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Religionen | Beitrag vom 01.09.2019

Streitgespräch zur FriedensethikDarf Krieg nach Gottes Willen sein?

Fernando Enns und Sigurd Rink im Gespräch mit Kirsten Dietrich

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Eine Hand wird zu einer Pistole geformt und trägt gleichzeitig eine Blume. (Eyeem)
Gehen Krieg und Frieden Hand in Hand? (Eyeem)

Die christlichen Kirchen sind dem Frieden verpflichtet. Und doch begleiten Seelsorger Auslandseinsätze der Bundeswehr. Wie kann das zusammengehen: radikales Eintreten für Frieden und das Dulden von Krieg als letztem Mittel?

Kirsten Dietrich: Der 1. September 1939. Heute vor 80 Jahren begann mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen der Zweite Weltkrieg. Ein verheerender Krieg, der geschätzt 60 Millionen Opfer forderte und dessen Verwerfungen bis heute spürbar sind. Der Kampf der Alliierten gegen Deutschland und seine Verbündeten verhinderte damals, dass es noch mehr Opfer wurden.

War das ein gerechter Krieg? Kann es so etwas überhaupt geben, und existiert das Gegenbild, der gerechte Frieden? Darüber möchte ich in dieser Stunde mit zwei Gästen reden, die sich schon beruflich mit Krieg und Frieden beschäftigen. Sigurd Rink ist seit fünf Jahren evangelischer Militärbischof und der erste, der das hauptamtlich macht. Der Kampf der Alliierten gegen Hitler-Deutschland – war das ein gerechter Krieg?

Nichts ist so ungerecht wie der Krieg

Rink: Aus der Blickwarte von Russen, Franzosen, Engländern, Amerikanern auf jeden Fall. Sie würden es als einen "just war" bezeichnen, einen gerechten Krieg. Ich tue mich selbst mit der Bezeichnung schwer, weil es vermutlich auf Erden nichts so Ungerechtes gibt wie einen Krieg, allein schon aufgrund der ganzen Zivilisten, die zu Tode kommen.

Gerecht kann ein Krieg eigentlich nie sein, gleichwohl muss man natürlich sagen, in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg, es ging um einen Völkermord, es ging um eine Tyrannei, die ganz Europa unterjocht hat. Wenn Sie heute mit internationalen Gesprächspartnern sprechen würden, Menschen aus anderen Nationen, die würden zweifellos sagen, es war ein gerechtfertigter Krieg.

Dietrich: Die gleiche Frage geht an meinen zweiten Gesprächspartner. Fernando Enns ist Professor für Friedenstheologie an der Universität Amsterdam, er ist Professor für die Theologie der Friedenskirchen an der Universität Hamburg, und er ist Mitglied der Mennoniten, einer Freikirche, die sich ganz besonders dem Frieden verschrieben hat. Deswegen auch an Sie als Pazifisten die Frage: War der Zweite Weltkrieg aus Sicht der Alliierten ein gerechter Krieg?

"Es gibt keinen gerechten Krieg, Punkt."

Fernando Enns: Wie mein Vorredner Sigurd Rink schon betont hat: Es gibt eigentlich keinen gerechten Krieg. Ich würde das eigentlich streichen und sagen: Es gibt keinen gerechten Krieg, Punkt. Und wenn wir das so absolut sagen, und so meine ich das auch, dann ist natürlich auch der Zweite Weltkrieg, aus welcher Perspektive auch immer, nicht als ein gerechter Krieg oder als ein gerechtfertigter Krieg zu bezeichnen, wenn man sich anschaut – die Opferzahlen sind schon genannt worden – wie die Zivilbevölkerung darunter gelitten hat, welche politischen Kalküle jeweils im Vordergrund standen.

Es ist ja nicht so, dass Politikerinnen und Politiker auch im Zweiten Weltkrieg schon darüber nachgedacht haben, welche ethischen Maßstäbe sie wohl zuvorderst anlegen. Sondern es geht immer – und so ist es bei allen kriegerischen Auseinandersetzungen – erst mal darum, welche politischen Interessen stehen hier im Vordergrund. Leider, muss man sagen, haben die Kirchen – im Plural – über Jahrhunderte hinweg eine Lehre des gerechten Krieges vertreten und somit immer nachträglich oder vorträglich sogar ethisch legimitiert, was Politiker ohnehin machen würden.

