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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 27.11.2009

Stolz der Juden

Über die Restaurierung der Synagoge in Beirut

Von Mona Naggar

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Blick auf Beirut  (Achim Nuhr)
Blick auf Beirut (Achim Nuhr)

Die prunkvoll ausgestattete Maghen-Abraham-Synagoge im Herzen Beiruts war der Stolz der Juden in Beirut. Es war der letzte Bürgerkrieg, der auch dieses Gebäude beschädigte. Nun wurde die Maghen Abraham mit Spendengeldern restauriert.

Einige Arbeiter mischen Zement mit Wasser. Andere laden Steine von einem Transporter herunter. Im Hof liegen riesige Stahlträger für die Dachkonstruktion. Die Außenmauern des Gebäudes sind noch intakt, aber das Dach fehlt. An den Wänden im Innern sind noch Davidsterne und hebräische Inschriften schwach zu erkennen.

Die Synagoge Maghen Avraham liegt in Wadi Abu Jamil, dem alten jüdischen Viertel im Herzen der libanesischen Hauptstadt. In den ersten Jahren des Bürgerkrieges Mitte der Siebzigerjahre tobten in diesem und in umliegenden Stadtteilen erbitterte Gefechte. Auch die Synagoge wurde beschädigt und ausgeplündert. Nach Jahrzehnten der Vernachlässigung und des Verfalls ist nun Leben zurückgekehrt in das jüdische Gotteshaus, das 1926 eingeweiht wurde.

Im kleinen Vorplatz sitzt Isaac Arazi auf einer alten Holzbank. Der 66-jährige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde im Libanon erzählt über das Projekt der Restaurierung.

Arazi: "Die Idee liegt lange zurück, aber wir haben den passenden Zeitpunkt und die Finanzierung abgewartet. Nun nach den Parlamentswahlen im letzten Sommer haben wir damit angefangen. Die Pläne haben wir nach alten Fotos entworfen. Das Gebäude soll so aussehen wie früher. Es ist die größte Synagoge im Libanon und sie war die schönste im Nahen Osten. Sie war im arabischen Stil gebaut, hatte Bögen.

Die Frauen saßen im oberen Stockwerk. In dieser Synagoge hat mein Bruder geheiratet. Und als mein Vater starb, fand das Totengebet dort statt. Bevor wir mit den Bauarbeiten anfingen, gab es viele Gerüchte, dass sie zu einem Museum oder Bibliothek umgewandelt werden soll. Das stimmt alles nicht. Sie wird wieder ein Gebetshaus sein."

Im Gegensatz zu anderen arabischen Ländern, waren es nicht die wiederholten arabisch-israelischen Kriege, die die Auswanderungswellen auslösten. Im liberalen und pluralistischen Libanon hatten die Juden den gleichen Status wie die anderen Religionsgemeinschaften.
Der 15 Jahre dauernde Bürgerkrieg war der größte Einschnitt im Leben der jüdischen Gemeinde. Er zerstörte die Lebensgrundlage Hunderttausender Menschen. Viele Juden verließen den Zedernstaat und ließen sich in den USA, Italien oder Brasilien nieder.

Die Juden im Libanon gehören heute noch zu den 18 anerkannten Religionsgemeinschaften im Land. Bei den letzten Parlamentswahlen im Sommer 2009 führte das Innenministerium 6000 Libanesen jüdischen Glaubens in den Wahllisten auf.

Aber die Zahl täuscht. Denn die Listen führen auch Verstorbene und vor allem Auslandslibanesen auf. Isaac Arazi schätzt, dass es heute noch ungefähr 200 Juden im Libanon gibt, die meisten davon ältere Menschen. Sie leben sehr zurückgezogen und scheuen die Öffentlichkeit.

