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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 30.04.2021

Streit um Hamburger BornplatzEine Synagoge gegen den Antisemitismus?

Von Carsten Dippel

Eine Tafel zeigt die Bornplatz-Synagoge in Hamburg, durch die Tafel sieht man den von Margrit Kahl gestalteten Platz, an dem die Synagoge einst stand, die 1938 zerstört wurde. (imago / Hoch Zwei Stock / Angerer)
Am heutigen Joseph-Carlebach-Platz stand die Bornplatzsynagoge. Ihr Grundriss auf dem Platz erinnert heute an sie. (imago / Hoch Zwei Stock / Angerer)

Die Synagoge mit ihrer großen Kuppel war einst der ganze Stolz der jüdischen Gemeinde Hamburgs. Mittlerweile wird leidenschaftlich über den Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge gestritten. Kann eine Synagoge ein Zeichen gegen Antisemitismus sein?

Seit 1988 befindet sich auf dem Hamburger Josef-Carlebach-Platz, vormals Bornplatz, ein in den Boden eingelassenes Mahnmal. Das Bodenmosaik der Künstlerin Margrit Kahl zeige eine Leere, die in die Stadt gerissen wurde, sagt die Historikerin Miriam Rürup. "Wenn wir diese Leere jetzt einfach überbauen, indem wir das Originalgebäude, und sei es nur die Hülle, wiederaufbauen, suggerieren wir ja, dass wir da wieder anknüpfen können an die Zeit, wo sie noch stand. Und das würde ich für sehr problematisch halten."

Architektonischer Schlussstrich

Rürup ist entschieden gegen einen Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge. Die heutige Direktorin des Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrums hat viele Jahre in der Hansestadt gelebt. Sie leitete dort das Institut für die Geschichte der deutschen Juden. Sie hat grundsätzliche Einwände. "Wir befinden uns ja in einer Gesellschaft, in der über Erinnerungskultur gestritten und diskutiert wird. Und das ist auch gut so. Wo aber von einigen gesellschaftlichen Kräften viel dafür getan wird, dass der Schlussstrich erreicht wird und sei es nur architektonisch."

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Rürup würde aber nicht so weit gehen, wie der israelische Historiker Moshe Zimmermann, der familiäre Wurzeln in Hamburg hat. Zimmermann warf den Befürwortern des Wiederaufbaus vor, sie würden der AfD in die Hände spielen. Er hatte in Israel eine Erklärung gegen die Pläne in Hamburg initiiert, die viele Unterzeichner fand.

"Die Absichten sind selbstverständlich sehr gut, man will etwas Gutes tun, und will den Kampf gegen Antisemitismus unterstützen", sagte Moshe Zimmenmann kürzlich in einem NDR-Interview zum Synagogenprojekt, "aber indem man es auf diese Art tut, hilft man, die Geschichte zu verdrängen, die Erinnerung an die Schoah zu verdrängen. Da tut man genau das, was auch für die AfD und andere wichtig ist, eben diese 180-Grad-Wende in der Erinnerungspolitik."

Zu den Adressaten seiner Unterschriftenaktion – die viele als verletzend empfanden – gehörten jüdische wie nichtjüdische Menschen, immerhin findet die Idee, die Lücke in Hamburg zu schließen, eine breite Unterstützung in Politik und Öffentlichkeit.

Geld wurde nun freigegeben

Im November wurden vom Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages zunächst 65 Millionen Euro für den Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge bewilligt. Insgesamt wird das Projekt auf 130 Millionen Euro taxiert.

Die Hamburger Senatorin Katharina Fegebank sagte anschließend: "Mazel tov. Heute ist ein besonderer Tag für Hamburg und für das jüdische Leben in Deutschland. Mit der Zusicherung aus Berlin haben alle Demokraten gemeinsam gezeigt, dass dieses Projekt für Hamburg wichtig ist. Wir wollen alles dafür tun, dass der Bornplatz wieder das wird, was er einst war: Hamburgs jüdisches Herz."

Kann eine Synagoge etwas gegen Antisemitismus bewirken, wie es im Slogan der Kampagne "Nein zu Antisemitismus. Ja zur Bornplatzsyangoge" angedeutet wird? Nein, sagt Moshe Zimmermann. "Das ist nicht die Art, wie man Antisemitismus bekämpft. Das ist ein falscher Slogan. Wie wir wissen, macht man Judentum nicht über Bauten, sondern über Inhalte."

Wiederaufbau bedeutet nicht Schlussstrich

Der Unternehmer Daniel Sheffer hat die Kampagne zum Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge initiiert, für die er viele engagierte Bürger gewinnen konnte.

Er teilt die Befürchtungen der Projektgegner nicht: "Es darf hier kein Trugschluss entstehen: Es ist kein Schlussstrich. Tatsächlich verändert ein Gebäude an sich noch gar nichts. Es ist das, was wir daraus machen – und deswegen muss in diesem Gebäude vor allem Begegnung stattfinden. Es muss Möglichkeiten geben, dass Schulklassen an fünf Tagen in der Woche diese Synagoge besuchen können, mit jüdischen Menschen ins Gespräch kommen können. Antisemitismus zu bekämpfen, das muss unser aller Ziel sein."

Kritiker wie Zimmermann berühren eine grundsätzliche Frage: Für wen wird eine Synagoge errichtet, zumal, wenn sich die Politik ein solches Projekt derart auf die Fahnen schreibt?

Die jüdische Gemeinde in Hamburg mit ihrem noch jungen Vorsitzenden Philipp Stricharz sagt: Es ist unser Projekt, weshalb sie, die Gemeinde, auch allein über die Ausgestaltung dieses Baus zu befinden habe. Stricharz äußerte sich in der Jüdischen Allgemeinen: "Wir werden intensiv mit denjenigen, die unsere Gemeinde beim Wiederaufbau unterstützen, über das Wie des Aufbaus ins Gespräch gehen. Mir persönlich ist zunächst einmal wichtig, was die Hamburger Juden und deren demokratisch gewählte Vertreter wünschen."

Synagoge für nichtjüdische Öffentlichkeit

Die Synagoge ist auch ein Prestigeprojekt der Hansestadt. Die eigentliche Auseinandersetzung mit Antisemitismus wird jedoch an ganz anderen Fronten geführt: An den Schulen, im Alltag, überall dort, wo jüdische Menschen auf Ablehnung stoßen. Und auch die Bornplatzsynagoge wird auf ein grundsätzliches Problem treffen: Jüdische Einrichtungen in Deutschland müssen durch massive Sicherheitskonzepte geschützt werden. Wird die Bornplatzsynagoge ein Ort der jüdischen Gemeinde sein oder mehr noch ein Objekt der Selbstvergewisserung einer nichtjüdischen Öffentlichkeit?

Daniel Sheffer formuliert es salomonisch: "In beiden Positionen finden wir Wahrheit: Auf der einen Seite muss die Synagoge an die Bedürfnisse der Gemeinde 2021 adressiert sein. Und auf der anderen Seite: jüdisches Leben in Deutschland ist eben nicht normal. Ein Wiederaufbau ist auch ein Zeichen, dass in der Stadt Hamburg,  aber auch über Hamburg hinaus, wirkt: Jüdisches Leben ist da, es will einen Platz in der Mitte der Gesellschaft einnehmen."

Mehr Vielfalt wagen

Als die Synagoge am Bornplatz 1906 für die damals orthodoxe Gemeinde gebaut wurde, zählte diese mehr als 20.000 Mitglieder. Heute sind es 2.300.

Die Freie Hansestadt jedoch steht noch für eine ganz andere Tradition, an die liberale Jüdinnen und Juden gern erinnern: Hier wurde 1817 der weltweit erste jüdische Reformtempel errichtet.

Auch deshalb blickt Miriam Rürup skeptisch auf die Pläne am Bornplatz. "Wenn man dort baut, dann nicht mit einem Gebäude, das 1906 errichtet wurde, was damals schon eine rückgewandte Architektur war und das innerjüdisch ein Symbol für eine orthodoxe Synagoge ist. Was ich auch religiös ein schwieriges Symbol fände als den zentralen Ort für jüdisches Leben in Hamburg."

Daniel Sheffer kann sich eine Synagoge vorstellen, in der alle ihren Platz finden. "Heute brauchen wir weniger Fläche für einen traditionellen Gottesdienst. Wir brauchen stattdessen mehr Vielfalt in der Einheit. Wir brauchen Flächen für Reform als auch für traditionelle Gebete."

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