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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.04.2020

Streamingtipp: "Ghost Town Anthology"Trauerarbeit mit Besuchen aus dem Jenseits

Von Anke Leweke

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Ein Filmstill aus Ghost Town Anthology zeigt vier Kinder hinter gruseligen Masken und einem Mann im Hintergrund in grobkörnigen  (Stadtkino Filmverleih)
Szene aus "Ghost Town Anthology" – ein etwas anderer Geisterfilm. (Stadtkino Filmverleih)

"Ghost Town Anthology" erzählt, wie sich eine Dorfgemeinschaft nach dem Unfalltod eines jungen Mannes merkwürdig verändert. Doch in Denis Côtés' Film geht es vielmehr um den Umgang mit Vergangenheit und den Niedergang kleiner Städte.

Um was geht es ?

Es beginnt mit einem Knall. Man sieht eine einsame Schneelandschaft, leere Fabrikgebäude und ein Auto, das auf eine Betonwand zurast. Mit aller Wahrscheinlichkeit handelt es sich hier um einen Selbstmord.

Doch niemand in dem abgelegenen Ort Sainte-Irénée-les-Neiges scheint wahrhaben zu wollen, dass der junge Simon Dubé sich das Leben genommen hat. Das irgendwo in Quebec gelegene Dorf mit nur 215 Einwohnern verfällt in eine Art Schockstarre. Oder vielleicht bringt das tragische Ereignis nur eine Erstarrung zum Vorschein, die schon lange dort herrscht?

Was ist das Besondere ?

Hier dehnen sich die verschneiten und frostigen Tage ins Unendliche, etwas kaum Fassbares legt sich wie ein Schleier über die Gegend. Plötzlich tauchen seltsame Kinder auf, die merkwürdige Spiele spielen. Fremde scheinen auf einmal durch das Dorf zu geistern. Vielleicht sind sie ja gar nicht so fremd, wie man zunächst denkt.

Plötzlich meint Jimmy, der Bruder des toten Simon, diesen zu sehen. Fordert uns die Vergangenheit auf, sich mit ihr zu beschäftigen? Kommen verdrängte Geschichten wieder ans Tageslicht? 

Gedreht wurde der Film auf 16-mm-Film, die Zelluloidbilder sind grobkörnig und flirrend, verstärken die irreale Stimmung. 

Fazit

Man bekommt es hier mit einer anderen Form der Trauerarbeit zu tun - und mit einem etwas anderen Geisterfilm. Das Unfassbare wird greifbar und entzieht sich doch wieder.

Gleichzeitig ist der Film das Porträt einer Stadt, die aus der Zeit gefallen zu sein scheint, mit Bewohnerinnen und Bewohnern, die ihre ganz besonderen Macken pflegen und für einige skurrile Momente sorgen.

Ghost Town Anthology
Kanada 2018
Regie: Denis Côté
Länge: 96 Minuten
Mit Robert Naylor Josée Deschênes Jean-Michel Anctil Larissa Corriveau u.a.
Streamingdienst MUBI

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