Seit 00:05 Uhr Literatur

Sonntag, 23.09.2018
 
Seit 00:05 Uhr Literatur

Länderreport | Beitrag vom 24.05.2018

Streit um Umbenennung der Lent-KaserneJagdflieger, Held und Nazi?

Von Dietrich Mohaupt

Beitrag hören Podcast abonnieren
Der Name der Lent Kaserne steht auf einem weißen Sockel vor dem Haupttor des Kasernengeländes in Rotenburg/Wümme (Niedersachsen). (picture alliance / Ingo Wagner / dpa)
Der Stadtrat hatte schon entschieden, den Namen beizubehalten. Doch die Diskussion um die Lent-Kaserne dauert an. (picture alliance / Ingo Wagner / dpa)

War Helmut Lent ein Nazi oder ein von der NS-Propaganda missbrauchter Jagdflieger? Der Streit über die Umbenennung der Lent-Kaserne bei Rotenburg erregt seit zwei Jahren die Gemüter. Er wird zur Nagelprobe für den Traditionserlass der Bundeswehr.

So langsam mögen viele Rotenburger nicht mehr – die endlose Diskussion über die Lent-Kaserne, trotz klarer Stellungnahmen von Stadtrat und Kreistag, nervt manch einen Passanten in der Fußgängerzone der Kleinstadt schon gehörig.

"Die Verwaltung muss sich ständig damit beschäftigen, weil irgendwelche Petitionen kommen – und irgendwann haben die wahrscheinlich auch mal die Nase voll und sagen: Wir haben diesbezüglich eine Empfehlung raus, das Votum war eindeutig für die Nicht-Umbenennung."

Andere gehen wesentlich differenzierter mit dieser Frage um:

"Ich hätte kein Problem damit, wenn die Kaserne einen neuen Namen bekäme. Auf der anderen Seite können wir nicht alles wegwischen, was wir hier gehabt haben – und eine Erinnerungstafel mit dem deutlichen Hinweis, dass auch dieser Mensch nicht sauber durch sein Leben gekommen ist, wäre für mich auch eine denkbare Lösung."

Den Namen beibehalten, aber auf einer Hinweistafel ausführlich über Jagdflieger Helmut Lent informieren – für Michael Quelle ist das keine Option. In einem Eiscafé in der Fußgängerzone blättert der gelernte Heilerziehungspfleger in einem Ordner voller Dokumente über Helmut Lent. Schon seit Jahren stöbert er u.a. im Auftrag einer Initiative für die Umbenennung der Kaserne in staatlichen Archiven und privaten Unterlagen, um sich ein möglichst genaues Bild von dem Mann zu machen, der für die Nazi-Führung ganz offensichtlich ein Held war.

Der Stadtrat will den Namen behalten

"Das ist hier der Plan, der Lageplan vom Garnisonsfriedhof in Stade – das Oberkommando des Heeres und Oberkommando der Luftwaffe hat sich im März 1945, also kurz vor Kriegsende, noch Gedanken darüber gemacht, wie der Garnisonsfriedhof in Stade so umgestaltet werden kann, dass das Grab von Helmut Lent und seiner Besatzung im Zentrum eines neuen Ehrenhaines liegen kann … also, ein später Ehrerweis auch daraus zu sehen."

Helmut Lent verunglückt im Oktober 1944 tödlich bei einem Flugunfall in der Nähe von Paderborn. Ein begeisterter Soldat, ein harter und zäher Kämpfer, ein strahlender Held – so würdigt Reichsmarschall Hermann Göring den Flieger bei einem Staatsakt. Nach Görings Worten war Lent "aber nicht nur Soldat, nicht nur Kämpfer, er war auch ein leidenschaftlicher Anhänger unserer nationalsozialistischen Weltanschauung".

