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Fazit | Beitrag vom 27.08.2018

Streit über Gedenkakt vor Rückgabe der Herero-GebeineAffronts und Enttäuschung

Von Christiane Habermalz

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Bei der Übergabe von 20 Schädeln an die Opferorganisation "Ovaherero/ Ovambanderu - Rat für Dialog über den Genozid von 1904" steht ein Schädel am Freitag (30.09.2011) in der Berliner Charité hinter Plexiglas. Vor mehr als hundert Jahren ermordeten deutsche Soldaten tausende Einwohner der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika.  (picture alliance / Rainer Jensen)
Schädel eines Herero in der Berliner Charité (picture alliance / Rainer Jensen)

Seit mehr als hundert Jahren lagen sie in der Charité. Nun sollen nach langen Querelen die Gebeine von Opfern der deutschen Kolonialmacht im Rahmen eines Gedenkgottesdienstes an Namibia zurückgegeben werden. Doch noch sind nicht alle Unstimmigkeiten ausgeräumt.

Noch zwei Tage bis zur feierlichen Übergabezeremonie, doch die Fronten sind schon wieder verhärtet. Am Nachmittag traf die offizielle Delegation aus Namibia ein: Um die 70 Personen - Regierungsvertreter, Parlamentarier, Vertreter der namibischen Kirche und Oberhäupter traditioneller Könighäuser der Herero und Nama.

Staatsministerin Michelle Müntefering empfing sie alle in der Villa Borsig, dem Gästehaus des Auswärtigen Amtes. Dort gab sie heute auch, gemeinsam mit der namibischen Kulturministerin Katerina Hanse-Himarwa, die die Delegation anführt, ein kurzes Pressestatement ab. Das Wort "Völkermord" vermied sie.

Die Ahnen in Würde heimbringen

"Die Verbrechen der deutschen Kolonialtruppen in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika in den Jahren 1904 bis 1908, die können wie nicht ungeschehen machen. Wir müssen Wege finden, um gemeinsam zu erinnern, zu gedenken, und auch um eine bessere Zukunft zu ermöglichen", sagte die SPD-Politikerin Müntefering. Und die namibische Ministerin Hanse-Himarwa, betonte, man sei hergekommen, um die Gebeine der Ahnen in Würde heimzubringen – Proteste und Demonstrationen dagegen würden die Würde der Totenzeremonie verletzen.

"Ich appelliere an alle, die Namibia unterstützen wollen und an guten Deutsch-namibischen Beziehungen interessiert sind, die feierliche Atmosphäre dieser Heimkehr zu respektieren, die wir alle den namibischen Opfern kolonialer Brutalität und Grausamkeit bereiten wollen", so Hanse-Himarwa.

Eine offizielle Entschuldigung fehlt

Letzteres war auf die zivilgesellschaftlichen Gruppen wie das Bündnis "Völkermord verjährt nicht" gemünzt, die angekündigt haben, am Mittwoch vor dem Französischen Dom vor Beginn des Gedenkgottesdienstes eine Protest-Mahnwache abzuhalten, weil es noch immer keine offizielle Entschuldigung für die deutschen Gräueltaten gibt.

Hanse-Himarwas Appell, die Füße still zu halten, richtete sich auch an die regierungskritischen Herero- und Nama-Opferverbände,  die Deutschland in New York auf Reparationszahlungen verklagen. Sie waren zum Gedenkgottesdienst in Berlin nicht eingeladen worden – ein Eklat. Angereist sind sie trotzdem. Am Vormittag wurden die kleine "Gegen-Delegation" vom Berliner Justizsenator Dirk Behrendt empfangen.

Übergabe im Bundestag, nicht in der Kirche

Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Grünen-Politiker machten sie deutlich, was sie von der deutschen Regierung erwartet hätten: Eine feierliche Übergabe der menschlichen Überreste nicht in der Kirche, sondern im Bundestag. Verbunden mit einer offiziellen Entschuldigung.

"Das wäre doch eine perfekte Gelegenheit gewesen für Angela Merkel und den Bundestag. Denn alle traditionellen Chiefs der Nama und Herero sind jetzt gerade in Berlin. Sie brauchen nur zu kommen und zu sagen: Wir entschuldigen uns. Mehr wollen wir gar nicht. Ist das denn zuviel verlangt?" fragt Esther Utjiua Muinjangue, Vorsitzende des Ovaherero Genocide Committee von Namibia.

So wie Willy Brandt in Warschau

Und fügt hinzu: "Wir erwarten einen ähnlichen Akt wie damals, als Willy Brandt in Warschau auf die Knie fiel und bei den Polen um Vergebung bat. Vielleicht ist das aber der Unterschied: Die Polen sind weiß, die Herero und Nama sind schwarz. Aber am Ende sind wir alle menschliche Wesen."

Längst sind die Herero und Nama in Namibia auseinanderdividiert. Die einen setzen auf die Verhandlungen mit den Deutschen – bei den anderen wächst die Ungeduld – und das Misstrauen gegen die eigene Regierung, dass ihre Interessen nicht ausreichend vertreten werden. Seit drei Jahren verhandelt die deutsche mit der namibischen Regierung um Entschädigung und Anerkennung des Völkermords – doch die Gespräche liegen auf Eis, auch wegen der noch offenen Klage in New York.

Feilschen um jedes Wort

Um den genauen Wortlaut des deutschen Bedauerns wird erbittert gefeilscht – ein zu deutliches Schuldanerkenntnis, so die Befürchtung der allgegenwärtigen Rechtsberater des Auswärtigen Amtes, könnten Reparationsansprüche nach sich ziehen. Sie sei sicher, dass es zu seiner Zeit eine offizielle  Entschuldigung und eine Anerkennung des ersten deutschen Völkermords geben werde, sagt Kulturministerin Hanse-Himarwa zuversichtlich. Denn irgendwann müsse dieses traurige Kapitel einmal beendet werden können. 

"Aber jetzt sind wir nur hier für die Repatriierung der menschlichen Überreste unserer Ahnen. Darauf möchten wir uns konzentrieren und vor allem darüber wollen wir nun reden", so Hanse-Himarwa.  

Andere werden das nicht so sehen – allen voran Vekuii Rukoro, Paramount Chief der Herero und Strippenzieher der Klage in New York. Er war ebenfalls nicht eingeladen worden – und kommt nun doch zur Zeremonie. Aufgrund seines Status als gewählter traditioneller Herero-Chief steht ihm auch ein Rederecht zu. Er wird es nutzen. 

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