Krieg ist nicht der Normalfall

Dietrich: Herr Enns, da stellt sich mir die Frage – vielleicht bin ich auch nur nicht fantasievoll genug, aber: Was wäre denn die Alternative gewesen im Fall des Zweiten Weltkriegs?

Enns: Das ist eine sehr berechtigte Frage, und es ist auch die Frage, die dann natürlich kommen muss. Das große Problem, das wir haben, ist, dass immer, wenn nach diesen Alternativen gefragt wird, so getan wird, als sei Krieg das Normale, also das Instrument, was uns ohnehin zur Verfügung steht, und dann würden wir eventuell nach Alternativen schauen.

Ich würde das gerne herumdrehen und sagen, wenn wir sagen, es gibt keinen gerechten Krieg, auch keine Rechtfertigung für einen Krieg, dann ist diese Option erst mal vom Tisch. Und dann wird der Blick auch frei für Alternativen. Aber solange Kirchen und Religionen Kriege legitimieren, kommen diese Alternativen natürlich nicht genügend in den Blick und werden natürlich auch nicht eingeübt als eine ganz natürliche Haltung.

Vom Angriffskrieg zwischen Nationen zur humanitären Intervention

Dietrich: Aus dem Zweiten Weltkrieg hat der Weltrat der Kirchen tatsächlich die Konsequenz gezogen, zu sagen – ein Beschluss von 1948 –, Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein. Was heißt das denn für Sie, Herr Rink, als Militärbischof?

Rink: Ich finde das eine absolut berechtigte Formel. Das hat ja auch nicht nur der Weltrat der Kirchen gesagt, sondern die Vereinten Nationen, die sich damals gebildet haben, haben das noch mal eindrücklich bestätigt, dass nach den Verheerungen der beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert Krieg überhaupt kein Mittel von Politik mehr sein kann.

Worüber wir heute reden, ist ja eigentlich gar nicht mehr die Kriegsführung in einem klassischen Sinne, wo sich zwei Länder gegenseitig einen entsprechenden Krieg erklären, sondern es geht heutzutage in den Vereinten Nationen ja um die sogenannten humanitären oder auch militärischen Interventionen, um größeres Leiden zu verhindern.

"Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können"

Dietrich: Heißt das dann, dass es wirklich keine Möglichkeit gibt für einen Kirchenvertreter, einen kriegerischen Einsatz zu rechtfertigen?

Rink: Es gibt dazu eine sehr kluge, kleine Schrift von Martin Luther, nach den Bauernkriegen, nach den Verheerungen der Bauernkriege 1526. Sie trägt den Titel "Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können", und da geht es genau um die Frage. Martin Luther hat an der Stelle eine, wie ich finde, sehr kluge Unterscheidung. Und zwar sagt er: Ich selbst als Christenmensch muss Unrecht leiden, ich habe ja eigentlich noch nicht einmal ethisch legitimiert die Möglichkeit eines Selbstschutzes. Aber gleichzeitig habe ich eine Schutzverantwortung für meine Familie, für meine Stadt, für das Land, in dem ich lebe.

Und deswegen unterscheidet er schon damals, also vor 500 Jahren, ganz konkret zwischen einem Verteidigungskrieg, wo Menschen dieser Schutzverantwortung nachkommen, damit sie miteinander auch entsprechend in Frieden leben können, und einem Angriffskrieg, worüber wir natürlich heute, 80 Jahre nach Kriegsbeginn, besonders nachdenken. Ich finde es schon bezeichnend, dass er 1526 klipp und klar zu der Aussage kommt, jede Form von Angriffskrieg, von Aggressionskrieg ist zu verurteilen und ein Soldat, der in diesen Dienst gestellt wird, muss diesen Befehl verweigern. Schon damals, vor 500 Jahren, ist für ihn die Möglichkeit überhaupt nur ein Verteidigungskrieg, wo Menschen einfach in ihrem Territorium in Ruhe und Sicherheit leben möchten.

Auch Luther hat den Krieg gegen die Täufer legitimiert

Dietrich: Diese Schutzverantwortung, der Krieg als letztes Mittel, um so etwas wie einen Rechtsstaat wiederherzustellen, um Menschenrechte zu schützen und überhaupt wieder einzusetzen, das ist ja die Argumentation, mit der viele Einsätze, gerade die unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen, heutzutage geführt werden. Ist das nicht aber auch ein gefährliches Mittel insofern, dass man schwer entscheiden kann, wann das eigentlich greift, ab welchem Punkt man eigentlich anfangen müsste, diese Schutzverantwortung wahrzunehmen? Herr Enns, was sagen Sie als Pazifist dazu?

Enns: Sie dürfen mich ruhig Pazifist nennen, wenn damit gemeint ist: ein realpolitischer Pazifist oder ein realistischer Pazifist. Ich möchte aber noch einmal kurz auf die Argumentation Luthers zurückkommen, die erst mal so plausibel erscheint.

Aber diese Unterscheidung, diese Differenzierung, was ich als Privatmensch wohl machen soll und machen kann und was ich aber dann als politischer Mensch doch meine, tun zu dürfen, das hat dazu geführt, dass zum Beispiel ein Luther durchaus den Staat auffordern konnte, meine Glaubensvorfahren, die Täufer und Täuferinnen des 16. Jahrhunderts, die auch die Reformation betrieben haben – dass diese bitte schön einer Todesstrafe zu unterliegen hätten, da sie die öffentliche Ordnung stören. Mich überzeugt deswegen, wenn Sie verstehen, diese Argumentation nicht wirklich. Denn was dabei herauskommen kann, ist eben genau die Verbrennung, die Folterung von glaubenstreuen Christinnen und Christen, die den Kriegsdienst damals schon verweigert haben.

Können Kirchen überzeugend vom Frieden reden?

Dietrich: Das heißt, Krieg ist ein Mittel, mit dem man sich, ethisch gesehen, die Finger schmutzig macht.

Enns: Auf jeden Fall. Und nicht nur das, sondern es geht ja hier nicht mal nur um Krieg, sondern es geht um die Legitimierung von staatlicher Gewalt insgesamt, wie gefährlich das ist, und wie schwierig es auch ist, das ethisch so zu vertreten mit dem Evangelium, das wir nun mal in der Hand haben.

Ich glaube, was von Luther zu lernen ist, ist sehr stark diese schwierige Aufgabe, der er sich gestellt hat – und dafür schätze ich ihn auch, keine Frage –, zu fragen, welche Rolle hat Kirche denn in der Gesellschaft, in der Öffentlichkeit. Also wenn wir uns überlegen, wie kann Kirche, diese Friedensstimme, diese Stimme der Gewaltfreiheit, diese Stimme der Nachfolge Jesu, wie kann die wirklich ganz realistisch in politisches und öffentliches Geschehen einer Gesellschaft eingetragen werden.

Das ist die Aufgabe, und da meine ich, dass es sehr problematisch ist, dass die Kirchen insgesamt, also über Jahrhunderte hinweg, nicht nur Krieg legitimiert haben, sondern die Todesstrafe, Folter und vieles mehr, also ein sehr problematisches Verhältnis zur Gewalt insgesamt hatten. Das beklage ich, und ich versuche in meinen Forschungen zu zeigen, dass es parallel dazu immer aber auch Gruppen und Gruppierungen gab innerhalb des christlichen Spektrums, die das als hochproblematisch erkannt und eine Alternative gelebt haben.

Vom Pazifisten zum Militärbischof

Dietrich: Herr Rink, Sie haben in einem Buch nachgedacht über Ihre Arbeit als Militärbischof und haben da gesagt, Sie haben mal als Pazifist angefangen, sind aber unter dem Druck dessen, wie Sie die Weltsituation, die Situation von Menschenrechten von Völkern wahrnehmen, zu dem Schluss gekommen: Es muss pragmatischer gehen, es kann sein, dass tatsächlich ein kriegerischer Einsatz ein letztes, ein friedensstiftendes Mittel sein kann.

Rink: Meine prägende biografische Erfahrung war die Ruanda-Krise 1994-95, wo ursprünglich UN-Blauhelmsoldaten im Lande waren, sich dann zurückgezogen haben, sie hatten keinen Kampfauftrag, und es innerhalb kürzester Zeit dann zu – es gibt unterschiedliche Schätzungen – zwischen 600.000 und einer Million Toten gekommen ist, weil es einen unglaublichen Völkermord dort gegeben hat. Das ist genau der Punkt, aufgrund dessen die Vereinten Nationen 2005 gesagt haben: Es gibt diese Verantwortlichkeit zum Schutz, die "responsibility to protect".

