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Studio 9 | Beitrag vom 02.02.2021

Streit um Berliner Historiker"Sie versuchen, Jörg Baberowski mundtot zu machen"

Von Sebastian Engelbrecht

Blick auf den Platz vor der Humboldt-Universität im Sommer 2020 (Imago / Helmut Meyer)
Vor zwei Jahren verhinderten Studierende der Berliner Humboldt-Universität das geplante Zentrum für Diktaturforschung, wegen angeblicher rechtspopulistischer Tendenzen des Historikers Jörg Baberowski. (Imago / Helmut Meyer)

Der umstrittene Historiker Jörg Baberowski - ein Fall von Cancel Culture? RCDS und Liberale Hochschulgruppe klagen darüber, dass trotzkistische Studierende mit fragwürdigen Mitteln einen "Boykott" des konservativen Professors vorantreiben.

Keineswegs alle Studentinnen und Studenten an der Berliner Humboldt-Universität freuen sich, dass Jörg Baberowskis Diktatur-Forschungszentrum im Akademischen Senat der Universität scheiterte. Zum Beispiel David Rodriguez-Edel, der Vorsitzende des Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) an der Universität:

"Die haben es geschafft, das Projekt zu verhindern, beziehungsweise hat Professor Baberowski am Ende gesagt, dass er das Projekt zurückzieht, was wir natürlich als RCDS sehr schade finden. Weil wir finden, dass die Lehre frei sein soll."

Aber die "Internationale Jugend und Studenten für soziale Gleichheit", auf Englisch IYSSE, bekämpft Baberowski mit allen Mitteln. Die trotzkistische Splittergruppe hat nur zwei Sitze im "StudentInnenparlament". In der Studierendenvertretung "RefRat" und im Akademischen Senat sind die Trotzkisten nicht vertreten.

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Dennoch gelingt es den sehr umtriebigen Trotzkisten, sich mit Hilfe ihrer Agitation gegen Professor Baberowski zu profilieren. Dieser hatte auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 vor zu vielen Flüchtlingen gewarnt.

Als Historiker setzt er die Gewalt des Nationalsozialismus in Bezug zum vorausgehenden Terror des Stalinismus. In beiden Fällen eröffnet er damit Diskurse. Das gefällt nicht allen. Ludwig Behr, Vorsitzender der Liberalen Hochschulgruppe, bestätigt, dass hier ein völlig übertriebenes Feindbild aufgebaut wird:

"Primär ist es erst mal eine versuchte kritische Auseinandersetzung, die leider immer wieder dazu ausartet, dass sie einfach nur versuchen, Herrn Baberowski mundtot zu machen, was dann einen Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit darstellt. Und es ist ja auch nicht so, dass Herr Baberowski nicht versucht hätte, die IYSSE zu Gesprächen einzuladen oder Kritiker einzuladen. Das wurde immer wieder abgelehnt."

Der Vorwurf: "perfide Deals"

Wie gelingt es der Splittergruppe IYSSE, ihr politisches Ziel, den faktischen Boykott des Historikers Baberowski, immer wieder zu erreichen? Ludwig Behr beschreibt Tauschgeschäfte zwischen den Trotzkisten und anderen linken Gruppierungen im "StudentInnenparlament":

"Dort wird einfach versucht durch wahrscheinlich perfide Deals, würde ich sie jetzt mal nennen ... irgendwie dass man sagt: 'Wir wählen jetzt den Kandidaten der Hochschulgruppe der Jusos, obwohl der uns gar nicht gefällt, aber dafür stimmt ihr unserem Antrag zu.' Das ist natürlich leider nicht beweisbar, weil das Abstimmungsverhältnis so nicht dokumentiert wird. Es wird so dokumentiert, dass einfach nur Ja-, Nein- und Enthaltungsstimmen aufgezählt werden und nicht, wer für was gestimmt hat."

Durch Agitation in den sozialen Medien und ständiges Plakatieren an der Universität gelang es den Trotzkisten von der IYSSE, in der mehrheitlich links eingestellten Studentenschaft das Feindbild Baberowski zu etablieren.

"Für zwei Sitze haben sie einen wirklich überdurchschnittlich starken Einfluss, was einfach daraus hervorgeht, dass sie bereit sind, etwas nachzugeben in ihren Positionen und auch Kompromisse zu schließen oder sich irgendwo ranzuhängen an andere Gruppierungen, andere linke Hochschulgruppen, wo sie dann einfach nachgeben in ihrer Thematik, nur damit sie dieses eine Thema mit Baberowski durchbekommen."

Mit dem Trotzki-Biografen fing es an

Wie Ludwig Behr von der Liberalen Hochschulgruppe ist auch David Rodriguez-Edel vom RCDS überrascht, dass die Humboldt-Universität die Hetze gegen ihren Professor zulässt: "Da hätte ich mir natürlich auch gewünscht, dass die Universitätsleitung irgendwas in dieser Hinsicht gemacht hat, weil es um einen Mobbing-Fall gegen einen Professor geht."

Schon seit 2014 bekämpfen die Trotzkisten Jörg Baberowski an der Humboldt-Universität. Damals hatte er den auf Russland spezialisierten Historiker Robert Service in ein Seminar eingeladen.

Service ist bekannt für seine kritische und differenzierte Biografie des Revolutionärs Leo Trotzki. Die Trotzkisten wollten schon damals den Auftritt des kritischen Biografen in dem Seminar verhindern, was ihnen aber nicht gelang. Seither nutzt die IYSSE jede Gelegenheit, Baberowski anzugreifen. Ludwig Behr spricht von einer Verleumdungskampagne der Trotzkisten gegen Baberowski:

"Ich würde mal so weit gehen und sagen, dass der Fall Baberowski der einzige Grund ist, warum diese Hochschulgruppe überhaupt noch existiert an der HU, warum die überhaupt gewählt wird. Solange Präsenzunterricht war, gab es fast täglich Flugblätter, Plakate von der IYSSE, die versucht haben, Baberowski mundtot zu machen, die andere Professoren angegriffen haben, die immer von einer Militarisierung der Humboldt-Universität sprachen und so weiter."

Eigenhändig reißt der Professor Plakate ab

In den sozialen Medien kursiert zudem ein Video, das einen Streit zwischen einem IYSSE-Aktivisten und Jörg Baberowski zeigt. Der Professor reißt Plakate ab, Propaganda gegen ihn. Er fordert den Studenten auf, ihn nicht zu filmen und droht ihm gar. David Rodriguez-Edel vom RCDS nimmt den Historiker dennoch in Schutz:

"Am Ende des Tages sind alle Menschen. Ich glaube, es kann gut sein, dass er in dem Moment nicht perfekt reagiert hat. Aber wie gesagt: Das ist auch das Ergebnis einer langen Rufmordkampagne."

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