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Interview | Beitrag vom 07.04.2021

Streit um möglichen Olympia-BoykottSport im Kräftespiel der Politik

Gunter Gebauer im Gespräch mit Nicole Dittmer

Menschen in Anoraks, mit medizinischen Mund-Nase-Masken zum Schutz vor der Covid19-Pandemie, stehen auf einem Platz in Peking vor einer Uhr mit Digitalanzeige, welche die Zeit bis zum Beginn der olympischen Winterspiele 2022 in Peking herunterzählt. (imago / Kyodo News)
Der Countdown läuft: Eine Uhr auf einem öffentlichen Platz in Peking zählt die Zeit bis zum Beginn der olympischen Winterspiele 2022 herunter. (imago / Kyodo News)

Die USA erwägen, die Olympischen Spiele 2022 in Peking wegen der Verletzung von Menschenrechten durch China zu boykottieren. China beruft sich auf die politische Neutralität der Spiele. Als außenpolitisches Ereignis betrachtet sei Olympia immer politisch, meint der Philosoph Gunter Gebauer.

Menschen aus der ganzen Welt, die sich zu einem gemeinsamen Sportereignis treffen und dabei nationale Egoismen überwinden: Diese Idee wollte der französische Pädagoge Pierre de Coubertin weitertragen, als er Ende des 19. Jahrhunderts die Olympischen Spiele wiederbelebte. Nach seinem Wunsch sollte es ein Beitrag zu Frieden und internationaler Verständigung sein. 

Sport als Spielball der internationalen Politik

Nun ist über die Austragung der Olympischen Winterspiele 2022 in Peking ein Streit entbrannt. Die USA haben angekündigt, mit ihren Verbündeten über einen Boykott der Spiele zu beraten. Der Grund sind vermeintliche Menschenrechtsverletzungen in China. Es geht vor allem um den Umgang mit der Minderheit der Uiguren. Mehr als eine Million von ihnen soll in Internierungslagern festgehalten werden. Und es geht um die Demokratiebewegung in Hongkong die unter dem zunehmenden Einfluss der Volksrepublik China massive Einschränkungen erfährt.

Peking reagiert bereits gereizt auf die Boykott-Diskussionen. "Die Politisierung des Sports läuft der Olympischen Charta zuwider", erklärte der chinesische Außenamtssprecher Zhao Lijian. Das schade "den Interessen aller Sportler und der internationalen olympischen Bewegung." Aber geht es hier noch um den Sport, oder ist der olympische Gedanke längst zum Spielball der Politik geworden?

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Als außenpolitisches Ereignis betrachtet, seien die Olympischen Spiele immer politisch, sagt der Berliner Sportsoziologe und Philosoph Gunter Gebauer, auch wenn das Internationale Olympische Kommittee (IOC) jeden Bezug zur Politik gern von sich weise. Es sei jedoch in jedem Einzelfall eine schwierige Abwägung, ob Menschenrechtsverletzungen vorlägen, "die so gravierend sind, dass die Spiele, die ja auch Aufmerksamkeit auf die Menschenrechte lenken sollen, nicht stattfinden können".

Streit um Menschenrechte bereits vor Olympia 2008 

Dass sich diese Frage im Hinblick auf die Spiele in Peking stellen würde, "hätte man bei der Vergabe schon sehen können", meint Gebauer. Denn der Verdacht auf Menschenrechtsverletzungen stehe ja nicht nur angesichts von Chinas Umgang mit den Uiguren im Raum, sondern auch wegen der Situation in Tibet.

Das habe sich schon 2008 im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele in Peking gezeigt: Am Rande des Fackellaufs durch die USA habe es heftige Zusammenstöße von tibetischen Aktivisten mit chinesischen Sicherheitskräften gegeben, die den Fackellauf begleiteten. "Da wusste man schon: Mit den Menschenrechten ist es in China nicht so weit her", sagt Gebauer.

Hören Sie hier unser Gespräch mit dem Kulturphilosophen Christian Demand zum möglichen Olympia-Boykott:

Angesichts der aktuellen Entwicklung hält der Publizist und Kulturphilosoph Christian Demand einen Olympiaboykott für ein "sehr legitimes Mittel". Solche Großveranstaltungen dienten selbstverständlich in erster Linie dazu, dem jeweiligen politischen System eine Bühne zu bereiten, betont er.

Staatsdoping im Wettkampf der Systeme 

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass heute noch allzu viele Leute davon überzeugt werden könnten, dass ein Boykott der Olympischen Spiele 1936 dem Sport Unrecht getan hätte. Wer damals den Speer am weitesten geworfen hat, ist heute völlig vergessen, und zwar zu Recht. Und so würde es auch bei Olympischen Spielen in China sein", sagt Demand.

Dass die Olympischen Spiele an China und die Fußball-WM an Katar vergeben wurden, kann Demand nicht verstehen: "Da beginnt für mich schon der Wahnsinn." Er bezeichnet es als "aberwitzig", heutzutage überhaupt noch darüber nachzudenken, ob der Sport politisch sei.

Er könne gar nicht anders, als politisch zu sein, betont der Philosoph und erinnert an das Staatsdoping der ehemaligen Ostblock-Staaten, das ausschließlich darauf angelegt gewesen sei, einen politischen Systemwettbewerb zu gewinnen. "Das war eine rein politische Veranstaltung."

(fka/ahe)

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