Dann, wenn die Vereinten Nationen eine entsprechende Resolution, einen entsprechenden Beschluss fassen, dass schwerste Menschenrechtsverletzungen oder auch ein Völkermord stattfinden, hat die internationale Gemeinschaft die Verpflichtung, entsprechend einzugreifen. Das finde ich spannend im Gespräch zum Beispiel mit Menschen aus der Entwicklungszusammenarbeit, die mir spiegeln: Es gibt bestimmte heißgelaufene Krisen, Szenarien, wo man auch in einer Art internationaler, polizeilicher oder wie auch immer, Verantwortung eingreifen muss – das Stichwort ist das "just policing" im Englischen – und genau das ist das, was zum Beispiel zurzeit in Mali passiert.

Dietrich: Sind solche Einsätze ein Offenbarungseid für die Kirche, wenn sie die begleitet, Herr Enns?

Wie weit darf ich zum Schutz meiner Nächsten gehen?

Enns: Da muss man genau hinschauen. Ich bin sehr dafür, da nicht pauschale Urteile zu fällen, sondern in jedem Fall noch mal genau hinzuschauen. "Responsibility to protect", das ist von der Idee her, finde ich, lohnend. Ich habe mich da sehr viel mit beschäftigt, habe mich da auch politisch eingemischt mit meinen Forschungen, weil ich glaube, dass genau da die entscheidende Stelle ist: bei der Schutzverantwortung für die Nächsten, die von Gewalt direkt bedroht sind.

Das ist die eigentliche ethische Frage, um die es immer wieder geht und immer wieder gehen muss, weil wir da tatsächlich in ein ethisches Dilemma kommen: Wie weit darf ich denn gehen in meiner Intervention, in meinem eigenen Handeln, um die Ziele zu erreichen, die legitim sind? Und diese Ziele sind nichts anderes als der Schutz von Leib und Leben von bedrohten Menschen. Deswegen habe ich diese Diskussion und auch die politische Entwicklung um die "responsibility to protect" innerhalb der Vereinten Nationen sehr begrüßt. Ich halte das für einen klugen Versuch und einen Vorstoß.

Problematisch ist dann eben wieder die praktische Anwendung. Da sind wir wieder mittendrin im schmutzigen Geschäft der Politik. Der Testfall für dieses Argumentationsmodell war Libyen, wo auch die deutsche Bundesregierung mit diesem Konzept hantiert und gemeint hat, ja, ein militärischer Einsatz ist zu rechtfertigen, weil es ja schließlich um den Schutz der Menschen geht. Hier gibt es einen schlimmen Diktator, und dem muss man natürlich in die Arme fallen und so weiter. Was daraus geworden ist, sehen wir in Libyen.

(Peter Kenny     )Der Mennonit und Professor für Friedenstheologie Fernando Enns bei einem Besuch in Israel. (Peter Kenny )

Das ist genau das Ergebnis, was militärische Interventionen in aller Regel verursachen, nämlich dass sie Gewalt noch perpetuieren und dass sie Feindschaft nicht beenden, sondern anfeuern, dass die Vereinten Nationen oder die Streitkräfte, die sich dann dafür einsetzen, zu Parteien werden und eben nicht eine Polizeifunktion übernehmen. Das ist hochproblematisch.

Meine Frage ist an Herrn Rink, aber auch an andere Kirchen, können wir noch mal darüber nachdenken und politisch auch versuchen, gemeinsam zu agieren für eine internationale Polizeikraft, die tatsächlich so ausgebildet ist wie Polizei das verdient, nämlich immer auf Konfliktreduzierung ausgerichtet. Das gemeinsam auch politisch voranzubringen, würde sich, glaube ich, lohnen, damit wir aus diesen Dilemmata auch einmal herauskommen.

Polizisten statt Soldaten?

Dietrich: Direkte Frage an Sie, Herr Rink.

Rink: Also das Nachdenken darüber finde ich auf jeden Fall sinnvoll. Wir sind da ja noch sehr am Anfang des Prozesses. Wir nehmen mal diesen UN-Peacekeeping-Einsatz in Mali. Kein Kampfauftrag, Überwachung eines Friedensabkommens, und da ist jetzt zum Beispiel die Bundeswehr als Bundeswehr unterwegs. Würde man das jetzt substanziell als eine Art Polizeieinsatz gestalten, dann müsste sich dieser Einsatz auch de facto unterscheiden von dem, was momentan passiert, ansonsten klebt man ja quasi nur die Etiketten um.

