Seit 01:05 Uhr Tonart
Freitag, 27.11.2020
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Länderreport / Archiv | Beitrag vom 25.04.2016

StromabschaltungenDen Ärmsten geht das Licht aus

Von Richard Fuchs

Podcast abonnieren
Licht brennt in einer Wohnung in Berlin. (pa/dpa/Spata)
Die Stromkosten sind erheblich gestiegen, der Hartz IV-Beitrag aber nicht. (pa/dpa/Spata)

Bundesweit wird immer mehr Bewohnern der Strom und die Heizung abgeschaltet. Die Energieversorger sperren jährlich 352.000 Haushalte. Am größten ist das Problem in Nordrhein-Westfalen.

"Ohne gute Freunde ist das heutzutage nahezu unmöglich."

Dieser Mann aus Dortmund  - er möchte anonym bleiben - hat erlebt, was jährlich 352.000 Haushalten in Deutschland passiert: Ihr Strom –oder Gaszähler wird vom Energieversorger gesperrt. Das eigene Leben scheint dann: abgeklemmt. 

"Man muss ja zwischenzeitlich mal seine Mails abrufen können, sein Telefon aufladen, warm duschen können. Es ist einfach eine Zumutung."

Besonders betroffen von dieser Form der Energiearmut: Nordrheinwestfalen und das Ruhrgebiet. Rund ein Drittel aller Energiesperren jährlich werden hier verhängt.

Armutsrisiko in NRW ist deutlich gestiegen

Die Gründe sind vielfältig: Arbeitslosigkeit, Trennungen, Krankheit oder Überforderung. Generell gilt: Das Armutsrisiko in NRW ist deutlich gestiegen, heißt es im jüngsten Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands.   

Seit 2006 sei die Armutsquote im Ruhrgebiet um 27 Prozent auf einen neuen Hochstand von 20 Prozent gestiegen, so die Autoren.

NRW bleibt damit armutspolitische Problemregion Nummer Eins. Und mit der Armut kommt auch die Energiearmut, sagt Professor Andreas Löschel von der Uni Münster.

"Grundsätzlich würde man von Energiearmut sprechen, wenn Haushalte durch den Konsum von Energie nicht mehr in der Lage sind, ihre anderen Bedürfnisse in ausreichender Form zu decken."

Stromkosten gingen schneller hoch als Hartz 4 IV

Bei jedem Zehnten hierzulande ist das der Fall. Bei alleinerziehenden Müttern jede Fünfte. Die NRW-Landesregierung, Verbraucherzentralen und einige regionale Energieversorger haben reagiert – haben das Projekt "NRW bekämpft Energiearmut" ins Leben gerufen.

Michael Kopatz, Autor des Buchs, "Energiewende, aber fair!", sieht aber auch den Bundestag in der Pflicht. Der Umgang mit Geringverdienern und Hartz4-Empfänger treibe viele in die Energieschuldenfalle.  

"Der Hartz IV-Satz ist einfach nicht so schnell angestiegen wie die Stromkosten. Das ist eindeutig zu belegen und da ist mittlerweile ein ziemlich großes Delta. Und da hält die Regierung sich zurück, weil das extrem teuer ist. Wenn Hartz4 ein paar Euro angehoben wird, dann macht das ja gleich Milliardenbeträge aus. Aber, das wäre notwendig."

Viele machen vor allem die Ökostromförderung für die drastisch gestiegenen Strompreise verantwortlich – fordern auch dort weitere Korrekturen. Aktuell kostet den Privatverbraucher eine Kilowattstunde Strom 29 Euro Cent – doppelt so viel wie vor zehn Jahren. 

Kurswechsel bei der Ökostromförderung?

Andreas Löschel, der der Monitoring-Kommission zur Energiewende angehört, schlägt einen Kurswechsel bei der Ökostromförderung vor. Statt die Energiewende komplett die EEG-Umlage und damit Mehrkosten beim Strompreis zu finanzieren, könnten Teile dieses Zukunftsprojekts auch vom Steuerzahler direkt finanziert werden. Das wäre deutlich gerechter, sagt er.

"Die Steuern orientieren sich ja am Leistungsfähigkeitsprinzip, das heißt, jeder wird nach seiner Leistungsfähigkeit herangezogen, und das ist eine denke ich gerechtere Art, wie wir Kosten verteilen - als das aktuelle System, wo es eben einzig auf den Stromverbrauch ankommt."

Mehr zum Thema

Schuldnerberatung - Wenn schwäbische Hausfrauen einen Schuldenschnitt brauchen
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 26.05.2015)

Energiewende - "Effizienz ist die Option der Zukunft"
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 25.10.2014)

Ökostrom-Umlage - Der Stromfresser
(Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 19.12.2013)

Länderreport

Buslinie 100Mit dem großen Gelben durch Berlin
Auf dem Foto ist ein gelber Doppeldecker-Bus der Linie 100 zu sehen. Er verbindet den Westen mit dem Osten Berlins. Im Hintergrund ist die Siegessäule zu sehen. ( picture alliance / Zentralbild / Jochen Eckel)

Der Bus 100 war vor 30 Jahren das erste Verkehrsmittel, das Ost- und Westberlin direkt miteinander verband. Millionen von Touristen haben ihn seitdem für Sightseeingtouren durch die Innenstadt genutzt. Besonders begehrt: der freie Blick vom Oberdeck.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur