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Lesart / Archiv | Beitrag vom 12.05.2018

Streitschrift "Geht der Kirche der Glaube aus?" Wenn Theologie zu Politik wird

Klaus-Rüdiger Mai im Gespräch mit Florian Felix Weyh

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Klaus-Rüdiger Mai meint, die Kirchen seien politisch zu links orientiert. (Evangelische Verlagsanstalt Leipzig/Imago )
Klaus-Rüdiger Mai meint, die Kirchen seien politisch zu links orientiert. (Evangelische Verlagsanstalt Leipzig/Imago )

Gegen eine Ideologisierung der evangelischen Kirche wendet sich der Autor Klaus-Rüdiger Mai in seiner Streitschrift "Geht der Kirche der Glaube aus?" Er wünscht sich statt linker Politik mehr Besinnung auf den Glauben, die Bibel und die Mission.

In seiner Streitschrift "Geht der Kirche der Glaube aus?" kritisiert der Autor Klaus-Rüdiger Mai die Ideologisierung der evangelischen Kirche. "Das hängt damit zusammen einmal, dass sie sich sehr eingebracht hat in der Flüchtlingspolitik und sehr stark rot-grüne Positionen übernommen hat", sagte Mai im Deutschlandfunk Kultur. "Zum anderen ist es so, dass doch nicht wenige Angehörige des Apparats rot-grün geprägt worden sind, sozialisiert worden sind. Und ich habe den Eindruck, dass sie manchmal sozusagen ihre politischen Ansichten mit ihren theologischen Grundsätzen durcheinanderwerfen."

Abkehr von der Kirche 

Er verstehe sich als Reformator, der sich eine Kirche wünsche, die sich vor allem dem Glauben widme. "Ich streite dafür, dass wir uns zusammenfinden, dass wir darüber diskutieren, wie unsere Kirche aussehen soll, in welche Richtung unsere Kirche geht", sagte Mai. Er höre viele Klagen von Menschen, die die Kirche verließen, weil sie sie nicht mehr ertrügen. "Wir haben keine Lust, wenn wir in eine Predigt gehen, dass wir den Eindruck haben, dass der Pfarrer die "taz" besser kennt als die Bibel." Deshalb sei es wichtig über die Zukunft der Kirche zu streiten. (gem)


Das Interview im Wortlaut:

Florian Felix Weyh:!! Sie hören Deutschlandfunk Kultur, und Streitschriften stehen heute im Fokus der "Lesart" mit politischer Literatur. Klaus-Rüdiger Mai hat viele Bücher geschrieben, Biografien über Gutenberg, Luther und Dürer zum Beispiel, aber auch historische Romane unter dem Nom de guerre Sebastian Fleming. Kein Pseudonym schützt den Autor bei seiner jüngsten Publikation, "Geht der Kirche der Glaube aus?" Gemeint ist vorrangig die evangelische Kirche, denn, so entnehme ich es seinem Buch, das durchaus aktive Kirchenmitglied Klaus-Rüdiger Mai ist mächtig unzufrieden, mit der Hierarchie wie mit der dort obwaltenden Ideologie. Guten Morgen, Herr Mai!

Klaus-Rüdiger Mai: Guten Morgen!

Weyh: Medias in res – wäre es nicht sinnvoller und effektiver, sie sprächen direkt mit Bischöfen und Bischöfinnen, EKD-Funktionären und -Funktionärinnen und äußerten dort Ihre Kritik? Warum eine nach außen gewandte Streitschrift?

Mai: Wenn ich Katholik wäre, würde ich das sicher tun. Zwar nicht mit EKD-Funktionären, aber mit Bischöfen. Nun ist die evangelische Kirche eine andere Kirche. Sie beruht nämlich auf ihren Gemeindemitgliedern, und das heißt, jedes Gemeindemitglied hat die Verantwortung für die Kirche. Also müssen wir innerhalb der Kirche auch darüber reden. Und da gibt es keinen Unterschied zwischen Bischof, Ratsvorsitzendem oder einfachem Gemeindemitglied.

