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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.05.2008

Streit zwischen Stuckfraktion und Pragmatikern

Pläne für den Umbau der Staatsoper Unter den Linden stoßen auf geteiltes Echo

Von Uwe Friedrich

Staatsoper Unter den Linden (AP Archiv)
Staatsoper Unter den Linden (AP Archiv)

Die Staatsoper Unter den Linden in Berlin muss saniert und umgebaut werden. Eine Jury hat sich bereits für den Entwurf des Architekten Klaus Roth ausgesprochen. Demnach soll der Zuschauerraum von Richard Paulick abgerissen werden. Doch der Radikalumbau stößt auf massiven Protest.

Wenn der Vorschlag des Architekten Klaus Roth umgesetzt wird, wird der historisierende Zuschauerraum von Richard Paulick aus dem 1955 abgerissen. Stattdessen entsteht ein moderner Saal mit deutlich höherer Saaldecke, was der mangelhaften Akustik aufhelfen soll, einem steil aufsteigenden Parkett und drei Rängen, die sich der Bühne zuwenden, wodurch die Sichtlinien verbessert werden. Schon als Student hatte Klaus Roth den Wettbewerb zum Wiederaufbau des Frankfurter Opernhauses gewonnen, seitdem hat er mehrere Theater umgebaut.

"Insgesamt wollten wir einen Entwurf schaffen, der festlich ist, der aber auch modern ist, der funktioniert, der durch seine Farben Rot, Gold und Messing und seine Materialien, den Stucco Lustro, also eingefärbten Gips und einem samtigen Rot und Eichenparkett, die Stühle in Spiegeleiche, die Polster sollen auch in rot sein, sodass insgesamt ein freundlicher, festlicher, ein umarmender Raum entsteht."

Vor dem Krieg hatte die Berliner Staatsoper 1850 Plätze, jetzt sind es nur noch knapp 1400. Beim Wiederaufbau in den fünfziger Jahren wurde auf den vierten Rang verzichtet, die Decke abgehängt. Dadurch wurde das Raumvolumen deutlich verkleinert, die ohnehin nicht besonders gute Akustik weiter verschlechtert. In den neunziger Jahren wurde eine Verstärkungsanlage eingebaut, um wenigstens eine Nachhallzeit von 1,1 Sekunden zu erreichen. Als ideal gelten 1,5 Sekunden, das neue Opernhaus in Oslo hat gar sängerfreundliche 1,7 Sekunden. Alle Versuche, den derzeitigen Paulicksaal zu retten, kommen bei der Saalakustik schnell an ihre Grenzen, wie der Juryvorsitzende Peter Kulka erläutert.

"Das Haus ist für ein Opernhaus nur gut zu bespielen über eine elektroakustische Anlage. Das heißt, man bekommt eigentlich keine Livemusik. Der wesentliche Punkt ist, dass das Raumvolumen des Paulickschen Entwurfs einfach vom Volumen her keine gute Akustik bringen kann."

Der Wettbewerbssieger Klaus Roth hat sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, den Paulicksaal bis auf die Außenmauern zu zerstören. Die Rangumgänge und der Apollosaal bleiben jedoch erhalten.

"Wir wollten keinen merkwürdigen Eklektizismus und auch kein Patchwork hier veranstalten. Ich glaube, dass wäre nicht der richtige Schritt gewesen, um einen in sich stimmigen Zuschauerraum zu erhalten."

Der rot schimmernde Saal entwickelt einen bemerkenswerten Schwung. Besonderer Blickfang ist die Saaldecke.

"Wir haben die Raumgeometrie genommen, die Raumgeometrien des Zuschauerraumes, seine Schwünge, sein Ellipsen und Kurven und haben sie im Prinzip transformiert, in die Decke eingebracht. Als Ringe realisiert, die spiralförmig, konzentrisch versetzt die Decke bilden und auch einen überhöhten Raum darstellen. Die Decke als solche ist auch als Lichtelement wichtig. Sie ersetzt faktisch den Kronleuchter. Sie kann in unterschiedlichen Lichtstimmungen dargestellt werden. Die Ringe können sich auch neigen, können akustisch präzise eingestellt werden, so dass bei verschiedenen Inszenierungen unterschiedliche Akustiken erreicht werden können."

238,7 Millionen Euro stehen für die Renovierung und den Umbau der Berliner Staatsoper zur Verfügung, davon 164 Millionen für das eigentliche Theatergebäude Unter den Linden, der Rest für die Intendanz und das Magazingebäude dahinter. Friedrich II. ließ 1743 das erste freistehende Theater nördlich der Alpen errichten, doch schon 1788 wurde es zum ersten Mal umgebaut. Es brannte ab und wurde verändert wieder aufgebaut, bekam einen Bühnenturm, wurde wieder umgebaut, wurde bombardiert, noch im Krieg wieder aufgebaut, erneut bombardiert und in den fünfziger Jahre in der heutigen Form wiedereröffnet. Zweifellos ein herausragendes Beispiel für den historisierenden Wiederaufbau der frühen DDR. Als solches steht das Gebäude auch unter Denkmalschutz. Stefan Rosinski, Chef der Berliner Opernstiftung, erläutert die daraus erwachsenden Probleme.

"Als die Diskussion natürlich hitzig wurde, hat der Denkmalschutz irgendwann gesagt, dann rekonstruieren wir den Paulickraum und dann müssen wir über die Nutzung nachdenken. Dann ist kulturpolitisch darüber zu befinden, ob dieser Saal dann anders in Zukunft bespielt werden soll. Mit einer anderen Programmatik, einer anderen Aufstellung des Staatsorchesters, mit einem anderen Generalmusikdirektor, denn es ist völlig klar, wofür Daniel Barenboim steht, und man hat ja einen großen Saal, einen Opernsaal in Berlin, dann muss man entsprechend die Konsequenz daraus ziehen."

Nun stehen sich Befürworter und Gegner des Radikalumbaus unerbittlich gegenüber. Auf der einen Seite die Stuckfraktion, die vor allem am Neorokoko sozialistischer Prägung hängt und im Zweifelsfall auch in einem Opernhaus die Akustik für zweitrangig hält. Auf der anderen Seite die Pragmatiker, die dem heutigen Saal keine Träne nachweinen würden und vor allem bessere Sichtverhältnisse fordern, sowie eine Akustik, in der auch das große romantische Repertoire gut klingt. Von Kulturstaatssekretär André Schmitz wird kolportiert, er habe getobt, als er von der Juryentscheidung erfuhr, weil er den jetzigen Saal auf jeden Fall erhalten will. Generalmusikdirektor Daniel Barenboim soll hingegen ganz begeistert sein und bereits entschieden haben, "so machen wir’s". Sein Wort hat bekanntlich Gewicht in Berlin. Wann endgültig entschieden wird und wie, steht noch völlig in den Sternen. Das klingt schon jetzt nach einer typisch hauptstädtischen Endlosdebatte. Der Umbau soll im Jahr 2010 beginnen. Darauf wetten möchte momentan wohl niemand.

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