Das NS-Regime habe den erfolgreichen Jagdflieger für seine Propaganda missbraucht – halten Gegner einer Kasernen-Umbenennung dagegen. Lent sei eben kein Nazi, sondern einfach ein hervorragender Soldat im Dienste einer falschen Führung gewesen. Ein Beleg für seine Distanz zu dieser Führung sei, dass er in seiner von ihm vorab verfassten Todesanzeige auf die übliche Floskel "gefallen für Führer, Volk und Vaterland" verzichtet und stattdessen ein klares Bekenntnis zu Christentum und Vaterland formuliert habe, argumentiert z.B. der CDU-Bundestagsabgeordnete Oliver Grundmann. Und auch der Bürgermeister von Rotenburg, SPD-Mann Andreas Weber, hält von weiteren Diskussionen nicht allzu viel:

"Ich würde mich freuen, wenn endlich diese Diskussion beendet wird und unser Wunsch, den wir geäußert haben, den wir auch im Stadtrat diskutiert haben, und zwar schon im September 2016, dass dieser Wunsch auch erfüllt wird, dass wir den Namen der Lent-Kaserne hier in Rotenburg auch behalten können."

Rückblende – Ende März dieses Jahres wird in Hannover die Emmich-Cambrai-Kaserne umbenannt, sie trägt jetzt den Namen des in Afghanistan gefallenen Hauptfeldwebels Tobias Lagenstein. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen nutzte diesen Termin, um öffentlich über den neuen Traditionserlass der Bundeswehr zu sprechen. Was kann sinnstiftend sein für eine Tradition, auf die sich heute die Bundeswehr noch berufen kann, berufen darf, fragte die Ministerin – und gab gerade mit Blick auf Angehörige der Nazi-Wehrmacht eine eigentlich recht klare Antwort:

"Es kommt auf die einzelne Person an, und wir müssen immer sorgfältig abwägen. Und dieses Abwägen muss auch die Frage nach persönlicher Schuld stellen, und die Aufnahme in unser Traditionsgut muss zudem eine Leistung zur Bedingung machen, die vorbildlich und sinnstiftend in die Gegenwart wirkt."

Sinnstiftend für die Bundeswehr?

Als Helmut Lent starb war er gerade mal 26 – ein schneidiger, erfolgreicher Jagdpilot und fraglos Liebling der NS-Propaganda. Die Frage nach seiner persönlichen Schuld sei sicher nicht ganz einfach zu beantworten, meint Michael Quelle. Unstrittig sei aber, dass er kein ausgewiesener Gegner des Nazi-Regimes gewesen sei.

"Ich habe nirgends gefunden, dass er in irgendeiner Opposition zum Nationalsozialismus gestanden hat, ich würde ihn als Hitler-treu bezeichnen, also bis zum Schluss! Und die letzten Aussagen, die er gemacht hat in seinen Briefen an die Kommandeure – da hatte er einen Sprachgebrauch wie ‚Die Feiglinge müssen gnadenlos ausgerottet werden‘, ‚fanatisch bis zum Endsieg kämpfen‘ … er war also zum Schluss ein fanatisierter Offizier, auch vor dem Hintergrund vielleicht, dass andere Offiziere ja in den Widerstand gegangen sind."

Aus Sicht des Militärhistorikers Sönke Neitzel von der Uni Potsdam ist mit dem neuen Traditionserlass völlig klar: Auf keinen Fall die Wehrmacht als solche, aber eben doch ein einzelner Soldat – wie zum Beispiel Helmut Lent – könne durchaus sinnstiftend für das Traditionsverständnis der Bundeswehr sein, - wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind. So sei Lent ein tief gläubiger Christ gewesen – und …

"… er war nicht an der Ostfront, er hat keine Kriegsverbrechen begangen, er war nicht in der Partei, und er hat letztlich – auf den Punkt gebracht – die deutsche Zivilbevölkerung vor britischen Bombenangriffen geschützt, vor britischen unterschiedslosen Angriffen auf Deutschland. Die entscheidende Frage ist: Reicht das bis in die Gegenwart oder gar in die Zukunft? Und diese Frage – die können nur die Soldaten selber beantworten."

