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Kompressor | Beitrag vom 15.07.2016

Streit um Leitung der Berliner Volksbühne"Protest is a brand" - Was hat Chris Dercon zu sagen?

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Der designierte Intendant der Volksbühne Berlin Chris Dercon (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)
Der designierte Intendant der Volksbühne Berlin Chris Dercon (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)

Wer hoffte, etwas über die Zukunft der Volksbühne zu erfahren, wurde enttäuscht: Auf einer Museums-Fachveranstaltung sprach der umstrittene designierte Leiter des Berliner Theaters, Chris Dercon. Doch mehr als Phrasen waren von ihm kaum zu hören, meint Reporter Matthias Dell.

Chris Dercon ist aktuell ein Phantom der Berliner Kulturpolitik. Der smarte Belgier, Leiter der Tate Modern in London, soll ab 2017 das Theater Volksbühne leiten. Dagegen regt sich Protest. Nun hat Dercon in Berlin bei einer Museums-Fachveranstaltung gesprochen. Was hat er zu sagen?

Gegen den designierten neuen Leiter der Berliner Volksbühne, Chris Dercon, regt sich Protest in der Kulturszene der Hauptstadt. Das hat mit der Sentimentalität für seinen Vorgänger und Noch-Intendanten Frank Castorf zu tun. Aber auch damit, dass noch niemand eine Idee hat, was der Museumsmann Dercon im Theater Volksbühne plant. Am Freitagmorgen hielt er einen Vortrag bei einer Fachveranstaltung im Deutschen Historischem Museum. Der Titel der Veranstaltung lautete "Communicating the Museum", Dercon sprach über "The Museum of Exchange". Für uns hat Matthias Dell zugehört. Und er analysiert für uns in der "Frage des Tages": Was hat Chris Dercon zu sagen?


Das Gespräch im Wortlaut:

Gesa Ufer: Chris Dercon ist einer der künftigen Kulturmacher Berlins und gleichzeitig so etwas wie das Phantom der Berliner Kulturpolitik. Aus der Ernennung Dercons zum neuen Intendanten der Berliner Volksbühne hat sich ein regelrechter Kulturkampf entwickelt. Viele haben Angst, die Volksbühne könnte zur stromlinienförmigen Eventbude verkommen, gleichzeitig kennt niemand seine genauen Pläne. Heute hat Chris Dercon im Rahmen eines Kongresses über die Zukunft der Museen gesprochen. Für meinen Kollegen Matthias Dell eine Gelegenheit, sich ein Bild von dem smarten Belgier zu machen. Hallo Matthias!

Matthias Dell: Hallo!

Ufer: Wie war's?

Dell: Ja, schon anstrengend. Ich meine, er ist ein guter Redner, er hat zum Beispiel besser ... - mehr Aufmerksamkeit und mehr Präsenz gehabt, mehr Aufmerksamkeit generiert als seine nachfolgende Sprecherin. Da wurde dann sehr viel auf Handybildschirme geguckt und so. Aber es ist natürlich bei solchen Tagungen auch sehr, sehr viel Englisch unterwegs mit einem relativ hohen Bullshit-Anteil, und da werden relativ viele Phrasen gedroschen. Ich würde mal behaupten, das kann auch in der Natur der Sache liegen. Es wäre ein bisschen wohlfeil, ihm vorzuwerfen, dass er jetzt in der Hölle quasi kein Eis serviert, weil bei Radiojournalistentagungen womöglich auch so viel Absichtserklärungen und Phrasen gesagt werden.

Ufer: Aber drischt jetzt Dercon Phrasen - würdest du das sagen?

Dell: Würde ich schon auch sagen. Ich stecke jetzt nicht im ganz tiefen dem Museumsdiskurs drin, obwohl der auch so durchgaloppiert ist, eine Tour d'Horizon, wie man vielleicht sagen würde, und nach einer halben Stunde Reden war schon der Eindruck so, also wie er sein Arbeitsfeld beschreibt, da geht es immer um alles.

"Cheap art, expensive art, art by men, art by women, art coming from other continents…"

Ich musste schon manchmal lachen, weil es eben auch so komisch klingt, wenn man immer alles aufzählt nur - und dann immer davor sagt: How to communicate, how to communicate. Weil das eigentlich die spannende Frage gewesen wäre. Man könnte da super Stefan-Raab-mäßig die nächsten "Kompressor"-Wochen, glaube ich, bestreiten …

Ufer: Mit dem Buzzer…

Dell: … genau, indem wir lustige How-to-communicate-Sätze einspielen würden. Ein Highlight muss ich noch mal loswerden:

"How do we tell the difference to our audiences and to the world that we are very different."

"Es wird nie beschrieben, worin die Andersartigkeit besteht"

Das ist auch so ein Beispiel dafür, wo man merkt, da steckt auch nichts dahinter. Also es geht darum, das Museum ist irgendwie anders als die anderen, gleichzeitig macht es aber auch alles, was alle anderen machen, und es wird nie beschrieben, worin die Andersartigkeit besteht, nur, dass sie Teil dieses Museum ist, und das ist ein bisschen ermüdend.

Das einzige, wo ihn auch der Furor gepackt hat, war, dass er sich über das Kulturschutzgesetz von Frau Grütters beschwert hat; wobei man aber auch nie dahin kommt, dass er mal erklären würde, warum jetzt der Eigentumsbegriff bei öffentlichen Museen infrage gestellt werden muss, aber nicht bei privaten Kunstbesitzern. Es ist auch nie tief, es ist nie politisch. Ein bisschen ermüdend.

Ufer: Jetzt gucken ja in Berlin wirklich viele mit Argusaugen auf alles, was er sagt und tut, und vor allem, was er in Sachen Volksbühne sagt und tut. Hat er sich in dieser Hinsicht in irgendeine Richtung geäußert? Ich meine, das war ja eine Fachtagung, aber natürlich will Berlin da was hören, und hat er darauf reagiert?

Dell: Er hat natürlich schon an die Crowd, die da auch 1000 Dollar oder 2000 Dollar Eintritt bezahlt, um da mitzumachen und abends zusammenzusitzen und sich zu vernetzen, zu der gesprochen, und diese ganze Volksbühnendebatte spielte da keine Rolle. Es gab aber einen Satz, wo er das mal erwähnt hat.

Da ging es um ein Bild von protestierenden Menschen in London, und irgendwie hat man das Gefühl, ja, vielleicht sieht es aber auch aus wie der Käsekuchen von der Mutter meines Friseurs. Das ist alles so egal, weil irgendwie alles alles sein kann. Alles ist alles und anything is anything, und das macht es schon relativ müde, und das einzige, was ihn da interessiert hat, war eben immer nur Kommunikation und Marke. Das gilt dann letztendlich auch für all die Sachen, die eigentlich widerständig sind wie Andersartigkeit, wie Fremdheit oder eben auch Protest.

"Protest is also part of our brand."

Genau, das wird einfach einverleibt. The otherness is part of our brand. Wobei otherness auch nur meint, irgend so einen prominenten britischen Kunstkritiker vor einem Kunstwerk fotografiert zu sehen, wo der ein bisschen skeptisch drauf guckt, wo ich mich dann auch frage: Ist das jetzt wirklich die andere Erfahrung von einem System, in dem wir leben, in dem er sich wiederum - und das ist das Komische - mit diesen ganzen Begriffen, diese PR-Gespräche, relativ gut und geschmeidig bewegt.

Ufer: Matthias Dell über den Auftritt Chris Dercons bei einem Podium zur Zukunft der Museen. Die nächste Gelegenheit, den designierten Intendanten der Volksbühne und seine Pläne möglicherweise dann näher kennenzulernen, ergibt sich am kommenden Donnerstag. Da wird Dercon sich und seine Pläne nämlich einer Diskussionsrunde über die Zukunft der Kulturmetropole Berlin stellen. Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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