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Lesart / Archiv | Beitrag vom 12.06.2017

Streit um NDR-BestenlisteRechtsruck im Feuilleton?

René Aguigah im Gespräch mit Joachim Scholl

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(Foto: Deutschlandradio - Bettina Straub)
DlfKultur-Redakteur René Aguigah im Gespräch - hier auf der Leipziger Buchmesse im März 2012. (Foto: Deutschlandradio - Bettina Straub)

Ein rechtsextremer Band auf der von Feuilletonisten zusammengestellten NDR-Bestenliste "Sachbücher des Monats" sorgt für helle Aufregung: Rückt das Feuilleton nach rechts? René Aguigah vom Deutschlandfunk Kultur verneint: Schuld sei eine Verfahrensschwäche.

Der Feuilletonskandal ist perfekt: In der aktuellen Ausgabe der monatlich vom NDR veröffentlichten Empfehlungsliste "Sachbücher des Monats" findet sich neben seriösen Publikationen auch Rolf Peter Sieferles Essayband "Finis Germania". Das Buch gilt als politisches Vermächtnis des Historikers, der sich im Herbst vergangenen Jahres das Leben genommen hat. Erschienen ist es bei Antaios, einem Verlag, der mit seinen Veröffentlichungen gezielt das Publikum der Neuen Rechten zwischen Konservativer Revolution und Identitärer Bewegung anspricht.

Nobilitiert die Jury rechtsextreme Essays?

Der rechtsextreme Ruch liege deutlich in der Luft, bestätigt René Aguigah, Leiter der Kulturredaktion bei Deutschlandfunk Kultur. Als Juror war er zwar selbst an der Zusammenstellung dieser Sachbuchliste beteiligt, für das Buch habe er aber nicht gestimmt.

Mit Sätzen wie "Der Nationalsozialismus, genauer Auschwitz, ist zum letzten Mythos einer durch und durch rationalisierten Welt geworden" begebe sich Sieferle zumindest in die Nähe der "Auschwitzlüge", sagte Aguigah im Deutschlandfunk Kultur.

Andreas Speit von der taz erklärt, dass Sieferle in seinem Buch ein apokalyptisches Szenario vom "Verschwinden der Deutschen" skizziere. In einer aktuellen Pressemitteilung spricht der NDR davon, dass das Buch "rechtslastige Verschwörungstheorien" bediene. Auch in Sieferles Umfeld herrsche Irritation, wie einem Nachruf der FAZ aus dem vergangenen Herbst zu entnehmen ist: Sieferle habe sich demnach in seinen letzten Lebensjahren zunehmend isoliert. Auch Freunden sei das volle Ausmaß von Sieferles Gesinnungswandel nicht bewusst gewesen, heißt es in der FAZ.

Das Verfahren als Problem

Die Jury des NDR setzt sich aus zahlreichen Radio- und Feuilletonredakteuren zusammen. Haben sich die Juroren wissentlich für eine rechtsextreme Publikation ausgesprochen? Aguigah verneint entschieden:

"Es ist tatsächlich ein Verfahrensproblem. Es ist keine Jury, die zusammen diskutiert und am Ende einen Konsens herstellt. Sondern das ist eine Jury – das gibt es bei anderen  Literaturjurys auch -, wo die einzelnen Juroren Punkte abgeben. Das heißt, wir erfahren auch erst am Ende, bei der Veröffentlichung, das Ergebnis."

Aguigah zufolge habe sich lediglich ein einzelner Juror für das Buch stark gemacht. Der namentlich ungenannt bleibende Juror habe das Buch durch Punkteakkumulation gezielt lanciert, erklärte Lothar Müller heute im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Der betreffende Kollege sei bereits gestern Abend aus der Jury ausgetreten - die verbliebene Jury distanziert sich geschlossen von dem Buch, so Aguigah. In Rundmails habe es nach Bekanntgabe der Liste zudem "heftige" Diskussionen gegeben.

Die Jury habe aus dem Vorfall erste Konsequenzen gezogen, so Aguigah: Das Ergebnis werde künftig vor Veröffentlichung von allen Jurymitgliedern gegengelesen. Etwa zeitgleich zu dem Gespräch auf Deutschlandfunk Kultur äußerte sich allerdings auch der NDR zu dem Vorfall: Die Zusammenarbeit mit der Jury werde vorerst ausgesetzt, bis der Sachverhalt geklärt sei, heißt es bei dem Sender. Und weiter: "Die 'Sachbücher des Monats' werden von NDR Kultur bis auf weiteres nicht mehr veröffentlicht."

Kein Flirt mit dem rechten Rand

Ein Hinweis auf einen allgemeinen, von Speit in der taz befürchteten Rechtsruck der bürgerlich-kritischen Intelligenz lasse sich dem Vorfall allerdings nicht entnehmen, versichert Aguigah im Deutschlandfunk Kultur - schließlich werde diese Listenplatzierung von der überwältigenden Mehrheit der Jury nicht getragen.

Interessanter sei eine andere Verbindung, nämlich "der Umstand, dass Sieferle sich in den 80ern einen Namen gemacht hat mit auch stark kulturkritischen Büchern, die dem konservativem Strang der Grünen nahestehen. Er war Umwelthistoriker, als Student ist er SDS-Mitglied gewesen – war also eher linksradikal."

Sieferles intellektuelle Biografie stehe daher eher für "das krasse Renegatentum", das viele ehemaligen Linken aus der 68er-Generation in den letzten Jahren an den Tag gelegt haben - beispielsweise der frühere SDS-Anwalt Horst Mahler, der sich seit den 80er-Jahren vom ehemaligen RAF-Mitglied zum NPD-Anwalt und strammen Rechtsradikalen gewandelt hat.

Update, 12. Juni 2017, 16:00 Uhr: Auf Telepolis äußert sich Juror Florian Rötzer zu dem Vorfall. Dessen Angaben zufolge handle es sich bei dem betreffenden Juror um einen "Mitarbeiter des Spiegel". Dieser habe sich laut Rötzer auf Anfragen seiner Jurykollegen zunächst nicht gemeldet, ihnen aber "schließlich ... Illiberalität und zensierende 'Konsenswärme'" vorgeworfen. Auch die FAZ meldet online, dass es sich bei dem betreffenden Juror um Spiegel-Redakteur Johannes Saltzwedel handelt.

In der "Studio 9"-Sendung am Nachmittag im Deutschlandfunk Kultur machte SZ-Literaturkritiker Gustav Seibt deutlich: 

"In einer Liste, die ein allgemeines Publikum erreichen soll, das sich Belehrung und Erkenntnis und möglicherweise auch intellektuelle Unterhaltung verspricht, hat ein solches Buch nichts zu suchen."

Hören Sie hier das ganze Gespräch mit dem Journalisten Seibt:

(thg)

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