Das haben sie bereits getan und sich dabei – genau wie der Rat der Stadt und der Kreistag von Rotenburg – für den Erhalt des Namens Lent-Kaserne ausgesprochen. Das Verteidigungsministerium hat das auch zur Kenntnis genommen – nur: Diese Entscheidungen stammen aus der Zeit vor dem neuen Traditionserlass. Auf dessen Grundlage sei jetzt "zu prüfen, ob an den bestehenden Kasernenbenennungen festgehalten werden kann oder ob mit Blick auf das Traditionsverständnis der Bundeswehr und nach Auswerten der neuen Richtlinien ein Umbenennen erforderlich ist", heißt es wörtlich in der Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage einiger Bundestagsabgeordneter der Linken. Das gelte auch für den Bundeswehrstandort in Rotenburg – wo diese Prüfung noch andauere. Nils Bassen sitzt für die Linken im Kreistag von Rotenburg – ihm reicht diese Antwort nicht:

"Vielleicht sollte das Verteidigungsministerium nochmal mit der Kaserne sprechen und denen sagen – ‚hey Leute, macht nochmal eine Veranstaltung, informiert nochmal die Soldaten vor Ort‘ und ich glaube, die Soldaten – die würden gerne nochmal darüber diskutieren, über neue Inhalte und ich glaube, das wäre ganz spannend."

Ohne Druck auf dem Verteidigungsministerium

Genau das will aber das Verteidigungsministerium vermeiden – auf keinen Fall soll der Eindruck entstehen, es gebe offiziellen "Druck von oben". Der Traditionserlass der Bundeswehr setze den Rahmen und die Richtlinien für das Traditionsverständnis innerhalb der Bundeswehr – dieses Verständnis könne nicht verordnet werden, es müsse wachsen, betonte ein Sprecher des Ministeriums auf Nachfrage von Deutschlandfunk Kultur. Die Initiative zu einer Umbenennung müsse auf jeden Fall vom jeweiligen Standort ausgehen – so ist es im Traditionserlass nachzulesen. Keine ganz einfache Situation für die Verteidigungsministerin, meint Sönke Neitzel:

"Ich glaube, die Message, die vom Verteidigungsministerium kommt, ist völlig klar: Weg damit! Natürlich will eine Ministerin ... sie wäre froh, wenn man eine Lent-Kaserne umbenennen könnte, das ist eine Botschaft, die sie politisch vermarkten kann – Erneuerung der Bundeswehr, weg mit den alten Zöpfen. Ich glaube aber nicht, dass man jetzt wirklich offiziell Druck ausüben wird, sondern man wird Mittel und Wege finden, die Leute vor Ort zu überzeugen, dass es doch eine tolle Idee wäre, sich einen anderen Kasernenparton zu benennen."

Und auch Michael Quelle bleibt zuversichtlich – bei allem, was man über Lent inzwischen wisse, sei es eigentlich kaum vorstellbar, dass die Bundeswehr noch lange an diesem Namen für die Rotenburger Kaserne festhalten könne. Die Lent-Kaserne sei so etwas wie eine Nagelprobe für den Umgang der Ministerin mit dem neuen Traditionserlass.

"Will man diesen Traditionserlass auch umsetzen, soll er für die Zukunft gelten? Dann muss also ganz klar gesagt werden: Lent ist nicht sinnstiftend für die Bundeswehr. Und ich bin mir sicher, dass auf Grundlage eines ungeschminkten Bildes von Lent Soldatinnen und Soldaten auch für eine Umbenennung stimmen werden."

Mehr zum Thema

Debatte um deutsche Erinnerungskultur - "Wir brauchen keinen Traditionserlass"
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 18.04.2018)

Neuer Traditionserlass der Bundeswehr - Kein Zeichen von Tapferkeit
(Deutschlandfunk, Kommentare und Themen der Woche, 01.04.2018)

Traditionserlass der Bundeswehr - Die Richtung stimmt
(Deutschlandfunk, Kommentare und Themen der Woche, 28.03.2018)

Länderreport

Allgäu Airport MemmingenKleiner Flughafen ganz groß
Logo und Schriftzug des Allgäu Airport am Terminal des Flughafens (21.2.208). (dpa / Andreas Gebert)

Schnell in den Urlaub ohne lange Sicherheitskontrollen? Zu Fuß zu seinem Flugzeug gehen? Das bieten Regionalflughäfen in Deutschland. Einige von ihnen gingen pleite: der Flughafen in Memmingen im Allgäu schaffte den Sprung auf die große Bühne. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur