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Interview | Beitrag vom 23.08.2019

Streit über Feuer im Amazonas-RegenwaldWarum Bolsonaro Macron Kolonialismus vorwirft

Ursula Prutsch im Gespräch mit Julius Stucke

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30.04.2019, Brasilien, Brasilia: Jair Bolsonaro, Präsident von Brasilien, sitzt beim Treffen mit Außenminister Maas. (picture alliance / Fabian Sommer / dpa)
Brasiliens Präsident Bolsonaro hat seinen Amtskollegen Emmanuell Macron scharf kritisiert. (picture alliance / Fabian Sommer / dpa)

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro hat Emmanuel Macron eine „kolonialistische Mentalität“ attestiert, nachdem dieser zu den Feuern im Regenwald getwittert hatte. Bolsonaros Äußerung sei innenpolitisch motiviert, sagt Historikerin Ursula Prutsch.

Brasiliens Regenwald steht in Flammen: Tausende Feuer wüten im Amazonasgebiet. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron twitterte dazu "Unser Haus brennt", nannte die Brände eine "internationale Krise" und will sie auf dem G7-Gipfel in Biarritz zum Top-Thema machen. Sein brasilianischer Amtskollege Jair Bolsonaro warf Macron daraufhin eine "kolonialistische Mentalität" vor, da die Länder der Amazonas-Region nicht bei dem Treffen dabei seien.

Brasilien war die größte Kolonie Portugals, seit 1822 ist der Staat unabhängig.

Ursula Prutsch, Professorin für die Geschichte Lateinamerikas und der USA an der Ludwig-Maximinlians-Universität München, findet Bolsonaros Kolonialismus-Vorwurf "keineswegs überraschend". Seit 1900 versuche Brasilien zu den Industrienationen aufzuschließen und habe immer wieder deklariert, dass es ein moderner Staat sei. Sie sagt: "Brasilien reagiert sehr empfänglich, wenn andere Mächte, vor allem europäische, kommen und sagen, (…) Brasilien wisse nicht, wie man mit der eigenen Natur umgeht."

Bolsonaros Vorwurf sei auch innenpolitisch motiviert, glaubt Prutsch: "Er richtet sich da an Wähler unterschiedlicher sozialer Schichten." Die Historikerin sagt, sie kenne das auch aus ihrem eigenen, zum Teil akademischen Freundeskreis in Brasilien: "Wenn dann von außen aus Europa Kritik an Brasilien kommt, wird sofort das Argument verwendet: Die Europäer haben uns nicht zu sagen, was wir tun sollen."

Regenwald-Klausel ins Mercosur-Abkommen  

Lassen sich die Feuer im Amazonas-Gebiet von außen dennoch kritisieren? Ursula Prutsch rät dazu, in das kürzlich zwischen EU und südamerikanischen Staaten ausgehandelte Mercosur-Freihandelsabkommen eine Klausel aufzunehmen, um Brasilien zu zwingen, den Amazonaswald nicht abzuholzen. Kommunikativ hält sie es für wichtig, allen Umweltverbrechen gegenüber sehr sensibel zu sein und auch Klimawandelleugner wie Donald Trump zu kritisieren – und sich nicht nur auf Brasiliens Staatschef zu konzentrieren:

"Wenn man Donald Trump gegenüber großzügiger ist, dann hat ja Bolsonaro wieder das Argument zu sagen: Der ersten Welt lässt man das durchgehen. Und wir, ein Schwellenland, die zweite Welt, wir werden wieder behandelt wie eine Kolonie."

(jfr)

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