(Deutschlandradio / Ulrike Köppchen)Der Autor Klaus-Rüdiger Mai im Studio von Deutschlandradio Kultur (Deutschlandradio / Ulrike Köppchen)

Starke rot-grüne Positionen

Weyh: Ich picke mal ein paar knallige Sätze raus. Zitat: "Bindend für die Kirche ist nicht der Zeitgeist, sondern der heilige Geist." Hübscher Kalauer, denkt man sich so. "Im Kirchenasyl verfährt Kirche mit dem Rechtsstaat, als wäre er eine Diktatur und ein Unrechtsstaat." Oder: "Das Theologische läuft Gefahr, im Ethischen aufgelöst zu werden." Und: "Eine Kirche als zweite Heinrich-Böll-Stiftung schafft sich à la longue selbst ab." Alles aus dem Zusammenhang gerissen, ich gebe es zu, aber eines wird doch relativ schnell klar: Sie halten die evangelische Kirche für eine Zweigstelle der grünen Partei. Warum?

Mai: So hart würde ich das nicht formulieren, aber sie ist auf alle Fälle stark ideologisiert. Das hängt damit zusammen einmal, dass sie sich sehr eingebracht hat in der Flüchtlingspolitik und sehr stark rot-grüne Positionen übernommen hat. Zum anderen ist es so, dass doch nicht wenige Angehörige des Apparats rot-grün geprägt worden sind, sozialisiert worden sind. Und ich habe den Eindruck, dass sie manchmal sozusagen ihre politischen Ansichten mit ihren theologischen Grundsätzen durcheinanderwerfen.

Weyh: Ich versuche, das mal zusammenzufassen, was ich auf 192 Seiten, also in einem großen politischen Bogen gelesen haben. Da sagen Sie in etwas, die evangelische Kirche ist zu tagespolitisch, und diese Politik zu links. Sie grenzt ohne Not AfD wählende Christen aus. Sie biedert sich an andere Religionen an wie den Islam, und sie ist theologisch schwach, weil sie Zentralbegriffe wie "Sünde" und "Transzendenz" in einem Wohlfühl-Protestantismus auflöst. Zumindest Letzteres legt ja so ein bisschen den Verdacht nahe, Sie sind ein echter Reaktionär im wörtlichen Sinne. Sie wollen zurück zu einer früheren, vielleicht auch anstrengenderen Kirche.

Mai: Nein, ich bin kein Reaktionär. Ich bin eher ein reformatorisch gesinnter Mensch, wie Luther auch. Reformatorisch bedeutet nichts anderes, als dass man zu einer Form zurück möchte oder hin möchte, und das ist für mich die Form eigentlich der Kirche, des Glaubens. Und die Kirche gründet auf Glauben, auf nichts anderem, und das ist auch ihre Funktion, nebenbei. Denn in einer Demokratie haben wir ja für andere Dinge demokratische Parteien. Da kann sich jeder Bürger auch politisch engagieren. In der Kirche geht es, und das sagt Jesus, doch auch um das Reich, was nicht von dieser Welt ist. Kirche ist dazu da, um eine Perspektive in dieser Welt für diese andere Welt zu bieten.

Papst Franziskus lacht und hält den linken Arm in die Luft. (ANSA, Ettore Ferrari, dpa)Auch Papst Franziskus ist dem Autor Klaus-Rüdiger Mai zu politisch (ANSA, Ettore Ferrari, dpa)

Dem Zeitgeist hinterherlaufen

Weyh: Das kommt zu kurz nach Ihrer Meinung?

Mai: Das kommt zu kurz. Wenn ich sozusagen Angst habe, dass ich mit diesen Botschaften, die die Kirche hat, die Menschen nicht mehr erreiche. Und deswegen glaube ich, dem Zeitgeist hinterherlaufen zu müssen, diese Botschaften vielleicht ein wenig verstecke, die vielleicht auch unbequem sind in heutiger Zeit, wo wir doch eher einen Hedonismus leben. Wenn ich also aus dieser Angst heraus sozusagen dem Zeitgeist hinterherlaufe, Angebote machen möchte, die scheinbar die Menschen ansprechen, dann kann es mir passieren, dass ich an Authentizität, an Wirklichkeit verliere.

