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Länderreport | Beitrag vom 23.01.2020

Stress, Überstunden, BurnoutÄrzte klagen über zu hohe Arbeitsbelastung

Von Katrin Bohlmann

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Junge Ärzte in einem Krankenhaus bei der Nachtschicht. Sie sitzen erschöpft im Aufenthaltsraum und reiben sich die Augen, legen die Beine auf den Tisch oder stützen den Kopf schlafend auf dem Tisch. (laif/CAMERA PRESS/Martin Pope)
Schlafmangel und Überbelastung bei Krankenhausärzten können zu fatalen Fehlern führen, wie ein junger Assistenzarzt aus Bayern erzählt. (laif/CAMERA PRESS/Martin Pope)

Alarmierende Zustände in deutschen Krankenhäusern. Ärzte sind überlastet und haben keine Zeit für Patienten. Von jungen Medizinern kommt jetzt ein Aufschrei. Eine Studie gibt ihnen recht: 70 Prozent der Ärzte haben Anzeichen von Burnout.

Hoffentlich stirbt heute kein Patient. Das denkt Fritz, so möchte der junge Arzt genannt werden, jedes Mal, wenn er zur Arbeit in die Klinik fährt. Der Grund für seine Angst: viel zu wenig Zeit für die Patienten, zu wenig Personal, zu viel Verwaltungsarbeit. Die Folge sind Frust, Fehler, Burnout. Oft sei der Patient nur ein Fall in den Akten, erzählt Fritz. Er arbeitet auf der Intensivstation einer bayerischen Klinik.

"Das Hauptproblem sind die Spät- und Nachtdienste. Das, muss man sagen, ist sicherlich die Zeit, in der die meisten Probleme auftauchen, die meisten Fehler auch passieren, aber auch die meisten Patienten zu Schaden kommen."

Zeitmangel führte zum Tod eines Kindes

Und tatsächlich sei einer Kollegin schon einmal auf der Intensivstation ein Kind verstorben, weil sie sich nicht ausreichend darum hätte kümmern können, erzählt der 30-Jährige. Sie sei für 14 Patienten verantwortlich gewesen, habe zwei Kinder in einem akuten Zustand gehabt.

"Da bleiben einfach Patienten auf der Strecke. Dieser Kollegin ist eine Patientin verstorben, die hätte wahrscheinlich besser betreut werden müssen. Damit muss man zurechtkommen. Viele fressen das in sich hinein. Ich weiß von der Kollegin, dass sie danach ganz klar gesagt hat, ich kann diesen Job auf der Intensivstation so nicht mehr machen. Es gibt nicht die Stunde null, also die Möglichkeit zu sagen, so, nun setzen wir uns im großen Team zusammen und versuchen zu analysieren, was falsch gelaufen ist, was wir hätten besser machen können. Sich dafür die Zeit zu nehmen, das gibt es in den Kliniken nicht."

Junge Ärzte schieben eine Krankenhausliege durch den Gang, ein Arzt läuft im Vordergrund durch das Bild. (picture alliance/PhotoAlto/Odilon Dimier)Unter großem Druck: Junge Assistenzärzte sind oft besonders belastet. (picture alliance/PhotoAlto/Odilon Dimier)

Arbeitsverdichtung, 16-Stunden- und 24-Stunden-Dienste sind keine Seltenheit. Ärzte halten den Stress immer öfter nur noch mit Aufputschmitteln und Medikamenten durch. Assistenzarzt Fritz brauchte das bisher noch nicht, kennt aber Kollegen, die sich etwa mit Aufputschmitteln durch die Dienste schleppen. Die Situation sei dramatisch.

Eine bedenkliche Entwicklung

Die Arbeit in den Kliniken mache die Ärzte krank, sagt der Marburger Bund, die Interessensvertretung der Ärzte. Viele Ärzte sind am Limit, fühlen sich ausgebrannt. Das zeigt die aktuelle Umfrage des Marburger Bundes. Auch die Bayerische Krankenhausgesellschaft (BKG) bestätigt die hohe Arbeitsbelastung von Ärzten und Pflegekräften. Das sei eine bedenkliche Entwicklung, so BKG-Chef Siegfried Hasenbein.

"Es ist schon bedenkenswert, wenn ausgerechnet im Krankenhaus, wo eigentlich eine hohe Sensibilität für Gesundheitsschutz da sein müsste, wenn das manchmal darunter leidet. Deswegen geht meine erste Forderung an die Politik, weil sie für die Rahmenbedingungen zuständig ist. Aber jedes Krankenhaus hat auch ein paar Stellschrauben, um selbst etwas zu verbessern. Da ist Arbeitsschutz auch ein wesentliches Kriterium."

Immer mehr Patienten, die immer kürzer auf Station bleiben und dies mit immer mehr Verwaltungsaufwand. Das ist das Problem deutscher Krankenhäuser. Viele Klinikärzte bestätigen die hohe Arbeitsbelastung, wollen aber keine Interviews geben, aus Angst vor Konsequenzen ihres Arbeitgebers.

Politik will nicht ins laufende Geschäft eingreifen

Die zuständigen Ministerien auf Landes- und Bundesebene nehmen den Aufschrei der Ärzte ernst, teilen sie mit. So auch Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml von der CSU. Sie stellt aber auch klar: Der Freistaat werde nicht ins laufende Geschäfte der Kliniken eingreifen.

"Ich habe selber Medizin studiert, habe im Krankenhaus gearbeitet", sagt Huml. "Aber gleichzeitig erlebe ich auch, dass die junge Ärztegeneration auch Wert darauf legt, dass man seine acht Stunden arbeitet und dann eben auch den Ausgleich zwischen Beruf, Freizeit und Familie hat. Das ist völlig in Ordnung, das will ich gar nicht kritisieren. Aber das merkt man natürlich in einem Krankenhaussystem, wo es durchaus manchmal normal gewesen ist, dass man auch mal a bissl länger geblieben ist. Das heißt, wir brauchen da und dort vielleicht ein paar mehr Ärzte, die das schultern, was die bisherigen Ärzte geschultert haben, weil es eben auch mehr Patienten in kürzerer Zeit sind, die da sind."

Der schwarze Peter wird hin- und hergeschoben

Nur auf Bundesebene können die Rahmenbedingungen für die Kliniken geändert werden, so Huml. Das Bundesgesundheitsministerium in Berlin entgegnet auf Anfrage, dass nicht bekannt sei, dass flächendeckend Arbeitsschutzregeln in Kliniken verletzt werden. Außerdem liege die Verantwortung bei den zuständigen Behörden der Bundesländer, dass die Arbeitszeiten des Klinikpersonals eingehalten werden.

Der schwarze Peter wird also hin- und hergeschoben. Eine Lösung ist somit nicht in Sicht. Sollte sich bald nicht etwas ändern, befürchtet Assistenzarzt Fritz, dass die Kliniken nicht mehr die Versorgung aufrechterhalten können. "Das ist für die Patienten ganz sicher eine Katastrophe."

Der junge Mediziner will auf die Probleme in den Krankenhäusern aufmerksam machen und aufrütteln. Es muss sich etwas ändern, sagt der bayerische Assistenzarzt, damit er und seine Kollegen einfach mehr Zeit haben für seine Patienten.

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