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Zeitfragen | Beitrag vom 03.12.2018

Studentinnen auf WohnungssucheTanzen für ein Zimmer

Von Celine Weimar-Dittmar

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Ein Tänzerin im pinkfarbenen T-Shirt steht mit gesenktem Kopf in einem dunklen Raum. (picture alliance / dpa)
Die Wohnungsnot macht's möglich: Manche Anbieter von WG-Zimmern glauben, sie könnten von Studentinnen mehr verlangen als nur die Mietzahlung. (picture alliance / dpa)

"Tanz doch mal was vor!" - "Komm leichtbekleidet!" Bei der Suche nach einem WG-Zimmer machen Studentinnen schlechte Erfahrungen: Immer wieder nutzen Vermieter ihre Position aus, um Interessentinnen zu belästigen. Das Vermittlungsportal? Nicht zuständig.

Lucia beugt sich über ihren Computer. Wohnungssuche online. Wie tausende Studentinnen und Studenten setzt die 21-Jährige auf die Angebote einer WG-Vermittlungsplattform:

"Genau, und dann kann man quasi hier auch angeben, ob man WG-Zimmer sucht, eine Einzimmerwohnung, welche Mietart, unbefristet, befristet und auch Mindestgröße und maximale Miete."

Lucia sucht ein mittelgroßes Zimmer mit anderen jungen Leuten. Ihr Budget: maximal 400€. Immer wieder, Tag für Tag, checkt sie die Angebote: "Wenn ein Angebot seit vier Minuten online ist, weil sonst einfach das Angebot weg ist und weil man da echt schnell sein muss, um was zu bekommen."

"Welche Drogen nimmst du?"

Lucia ist schnell. Und sie bekommt einige Einladungen. Sie erinnert sich noch gut an ihr erstes WG-Casting. 

"Dann haben wir so bisschen geredet und dann war eine Frage von ihm, welche Drogen ich nehme und dann war ich natürlich doch erstmal überrascht, weil, naja, wie gesagt erstes Casting und so. Da ich eigentlich nicht wirklich Drogen nehme, wusste ich nicht wirklich, was ich antworten sollte."  

Unterkünfte für Studierende sind in Großstädten inzwischen Mangelware (imago/Papsch)Unterkünfte für Studierende sind in Großstädten inzwischen Mangelware (imago/Papsch)

Lucia nimmt keine Drogen. Und das Zimmer auch nicht. Die Suche geht für sie weiter. Die meisten Vermieter sind Männer. Dann das zweite Casting. Eventuell ein Glücksfall, hofft Lucia. Der Vermieter ist Tanzlehrer. Und sie will Tanz studieren. 

"Dann hat er aber quasi angefangen, ja, mich zu unterrichten bzw. mir eine Bachacha-Stunde in seinem Wohnzimmer zu geben - und für alle, die die Bachacha nicht kennen: das ist ein südamerikanischer Tanz, der sehr nah ist und oft sehr ja, doch auch was sehr Erotisches hat."  

Anschließend sagt der Tanzlehrer, sie könne ihn ja dann auch nach dem Training massieren. Damit war es für Lucia vorbei. Weder erotisch mit einem Fremden tanzen wollte sie, noch ihn massieren, um ein WG-Zimmer zu bekommen.

"Du hast ja so ein schönes Lachen"

Zur selben Zeit ist auch die 20-jährige Corinna online auf Zimmersuche. Auch sie besichtigt eine Wohnung. Der Vermieter laut WG-gesucht ein Mann zwischen 20 und 30. Im Angebot: Ein 17-Quadratmeter-Zimmer im Niolaiviertel für 350 Euro. Auf den ersten Blick wird klar, dass der Vermieter erheblich älter ist. 

"Und er fing an, dass ich ja super-sympathisch sei und so ein schönes Lachen habe und so sympathisch aussehe, und er könnte sich richtig gut vorstellen, dass wir zusammen hier wohnen könnten."  

Lage und Preis stimmen. Das Alter nicht. Corinna ringt mit sich. Dann sagt der Mann, er sei Tanzlehrer. Und: "Ja, tanz doch mal was vor!"  

Corinna tanzt nicht vor. Sie geht. Und sucht weiter. Beim nächsten WG-Casting trifft sie drei Studentinnen. Alle berichten sie von ihrem Casting. Mit demselben Tanzlehrer. 

"Dann schickte er mir ein Bild von seinem Penis"

"Three months ago, I was looking for an apartment to rent in Berlin. Then I found someone from wg-gesucht.de." In Berlin-Neukölln sitzt die 19-jährige Meral vor ihrem Rechner in einem Café. Vor drei Monaten kam die junge Türkin nach Berlin, um Deutsch zu lernen und später Informatik zu studieren. Auch sie wird zu einem Casting eingeladen.  

"Er sagte, ich solle barfuß erscheinen. Und keinen Gürtel tragen. Ich sollte überhaupt nicht viel anziehen. Nur einen BH unter meinem T-Shirt. Und das im Winter."  

Junge Frau bei Wohnungssuche (imago/wolterfoto) Junge Frau bei Wohnungssuche (imago/wolterfoto)

Meral schüttelt den Kopf. Fast wäre sie zu dem Treffen gegangen. Eine Verwandte hält sie davon ab. Merals erste schlechte Erfahrung mit dem deutschen WG-Markt. Ab jetzt studiert sie gemeinsam mit Freunden die Anzeigen. Ein vermeintlicher Student entpuppt sich schnell als 55-jähriger Mann. Meral sagt das Treffen ab.  

"Er schickte dann ein Bild von seinem Penis. Es war schlimm. Ich wartete gerade auf die U-Bahn. Vor Schreck fiel mir mein Handy aus der Hand. Ein Junge neben mir sah das Bild. Er hielt mich bestimmt für pervers. Ich habe mich richtig schlecht gefühlt. " 

Bei Belästigung verweist "wg-gesucht" auf die Polizei

Auf Nachfrage teilt WG-gesucht mit, dass Anzeigen und Nachrichten mit Aufruf zu sexuellen Handlungen gleich welcher Art untersagt seien. Weiter heißt es: "In den vergangenen 30 Tagen mussten wir sechs solcher Anzeigen löschen. Eine Zunahme können wir nicht feststellen."

Doch was ist, wenn es bei der Besichtigung zu Belästigungen kommt?  

"Wir empfehlen in Fällen von sexueller Belästigung bei Besichtigungen, Anzeige bei der Polizei zu erstatten. Nur, wenn Betroffene ihre Erfahrungen der Polizei schildern und Anzeige erstatten, ist es langfristig möglich, unseriösen Vermietern das Handwerk zu legen." 

Die Polizei als Wohnungsmarktpatrouille. Die Pressestelle der Berliner Polizei schreibt dazu:  "Derartige Anzeigen sind in Berlin bisher nur in Einzelfällen aufgetreten. Die Ermittlungen dauern an. Abrufbare Statistiken liegen dazu noch nicht vor."  

Auch die Fälle der drei Frauen tauchen in keiner Statistik auf. Am Ende finden alle ein Zimmer über Bekannte. Anzeige bei der Polizei hat keine von ihnen erstattet.

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