Seit 17:05 Uhr Studio 9
Donnerstag, 25.02.2021
 
Seit 17:05 Uhr Studio 9

Interview / Archiv | Beitrag vom 09.01.2020

Streit um ethnologische SammlungenJede geraubte Maske hinterlässt ein spirituelles Loch

Albert Gouaffo im Gespräch mit Dieter Kassel

Beitrag hören Podcast abonnieren
Das Foto zeigt afrikanische Masken im Völkerkundemuseum der Franziskaner, Werl. (picture alliance / dpa / Uta Poss)
Afrikanische Masken im Völkerkundemuseum der Franziskaner, Werl. (picture alliance / dpa / Uta Poss)

Die ethnologischen Museen hierzulande sind voll von afrikanischen Masken oder Figuren aus Papua-Neuguinea. Wir betrachten sie als Kunstobjekte. Doch eigentlich sind sie Kultobjekte und gehören nach Hause, sagt der Kameruner Kolonialforscher Albert Gouaffo.

Wenn eine Maske aus einem afrikanischen Land nach Deutschland gebracht wird, um sie dort in einem Museum zu zeigen, hinterlässt das in Heimatland der Maske ein spirituelles Loch. Das ist die Perspektive von Albert Gouaffo, Professor für germanistische Literatur- und Kulturwissenschaft sowie interkulturelle Kommunikation an der Universität de Dschang, Westkamerun. Seine Forschungsschwerpunkte sind Kolonialgeschichte, Postkolonialismus und Gedächtnisstudien.

Gouaffo betrachtet die Ausstellungsstücke der ethnologischen Museen nicht als Kunstobjekte, sondern als Kultobjekte oder ehemalige Gegenstände des alltäglichen Lebens. "Im Museum sind sie tot", sagt er.

Der Betrachter in Deutschland sehe nur eine Maske - doch hinter dieser stecke eine "große symbolische Kraft". Es sei Zeit, dass die Objekte zurückgebracht würden, damit ihre Geschichte neu geschrieben werden könne.

Kein radikales Umdenken

In der Diskussion um die Rückgabe von Kulturgütern kritisiert Gouaffo die europäischen Museen deutlich. Zumeist gehe es diesen darum, den Kontext des Erwerbs eines Objekts zu rekonstruieren und so die Bestände zu legitimieren. "Es geht nicht – so ist mein Empfinden mittlerweile – um ein radikales Umdenken", sagt der Wissenschaftler.

Die Kolonialgeschichte mitsamt der Verbringung von Objekten nach Europa ist Gouaffos Ansicht zufolge noch nicht aufgearbeitet worden. Die Museen für Völkerkunde in Europa seien ehemals als "Instrumente der Machtausübung" gegründet worden, sagt er. Sie hätten die Überlegenheit der eigenen Kultur in Abgrenzung zu fremden, "primitiven" Kulturen zeigen sollen.

"Das müssen wir erst mal in Erinnerung rufen. Jetzt heißt es, diese Institutionen zu dekolonisieren. Aber eine bloße Namensänderung ist für mich nur Kosmetik." Es müsse eine grundlegende Diskussion geben, fordert Gouaffo.

(ahe)

Alexander vom Humboldts Naturgemälde der Tropenländer (1807) zeigt einen Querschnitt durch den Andenvulkan Chimborazo. (Deutschlandradio/ akg-images/ Science Source )Alle Beiträge im Überblick (Deutschlandradio/ akg-images/ Science Source )

Interview

Türsteherin Navina NickeDer lange Weg zurück ins Clubleben
Die Hamburger Türsteherin Navina Nicke. Sie ist hellblond, Nase, Lippen und Ohren sind gepierct. (Fabian Melchers)

Sie weise nie jemanden aufgrund des Alters ab, sagt die Türsteherin Navina Nicke. Aggressive Leute dagegen sortiere sie immer aus. Eines steht für sie fest: Wenn die Clubs wieder öffnen, werde auch sie erst üben müssen, normale soziale Nähe zuzulassen. Mehr

BlasphemieDie Macht der Schmähung
Dicht gedrängt stehen Menschen in Pakistan bei einer Straßendemonstration. In der ersten Reihe schlagen Flammen hoch, weil die Protestierenden Plakate verbrennen. (imago images / Pacific Press Agency / Rana Sajid Hussain)

Das Phänomen Blasphemie ist auch im 21. Jahrhundert noch immer "überraschend lebendig", sagt der Historiker Gerd Schwerhoff. Das gelte nicht nur für den Islam, auch in der christlichen Kultur habe Gotteslästerung nach wie vor "Aufregerpotenzial".Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur