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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.07.2013

Strenger Filmästhet

Michel Cieutat, Philippe Royer: "Haneke über Haneke", Alexander Verlag, Berlin/Köln, 2013, 409 Seiten

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Michael Haneke bei einer Ehrung im Circulo de Bellas Artes in Madrid, Spanien (picture alliance / dpa / Jl Pino)
Michael Haneke bei einer Ehrung im Circulo de Bellas Artes in Madrid, Spanien (picture alliance / dpa / Jl Pino)

In "Haneke über Haneke" erzählt der österreichische Regisseur und Oscar-Gewinner von Drehbüchern, Kameraeinstellungen, dem Schnitt und dem Umgang mit den Darstellern - Film für Film. So entsteht ein unmittelbarer Zugang zu seinem Gesamtwerk.

1963 fragte François Truffaut "Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?". Das Buch wurde ein Klassiker und nun das Vorbild für diesen umfangreichen Interviewband mit dem Filmemacher Michael Haneke.

Auf dem Buchumschlag zeugt ein roter Aufkleber vom größten Triumph: "Liebe" von Michael Haneke wurde in diesem Jahr als bester nicht englischsprachiger Film mit der weltweit begehrtesten Kinotrophäe ausgezeichnet. Der Oscar (nach der Goldenen Palme in Cannes) war eine ebenso verdiente wie überraschende Ehrung für dieses ungewöhnliche Werk über Krankheit und Alter, das so gar nichts gemein hatte mit seinen Konkurrenten. Einmal mehr rückt der österreichische Regisseur da nichts anderes als Menschen, ihr Leid und die Unausweichlichkeit von Schmerz ins Zentrum. Und einmal mehr tut er das mit ebenso großer Intensität wie Genauigkeit.

Minutiösem Realismus verpflichtet

Das Szenenbild für diesen Film etwa besticht durch extremen Realismus. Die beiden französischen Filmkritiker fragen denn auch nach dem Grundriss der Wohnung des alten Paares, nach den Bildern an den Wänden, der Bibliothek. Die hat Haneke aus massiver Eiche schreinern lassen, sich nicht mit dem üblichen Verfahren begnügt, billiges Holz mit Eichenfurnier zu versehen. Die Bücher wurden alle alphabetisch und nach Themen sortiert, "obwohl es keine einzige Einstellung gibt, in der man die Titel auf dem Buchrücken lesen kann! Ich bin trotzdem fest davon überzeugt, dass man solche Details in den Bildern spürt." An dieser Stelle erinnert die Verpflichtung zum minutiösen Realismus an Erich von Stroheim, der einst darauf bestand, dass seine Komparsen seidene Unterwäsche trugen. Und auf den Kosteneinwand der Studiobosse erwiderte, man sähe diese zwar nicht, aber jeder Mensch bewege sich anders, wenn er Seide am Leib trage.

Michael Haneke erzählt in diesem Buch von seiner Arbeit, von Drehbüchern und Kameraeinstellungen, dem Schnitt und dem Umgang mit Schauspielern. Die beiden kundigen Interviewer gehen chronologisch vor. Fragen nach den ersten Fernsehfilmen aus den 1970er-Jahren, den Erfahrungen bei seinem einzigen Film in Amerika. Dem Casting etwa für die Kinderrollen in "Das weiße Band", nach den Interpretationsspielräumen, die der Regisseur und Drehbuchautor dem Zuschauer lässt.

Natürlich geht es auch um Kindheit und Jugend, auch wenn Haneke da wortkarg bleibt. Er verweigert sich eindeutigen biografischen Zugriffen. Dass er ursprünglich Musiker werden wollte, sei nicht weiter von Belang, auch wenn der Umgang mit Musik in seinen Filmen von Kenntnis und Leidenschaft zeugt. Dass Mutter und Vater Schauspieler waren, spiele keine Rolle, er sei bei seiner Tante aufgewachsen. Dass er seinen ersten Kinofilm erst mit 46 Jahren drehte, sei gut so, er habe vorher Erfahrungen sammeln können.

Dennoch geben diese umfangreichen Gespräche Auskunft nicht nur über die Arbeitsweise und strenge ästhetische Grundhaltung, sondern natürlich auch über den Menschen. Denn – wie Georg Seeßlen in seinem klugen Nachwort schreibt – "das Wesentliche seiner Filme ist das Menschliche".

Besprochen von Manuela Reichart

Michel Cieutat, Philippe Royer: Haneke über Haneke. Gespräche mit Michel Cieutat und Philippe Rouyer
Aus dem Französischen von Marcus Seibert, mit einem Nachwort von Georg Seeßlen
Alexander Verlag, Berlin/Köln, 2013
409 Seiten, 38,00 Euro

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