Das ist das eine, und zum Zweiten, im Bezug auf die deutsche Gesellschaftsordnung, auf das Grundgesetz und all das, was daraus folgt, haben wir bisher die relativ klare Aufteilung des Schutzes nach innen durch die Polizeikräfte und des Schutzes nach außen und außerhalb Deutschlands durch die Bundeswehr und Streitkräfte. Das ist ein Abwägungsprozess, dem man sich stellen muss, ob es sinnvoll ist, an der Stelle auch, zum Beispiel was die Vereinten Nationen angeht, noch stärker auf Polizeikräfte zu vertrauen.

Wenn man an der Stelle exakt mit den gleichen Mitteln operiert, zum Beispiel bei der Sicherung der Wege, bei den Patrouillen und so weiter, dann ist das eine Art Etikettenschwindel, den braucht, glaube ich, keiner. Sondern man müsste darüber nachdenken, wie ein solcher Einsatz substanziell anders gestaltet werden kann. Das wissen Sie natürlich auch, Herr Enns, dass die deutschen Polizeikräfte, die zurzeit weitestgehend in Länderhoheit sind, an der Stelle bisher kaum verfügbar sind. Also das setzt einen richtigen Umbau auch unserer Gesellschaft an der Stelle voraus.

Stärker auf Frühwarnsysteme und Nachsorge setzen

Enns: Da bin ich ganz bei Ihnen, bloß kein Etikettenschwindel. Nein, es muss tatsächlich um den Versuch gehen, Konflikte völlig anders lösen zu wollen. Ich betone dabei Konfliktlösung, also nicht jeweils, wenn es irgendwo brennt, zu sagen: Wir haben nix anderes, also schicken wir eben Militär, auch wenn wir auch noch nicht genau wissen, wie das wirklich helfen soll. Aber Hauptsache, wir tun nicht nichts. So kommt einem das ja manchmal vor, und verschiedene Einsätze, die jetzt über Jahre laufen, wie in Afghanistan – das sind solche Beispiele.

Also, noch mal zurück zu den Überlegungen von "responsibility to protect": Was mich daran auch fasziniert hat oder mich überzeugt hat, war zumindest die theoretische Überlegung: Konflikte haben einen Vorlauf, Konflikte haben eine heiße Phase und Konflikte brauchen eine Nachsorge. Wenn es uns wirklich um Konflikttransformationen geht, dann muss ich eben nicht nur schauen auf die heiße Phase des Konflikts, sondern wie hat es denn angefangen, wo gibt es Frühwarnsysteme, die uns schon vorzeitig zeigen, hier bahnt sich ein Konflikt an.

Das kann man bei dem Beispiel Ruanda durchspielen, das kann man bei Libyen durchspielen, das kann man sogar bei Syrien durchspielen und jeweils dann schon fragen, welche Rolle hat die Bundesregierung, welche Rolle haben die westlichen Alliierten, welche Rolle hat Russland und alle andere Staaten da jeweils schon gespielt im Anschüren eines Konfliktes. Dann die heiße Phase und dann die Konfliktnachsorge. Wenn das nicht alles als Gesamtpaket im Blick ist, dann braucht man gar nicht erst anfangen zu meinen, man könne irgendwo eine Polizei spielen. Es wird nicht funktionieren.

Auch im UN-Einsatz laden Soldaten Schuld auf sich

Dietrich: Lassen Sie uns noch mal auf diejenigen gucken, die sich in diesen Konflikten dann die Finger schmutzig machen, die sich da einsetzen, die dann wirklich auch den Kopf hinhalten müssen, sprich auf die Soldaten und Soldatinnen. Herr Rink, Sie sind ja als Militärbischof genau für die zuständig und für die Militärseelsorger und -seelsorgerinnen, die eben diese Soldaten begleiten.

Rink: Ja, und da gibt es an der Stelle keine einfache Lösung. Denn es ist so, dass die Menschen, die in den konkreten Einsätzen sind – und das sind am Ende eben Soldatinnen und Soldaten –, jeweils für sich und individuell auch Schuld auf sich laden. Also, selbst wenn man es mit einem Einsatz zu tun hat, der international mandatiert ist und der im Zuge einer evangelischen Friedensethik sicherlich einen guten Namen verdienen würde, könnte es trotzdem dazu kommen, dass ein Soldat gezwungen wird zu einer Gewaltanwendung, dass er einen anderen Menschen tötet oder verletzt oder auch – Stichwort Offiziersstand –, dass er den Befehl gibt dazu.

2551545998_Militärbischof Sigurd Rink mit Soldaten und Soldatinnen ©Militärseelsorge Töpelmann.JPGDer Militärbischof Sigurd Rink bei einer Predigt vor Soldatinnen und Soldaten.

Und das ist eine konkrete Situation, die wir immer wieder im Gespräch haben mit Soldatinnen und Soldaten, dass sie, selbst wenn ein Einsatz noch so gut mandatiert ist und eigentlich einen quasi polizeilichen Charakter hat, dass diese individuelle Schuld auftritt – man spricht von moralischer Verletzung – und dass die Soldaten auch entsprechend hart daran zu tragen haben. Das ist mit diesem Berufsstand verbunden. Diese Schuld kann den Soldaten auch niemand ohne Weiteres nehmen. Und deswegen geht es nicht nur um die Integrität von Leib und Leben, sondern wirklich auch um seelische Integrität. Und es gibt eine ganze Reihe von Soldaten, die aus dieser Warte heraus wirklich geprägt und auch geschädigt nach Hause kommen.

"Frieden bedeutet Leben in gerechten Beziehungen"

Dietrich: Ich würde jetzt gerne noch mal über das Thema Frieden sprechen. Herr Enns, Sie sind Mennonit, das ist eine Kirche, die sich auch historisch gewachsen als Friedenskirche bezeichnet. Was ist denn das, was kann das heute sein in der Weltsituation voller Ungerechtigkeit, voller Folgen von Kolonialismus, von vergangenen Kriegen. Was kann heute Frieden überhaupt sein?

Enns: Ja, es ist gut, dass wir endlich zum eigentlichen Thema kommen, nämlich dem Frieden. Das passiert uns so oft, dass wir dann immer über die knifflige Frage des Krieges sprechen, anstatt uns voll und ganz darauf zu konzentrieren, wie geht eigentlich Friedensbildung und was bedeutet eigentlich Frieden. Wir haben in der ökumenischen Diskussion ein Verständnis entwickelt vom gerechten Frieden. Das ist mehr als nur ein Gegenbegriff zu der althergebrachten Lehre von gerechtem Krieg. Mit dem gerechten Frieden meinen wir eben Friedensbildung in ihrer Gänze.

Wenn ich eine Kurzformulierung dafür geben sollte: Frieden bedeutet Leben in gerechten Beziehungen. Das hat Auswirkungen nicht nur für die Friedenskirchen, sondern für alle Kirchen, für alle Menschen. Auswirkungen darauf, wie wir unsere Wirtschaft gestalten. Was sind gerechte Beziehungen in der Wirtschaft eigentlich? Post-Kolonialismus haben Sie kurz angesprochen. Das betrifft unser Verhältnis zur Natur, natürlich gerechte Beziehungen innerhalb einer Gesellschaft – wie gestalten wir unser Zusammenleben – und die gerechten Beziehungen zwischen den Völkern.

Was die Friedenskirchen wie die Mennoniten oder Quäker besonders auszeichnet, ist, dass sie immer verstanden haben, dass die Gewaltfreiheit mit zum Zeugnis des christlichen Glaubens gehört, also eine Haltung zu haben, die in sich gewaltfrei ist. Wie schwierig das ist, wissen wir selber am besten, wie schwer das manchmal durchzuhalten ist und wie stark man da auch immer wieder Lernender und Lernende bleibt, aber wenn wir diesen Gott bezeugen, an den wir glauben, dann gehört der Versuch eines gewaltfreien Lebens eben unbedingt dazu.

Die Realität der Bundeswehreinsätze macht demütig

Dietrich: Herr Rink, was von diesen Gedanken einer umfassenden Friedensarbeit, eines umfassenden gerechten Friedens können Sie als Militärbischof umsetzen – was hat denn nach Ihren Erfahrungen in der Begleitung von Militäreinsätzen überhaupt eine Chance auf Verwirklichung?