Weyh: Nun haben Sie als evangelischer Christ ja eine ganz wunderbare Möglichkeit: Sie können einfach konvertieren und gehen zu den Katholiken.

Mai: Ach, da habe ich es ja nicht besser.

Weyh: Den Papst nennen Sie etwas süffisant nur den "Bischof von Rom".

Mai: Ja, ich gebe es zu. Als damals Franziskus gewählt worden war, größere Hoffnungen verbunden. Ich habe nicht geahnt, dass er selbst in so politische Ecken abdriftet. Und es gibt im Übrigen eine unglaublich interessante Schrift, und zwar von Benedikt VI., als er noch Josef Ratzinger war. Und da schreibt er, warum ich noch in der Kirche bin. Da beschreibt er dieses Elend, wenn Theologie sozusagen zur Politikwissenschaft wird. Und das ist der falsche Weg.

Weyh: Wie sähe denn die Kirche aus, die Sie sich vorstellen können als eine gelungene Kirche?

Mai: Das ist die evangelische Kirche, wie sie jetzt ist, nur mit der Konzentration auf ihre Hauptaufgaben, das heißt, Bibelkunde, Beschäftigung mit der Bibel, Gottesdienst, Diakonie oder Caritas, Bildung und, auf alle Fälle, Mission.

Die Vorsitzende der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, Irmgard Schwaetzer, und der EKD-Ratsvorsitzende Bischof Heinrich Bedford-Strohm mit Gesangbüchern im Eröffnungsgottesdienst. (Bernd Thissen / dpa)Die Vorsitzende der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, Irmgard Schwaetzer und der EKD-Ratsvorsitzende Bischof Heinrich Bedford-Strohm (Bernd Thissen / dpa)

Frohe Botschaft unter die Leute bringen

Weyh: Das ist tatsächlich sozusagen ein Wort, das man eher nicht mehr hört, weil es unmodisch ist. Missionieren heißt ja, jemand anderem etwas nicht nur anbieten, sondern ihn auch überzeugen wollen von etwas anderem.

Mai: Zumindest ihm etwas vorstellen, die eigene Botschaft nicht zu verstecken. Das heißt ja nicht – wir wollen ja keine und ich möchte das schon gar nicht Proselytenmacherei mit Feuer und Schwert. Das ist völliger Unfug. Aber wenn es in der Bibel heißt, dass man sozusagen die frohe Botschaft den Menschen zu bringen hat, dann haben Christen nicht das Recht, sie Menschen vorzuenthalten.

Weyh: Das ist ein schöner Satz, passt aber nicht so ganz zu dem Impetus einer Streitschrift. Und Sie sagen ja, das ist eine Streitschrift. Also erst mal, gegen wen streiten Sie? Streiten Sie gegen eine Elite in der Kirche, also gegen eine Funktionärsschicht? Oder streiten Sie gegen die Politik, die sich mit der Kirche zusammen vermengt hat? Gegen wen streiten Sie?

Mai: Nein, fragen Sie mich, wofür ich streite. Ich streite dafür, dass wir uns zusammenfinden, dass wir darüber diskutieren, wie unsere Kirche aussehen soll, in welche Richtung unsere Kirche geht. Was ich ja zunehmend höre, sind Klagen von Menschen, die sagen, von Freunden, Bekannten, die sagen, wir verlassen die Kirche, weil wir das nicht mehr ertragen.

