die Sammeln eine sehr persönliche Sache ist.

Standbein, Spielbein, im Rock oder im Rüschenkleid, mit blonden oder dunklen Locken, so stehen die Puppen dicht an dicht in der Vitrine. Denise Wilde erinnert sich noch gut an ihren ersten Besuch in der Schatzkammer der Barbie-Sammlerin.

"Ja, das war eine total spannende, wunderbare Erfahrung für mich als Forscherin, weil sie so ein Barbie-Zimmer hatte, in dem sie ihre Barbie-Puppen in Vitrinen, auf Regalen, aber eben auch auf dem Sofa drapiert hat, und man war fasziniert aber auch auf eine gewisse Art und Weise irritiert, weil man den Blick in alle Richtungen wenden konnte und überall diese Puppen waren."

Barbie-Puppen, Briefmarken oder Füllfederhalter: alltägliche Gegenstände werden für manche Menschen zu begehrten Sammelobjekten. In Hobbykellern und Hinterzimmern schlummern Kollektionen, die meist im Verborgenen bleiben. Dieses Phänomen hat die Erziehungswissenschaftlerin Denise Wilde in ihrer Doktorarbeit untersucht. Dabei interessierte sie vor allem, inwiefern der Umgang mit den Dingen spezifische Formen der Wissensaneignung und des Wissensaustauschs mit sich bringt.

"Ich erfahre da etwas, sowohl leiblich, körperlich, haptisch, als aber auch über die Welt, über das Wissen, also, im doppelten Sinne dieses 'Begreifens': Ich greife etwas, und ich begreife etwas, ich verstehe etwas."

Der Wunsch, mit den Dingen Kontakt aufzunehmen, lässt sich besonders gut in Museen beobachten. Viele Besucher möchten Skulpturen und andere Ausstellungsstücke nicht nur ansehen, sondern auch anfassen.

"Sie wollen dieses Material spüren, sie wollen diese Kühle vielleicht vom Stein spüren, ich glaube, dass gerade in der Erziehungswissenschaft diese Perspektive von Anschauung und Anfassen interessant ist. Was hat das jetzt eigentlich mit mir zu tun? Was habe ich für Erfahrungen oder für Perspektiven auf diesen Gegenstand? Was habe ich aber auch für Gefühle in dem Moment, wenn ich den vielleicht anfasse?"

Möglichkeitsraum für alternative Ordnungen

Wer die Dinge in die Hand nimmt, nimmt das Lernen persönlich. Ein Briefmarken-Sammler gestand Denise Wilde, dass er in der Schule nicht halb so viel über Geographie und Geschichte gelernt habe wie während der Beschäftigung mit seinen Marken und ihren Motiven. Aber zu Lieblingsstücken, die man im Lauf der Jahre selbst zusammengetragen hat, besteht darüber hinaus eine persönliche Beziehung, sagt der Mineraliensammler Hans-Ulrich Beyer.

"Es ist weniger das Stoffliche an dem Stück, was so begeistert, sondern das als Zeichen für die eigene Biografie, also: Erinnerungen an bestimmte Erlebnisse, an Orte, wo man dann eben in dem Bild des Findens des Stückes sich erinnert, wie man selber war. Dieser Moment des Entdeckens, einen regelmäßigen Kristall in all diesem derben Gestein da zu finden, das ist so was Überraschendes, so ein Aha-Effekt, das prägt sich dann ein."

"Nichts ist tastender, nichts ist empirischer (wenigstens dem Anschein nach) als die Einrichtung einer Ordnung unter den Dingen", schrieb der französische Philosoph und Wissenschafts-Historiker Michel Foucault.

Im Umgang mit den Dingen schaffen Menschen buchstäblich ein System ihrer Welt. Aber, so betont Foucault, jeder von uns wächst bereits unbewusst in bestehende Ordnungen hinein und wird später in Schule und Universität auf das etablierte Denksystem seiner Zeit verpflichtet. Zwischen den vorbewussten Kategorien unserer Wahrnehmung und den etablierten Regeln von Philosophie und Wissenschaft besteht jedoch eine Grauzone, ein Möglichkeitsraum für alternative Ordnungen, der Foucault besonders interessiert hat.

"Ich glaube, was er in 'Die Ordnung der Dinge' vorlegt, ist eben, dass auch ganz andere Ordnungsvorstellungen denkbar sind, und hier im Kleinen, beim Sammeln, da bietet sich eben die Möglichkeit, verschiedene Ordnungen durchzuspielen."

Eine Barbie mit Irokesen-Schnitt

Die Foren der Sammler bieten den Spielraum, zu etablierten Standards auf Distanz zu gehen. Ausgerechnet unter Barbie-Sammlern gibt es eine Tendenz, die stereotype Frauenfigur umzugestalten und neu zu interpretieren.

"Das nennt sich Make-Over. Dabei geht es darum, Frisuren zu verändern, Kleidung zu verändern, auch vielleicht zu basteln und neue Szenerien zu entwerfen."

Eine Barbie mit Irokesen-Schnitt ist keine Revolution. Aber sie macht deutlich, dass die Spielregeln, nach denen Sammler ihr Terrain organisieren, divers und sehr dynamisch sind. Was der richtige Weg ist oder als gesichertes Wissen gilt, darüber wird in den einzelnen Communities lebhaft debattiert.

"Das, finde ich, ist sehr interessant, also: wie Wissen, in Kommunikation ausgehandelt wird, und wir oft vergessen haben, dass die Ordnungen, die wir uns geben, auch irgendwo her kommen, dass wir die oft schon als 'normal' und gegeben ansehen, und in dem Moment, wo wir wo hingehen, wo wir uns nicht auskennen, merken wir plötzlich, dass Ordnungen nicht mehr so funktionieren, und wir aufgefordert sind, eine andere Perspektive einzunehmen."

Von ihrer Grundhaltung her entsprechen Sammlerinnen und Sammler eher dem Typus des Connaisseurs, der sich seinem Wissensgebiet aus Liebhaberei widmet und auf keine wissenschaftliche Systematik festgelegt ist. Deshalb wechseln sie leichter vom Standbein aufs Spielbein und können den Dingen ihr Eigenleben lassen. Aber wenn sie ihre Kenntnisse austauschen und über gültige Maßstäbe und Methoden diskutieren, dann unterscheiden sich ihre Debatten nicht so sehr von denen professioneller Forscherinnen und Forscher. Denise Wildes Studie erinnert daran, dass auch das Wissen etablierter Disziplinen immer im Fluss ist.

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