Rink: Je mehr man in diesen Krisen und Kriegssituationen und Ländern unterwegs ist, desto – ich möchte mal christlich sagen – demütiger wird man. Ich kann Fernando Enns in seiner Analyse und seiner Beschreibung dieses Leitbilds Frieden wirklich aus vollem Herzen zustimmen. Das ist das Leitbild, das ist die Vision. Aber in den zwölf Auslandseinsätzen der Bundeswehr und rundherum merkt man, wie meilenweit wir teilweise davon entfernt sind.

Ich sprach vorhin von einer Situation wie in Mali, von Afghanistan ganz zu schweigen, wo man merkt: Genau diese nachhaltige Entwicklung ist überhaupt noch nicht gegeben. Und von daher höre ich die politischen Mahnungen im Sinne der Ursachenbekämpfung zum Beispiel immer sehr gerne und kann denen auch beipflichten. Aber wenn man sich alleine diesen Kontinent Afrika anschaut und im Kopf hat, dass ungefähr die Hälfte der Staaten sogenannte "failing states" sind, also zerfallende Staaten, dann merkt man, wie schwierig die Situation ist und man kriegt, glaube ich, einen realistischen Blick dafür, wie groß die Aufgaben sind.

Dietrich: Ist dann vielleicht gar nichts zu tun die realistischere, die eben demütigere Option, die vielleicht dann auch friedensstiftender ist?

Nichts tun ist auch keine Lösung

Rink: Sicherlich nicht! Ich stehe ja auch absolut dazu, ob das nun humanitäre Interventionen sind oder ein Peacekeeping, ein friedenserhaltender Einsatz. Natürlich muss die Völkergemeinschaft da an der Stelle versuchen, auch unterwegs zu sein. Aber man kriegt einfach einen Blick für die Begrenztheit der Möglichkeiten, selbst wenn man finanziell gesehen und von den Personen her wirklich mit einem ganz, ganz großen Engagement unterwegs ist.

Und das ist auch das Ernüchternde, und zwar nicht nur in Bezug auf Streitkräfte, sondern auch in Bezug auf die Entwicklungszusammenarbeit, dass man an der Stelle merkt: Die Mittel sind sehr begrenzt – und am Ende geht es eben ganz stark darum, die lokale und regionale Bevölkerung vor Ort in ihrem Bestreben, in ihrer Bildung so zu stärken, dass sie selbst von sich aus in der Lage sind, die Dinge in die Hand zu nehmen. Und genau in diese Richtung gehen auch neuerdings die Einsätze. Dass man nicht mehr sagt, hier sind irgendwelche fremden Streitkräfte unterwegs, "boots on the ground", wie man so schön sagt, sondern man versucht ganz, ganz stark, die örtlichen Kräfte zu stärken.

Dietrich: Herr Enns, was haben Sie für Ideen, wie man diesen Gedanken des gerechten Friedens wirklich auch praktisch in den tatsächlich bestehenden Konflikten, die auch militärisch geführt werden, umsetzen kann? Würde das zum Beispiel heißen, mehr Menschen, die in Friedensarbeit geschult sind, mitzuschicken?

Der Weisheit der Betroffenen vertrauen

Enns: Zwei ganz wichtige Aspekte hat Herr Rink eben genannt, die möchte ich aus vollem Herzen unterstreichen: Das eine ist, eine demütigere Haltung einzunehmen. Das betrifft vor allen Dingen auch Länder wie Deutschland, die wirtschaftlich so stark sind, dass sie das, was sie mit ihrem bisschen Entwicklungshilfe und Entwicklungszusammenarbeit aufbauen, mit großen Wirtschaftsverträgen mit Afrika, mit Südamerika dann im großen Stil auch sofort schon wieder kaputtmachen. Also, da wirkt die Entwicklungszusammenarbeit oft wie eine Schminke, die versucht, ein bisschen zu verdecken und zu kaschieren, wie stark die Ausbeutung vieler dieser Länder eben noch geschieht und wie stark wir in Deutschland und in Europa oder Nordamerika die Gewinner dabei sind.