Wir haben keine Lust, wenn wir in eine Predigt gehen, dass wir den Eindruck haben, dass der Pfarrer die "TAZ" besser kennt als die Bibel. Und insofern ist es wichtig, dass wir über die Zukunft der Kirche streiten. Und die Zukunft der Kirche kann nur im Glauben bestehen, und nicht, wie die Chefin der Heinrich-Böll-Stiftung, Ellen Ueberschär, sagt, die Zukunft der Kirche ist politisch. Das ist mit Sicherheit die Vergangenheit der Kirche. Die Zukunft der Kirche ruht auf dem Glauben.

Streit um die AfD

Weyh: Nun gibt es ja durchaus auch starke Kämpfe, ich glaube, in beiden Kirchen, was die AfD-Wählerschaft angeht. Es gibt Aussagen, dass man sagt, das können keine Christinnen sein, wenn die AfD wählen. Sie zitieren hier den Kulturbeauftragten der EKD, Johann Hinrich Clausen, mit einem Absatz, den ich gar nicht glauben mag, weil der klingt, als wäre er von Carl Schmitt. Da sagt er, das ist der Feind, und der Feind, mit dem kann man auch nicht mehr reden. Bezieht sich das auf die AfD, oder auf wen bezieht sich dieser Absatz?

Mai: Das bezieht sich auf eine Gruppe von Menschen, die er Populisten nennt. Ich würde mal meinen, von AfD bis Putin oder Erdogan. Also, es ist schon eine große Feindschaft, die er da aufmacht, und er macht eine Simplifikation, indem er sagt, das sind alles die Feinde der offenen Gesellschaft. Ich bin die offene Gesellschaft. Wir müssen dann mal darüber diskutieren, was wir unter offener Gesellschaft verstehen.

Er macht es sich auch ein bisschen einfach. Aber unabhängig davon geht es mir gar nicht um die AfD. Mir geht es darum, dass Kirche oder Kirchenvertreter überhaupt nicht zu beurteilen haben, in welche politischen Parteien und Richtungen ihre Christen gehen. Das gilt sowohl für die Linke, für die Grünen, für SPD, CDU, FDP und die AfD. Es gilt für alle, und da hat sich Kirche zurückzuhalten. Und Martin Luther hat einen schönen Satz gesagt, und zwar sagte er: Kein Bischof hat das Recht, irgendetwas über einen Christen zu sagen, außer mit seiner Zustimmung.

Weyh: Man hat den Eindruck, dass zumindest auch so, wie Sie das beschreiben, dass Sie auch damit hadern, dass ein gewisser Teil des politischen Spektrums moralisch argumentiert. Also, der eher linke und grüne Teil argumentiert ja mit moralischen Kategorien und sagt, wir müssen das und das tun, weil das ist uns moralisch auch aus unserer Geschichte geboten. Sie nennen das "Hypermoral" und finden das gefährlich.

Mai: Ja, weil wirkliche Moral damit zusammenhängt, dass man die Frage nach den Folgen stellt. Und ich glaube, was wir benötigen, ist eine Rückkehr zur Verantwortungsethik. Dass wir nämlich nicht nur in hohe humane Töne gehen, uns dann aber völlig gleichgültig ist, wie das im Alltag gelöst werden. Dann können nämlich viele Dinge auch misslingen.

Sondern wir müssen fragen, was können wir erreichen, was können wir schaffen, wofür haben wir die Kapazitäten, und dann können wir da strukturiert und im vollen Bewusstsein der Verantwortung auch tätig werden. Das ist ganz wichtig. Und wir müssen eins begreifen, das ist auch eine Lehre der letzten Zeit, was wir gern wegschieben: Es gibt die Kategorie des Tragischen. Wir können nicht alles regeln. Wir sind endliche Menschen und haben nur endliche Möglichkeiten, und wir müssen unsere Endlichkeit auch annehmen.

Weyh: Das ist eigentlich ein Skandalon. Der Mensch glaubt ja was anderes. Er glaubt ja, dass er alles in den Griff kriegt.

Mai: Ja, das Christentum ist ja ein Skandalon.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Klaus-Rüdiger Mai, "Geht der Kirche der Glaube aus? Eine Streitschrift", Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig, 15 Euro.

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