Eine von ihnen ist Liza Sorour. Sie lebt unweit der Synagoge in einem baufälligen Haus. Sorour ist in Wadi Abu Jamil geboren und dort zur Schule gegangen. Ihre Eltern sind auf dem jüdischen Friedhof in Sidon begraben. Ihre Geschwister sind vor langer Zeit nach Frankreich ausgewandert:

Liza arabisch: "Wir sind Libanesen, genau wie alle anderen. Wir haben eine lange tolerante Geschichte miteinander. Als es im Krieg in unserem Viertel manchmal gefährlich wurde, sind wir bei einer muslimischen Familie im Stadtteil Sanaye untegekommen. Unsere Freunde und Bekannte waren Muslime, Christen und Drusen. Wir besuchten uns gegenseitig. Bis heute pflege ich einige Kontakte von früher. (...)

Aber seitdem unsere Zahl so geschrumpft, fühle ich mich manchmal unsicher. Wir sind ja wie Exoten hier! Auf dem Ausweis steht die Religionszugehörigkeit zum Glück nicht mehr drauf. Aber ich habe meine Religion auch von der Geburtsurkunde streichen lassen. Ist doch besser. Man weiß nicht was irgendwelchen Fanatikern einfällt!"

Isaac Arazi kann die Ängste von Liza Sorour nicht teilen. Feindseligkeit oder gar Antisemitismus hat er im Libanon nicht erlebt. Seine größte Sorge ist das fehlende Gemeindeleben. Arazi zeigt auf ein Grundstück hinter der Synagoge, das mit Pflanzen überwuchert ist. Dort stand einmal die Thoraschule. Sie wurde während des Krieges beschädigt und später abgerissen. Was aus dem Grundstück werden wird, ist noch nicht klar. Aber die Schule wird nicht wieder aufgebaut. Der Gemeinde fehlt der Nachwuchs. Von der früheren Infrastruktur der libanesischen Juden sind außer Friedhöfe und einige baufällige Synagogen nicht mehr viel übrig.

Der letzte Rabbiner verließ Beirut 1978. Das religiöse Leben der Gemeinschaft ist auf ein Minimum reduziert. Gebete finden nur noch in Privaträumen statt. Äußerst selten, wie Arazi sagt, kommen zehn Männer zu einem Minjan zusammen. Feiertage werden im engsten Familienkreis begangen. Koscheres Fleisch importieren die Gläubigen aus der Türkei. Bei Beerdigungen arbeitet die jüdische Gemeinde mit Muslimen zusammen.

Arazi: "Die jüdischen und islamischen Bestattungsrituale sind identisch. Aus diesem Grund haben wir eine muslimische Firma engagiert. Angestellte der Firma waschen den Leichnam, wickeln ihn in ein Totentuch ein und bringen ihn zu unserem Friedhof. Den Rest übernehmen wir. Ich und andere Vertreter der jüdischen Gemeinde führen die Gebete durch."

Ein Lied der berühmten libanesischen Sängerin Fairuz. Beim Öffnen der offiziellen Website der libanesischen jüdischen Gemeinde, ertönt dieses nostalgisch-melancholische Stück, das von der friedvollen Vergangenheit der Heimat erzählt. Auf der Website gibt es Informationen über die Geschichte der Juden im Zedernstaat, über das Projekt der Restaurierung der Synagoge und ein Spendenaufruf.

Nach dem Ende des Bürgerkrieges schien die Existenz der jüdischen Gemeinde im Libanon bedroht. Die Einrichtung der Website, die Instandsetzung der Maghen Avraham und geplante Restaurierungen der Friedhöfe geben jedoch Anlass zur Hoffnung. Isaac Arazi spricht nicht von einem Neuanfang des jüdischen Lebens im Zedernstaat, aber er ist optimistisch.

Arazi: "In einem Jahr werden wir mit den Bauarbeiten fertig sein, dann feiern wir die Eröffnung mit einem Gebet. Wir bauen für die Zukunft. Wir hoffen, dass ein Teil der libanesischen Juden wenigstens zu Besuch aus dem Ausland zurückkehrt."

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