Und den zweiten Aspekt: regionale und lokale Kräfte stärken. Wir müssen doch nicht meinen, dass wir diejenigen sind, die von außen kommen und jetzt den Menschen helfen, wie sie den Frieden finden. Da gibt es genügend Beispiele, wo Menschen da waren, die gesagt haben, lasst das Militär draußen: Osttimor und so weiter. Nach heißesten Konflikten oder inmitten heißester Konflikte, wo Menschen sagen: Bitte nicht von außen eingreifen, wir müssen das hier schaffen – und sie haben es dann auch geschafft. Weil sie ihre Ressourcen benutzt haben, ihre Weisheit benutzt haben und eben den Frieden oder die gerechten Beziehungen auf ihre Weise hergestellt haben.

Das müssen wir vielleicht auch im globalen Norden noch viel stärker lernen, zu verstehen und zu akzeptieren, dass das, was wir unter Gerechtigkeit verstehen – und die Diskrepanz dazu, wie wir es oft leben – noch mal was anderes ist als das, wie es in Mali gedacht wird oder in Afghanistan. Deswegen scheue ich mich dann, im Nachhinein irgendwelche ethischen Akrobatiken zu vollziehen, um dann militärische Einsätze zu legitimieren. Dafür bin ich nicht zu haben.

"Wieso sind wir hier?"

Dietrich: Sigurd Rink, Sie möchten direkt darauf antworten?

Rink: Ja, genau, und zwar in einer Verstärkung und auch Differenzierung. Mit einer ethischen Legitimierung, zum Beispiel eines UN-Peacekeeping-Einsatzes in Mali zur Unterstützung eines Friedensabkommens, habe ich aus Sicht der evangelischen Friedensethik gar keine Bauchschmerzen. Aber man muss eben einen unterschiedlichen Blick auf die Einsätze haben. Und da wollte ich noch mal auch dieses interkulturelle Lernen verstärken. Was man zum Beispiel anhand der nun bald 20 Jahre Afghanistan-Konflikt lernen kann.

Als ich das letzte Mal da war in Kabul, abgeschottet, und einer ganzen Runde von hochrangingen Offizieren gegenübersaß, fragten sie mich eine einzige Frage, und die hieß: Wieso sind wir hier? Das war echt eine fiese Frage. Weil ich als Bischof bin nun der Letzte, der einen solchen Einsatz irgendwie herleiten oder rechtfertigen muss. Aber es war ein General dabei, der hat immer mal wieder neben mir diesen Satz gesagt: Wir haben das Land nicht verstanden. Und genau das ist an der Stelle eine der Grundursachen.

Die Vorstellung, dass man in ein Land wie Afghanistan, wie es die Amerikaner gemacht haben, einzieht und meint, drei oder vier Jahre später hätte man eine Demokratie englischen Zuschnitts und hätte sozusagen das Land transformiert, das ist sowas von illusionär, dass man sich gar kein Bild darüber machen kann. Und ich glaube und hoffe, dass die Länder und auch die politisch Verantwortlichen in der Vergangenheit einfach auch aus diesen Konflikten gelernt haben und wissen, dass eine gerechte Ordnung, auch eine gerechte politische Ordnung in einem Land wie Afghanistan wirklich definitiv anders aussieht als hier.

Für gerechten Frieden kämpfen?

Dietrich: Wir werden dieses Thema nicht fertig diskutieren können, kann man wahrscheinlich auch gar nicht, aber ich danke ganz herzlich für die vielen anregenden Gedanken. Eine ganz kurze Frage noch an jeden von Ihnen: Kann man für Frieden kämpfen, Sigurd Rink, evangelischer Militärbischof?

Rink: Ja!

Dietrich: Was sagen Sie, Fernando Enns, Mennonit und Professor für Friedenstheologie: Kann man für Frieden kämpfen?

Enns: Man kann nicht nur für den Frieden kämpfen, sondern man muss für den Frieden kämpfen, aber gewaltfrei.

Dietrich: Wenn Sie mehr wissen und lesen wollen, Sigurd Rink hat über seine Erfahrungen als Militärbischof geschrieben unter dem Titel "Können Kriege gerecht sein?" und von Fernando Enns ist gerade ein Band mit Predigten herausgekommen: "Gerechten Frieden predigen".

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Fernando Enns: "Gerechten Frieden predigen"
Evangelische Verlagsanstalt 2019, 180 Seiten, 18 Euro

Sigurd Rink: "Können Kriege gerecht sein? Glaube, Zweifel, Gewissen - Wie ich als Militärbischof nach Antworten suche"
Ullstein Buchverlage 2019, 288 Seiten, 20 Euro

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