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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 11.08.2014

Störenfried"Zahlen sind häufig getrickst"

Mark Ortmann vom Institut für Transparenz in der Altersvorsorge nervt die Versicherer

Von Philip Banse

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Ein Sparschwein steht vor einem Schild mit der Aufschrift Riester-Rente. (picture-alliance/ dpa-ZB / Jens Büttner)
Ein Sparschwein steht vor einem Schild mit der Aufschrift Riester-Rente. (picture-alliance/ dpa-ZB / Jens Büttner)

Er zeigt den Versicherungsriesen "den Finger": Mark Ortmann, der Geschäftsführer vom Institut für Transparenz in der Altersvorsorge. Ortmann hilft der Branche aber auch dabei, Produktinformationen der Altersvorsorge verständlicher zu gestalten.

"Ich habe mir gesagt, was wir alle brauchen, sowohl der Kunde, als auch der Berater selbst, ist Transparenz."

Mark Ortmann sitzt in seinem Berliner Büro, Unter den Linden 12, feine Adresse, moderne Kunst an der Wand, papierfreier Schreibtisch. Der 46-Jährige trägt einen grauen Anzug, Hemdkragen offen, sucht stets Blickkontakt. Ein charmanter Störenfried?

"Im ersten Moment erstmal komisch, habe ich noch nicht drüber nachgedacht, aber sicherlich hat das auch einen wahren Kern."

Seit knapp zehn Jahren nervt der promovierte Jurist die Versicherungsriesen. Hier in seinem "Institut für Transparenz in der Altersvorsorge" erstellt Ortmann mit sieben Mitarbeiterinnen Studie um Studie, die belegen: Alle sollen privat fürs Alter vorsorgen, aber der Markt ist kaputt.

"Der Markt funktioniert an der Stelle nicht, wo er nicht transparent ist, wo Anbieter versuchen zu verschleiern, nicht sauber darzustellen, zu hohe Gebühren zu nehmen. Das sind die Problempunkte. Das liegt an mangelnder Transparenz."

Nach der Finanzkrise beschloss die Bundesregierung wenigstens: Finanzprodukten muss ein "Produktinformationsblatt" beiliegen. Alles wichtige auf einem Zettel. Funktioniert nicht, sagt Ortmann.

"Man will sehen, was kommt am Ende bei raus nach der Rendite. Diese Zahlen sind häufig getrickst."

Nicht nur die Zahlen sind irreführend, auch die Versicherungsbedingungen - kaum einer versteht sie, obwohl sie auf auf Deutsch verfaßt sind.

"Wenn sie dort aber Dinge lesen wie Deckungsstock, Sicherungsvermögen, Bewertungsreserven - da steigen sie aus als Kunde."

Ortmann kritisiert die Versicherungen. Öffentlich. In Studien, Pressemitteilungen, Medien.

"Ich bin schon jemand, der der Branche den Finger zeigt."

Die Branche ist irritiert. Schließlich war Ortmann einer von ihnen, ein Steuerfachanwalt, der auch mal Versicherungen vertrieben hat.

"Am Anfang waren alle sehr kritisch und kaum einer hat gesagt, da müssen wir was tun. Die Masse war sehr ablehnend. 

Ich bin schon jemand, der der Branche den Finger zeigt. Aber ich bin nicht der, der alles kritisiert, sondern ich sage auch wie man es besser machen sollte."

Die Branche nimmt das an. Zumindest einige Unternehmen haben verstanden: Wir profitieren, wenn sich unsere Kunden nicht verschaukelt vorkommen.

Verbraucherschützer halten ihn für integer

"Momentan arbeiten wir überwiegend für Gesellschaften und helfen denen, Produktinformation, Dokumente, Kundenschreiben, Produktinformationsblätter, aber auch Bedingungen zu verbessern und verständlicher zu schreiben. Das ist unsere Hauptaufgabe und dafür werden wir bezahlt."

Ortmann bezeichnet sich als unabhängig, wird aber von Versicherungen und Bundesregierung bezahlt.

"Das ist natürlich ein Punkt, den muss man sich sehr genau angucken und da sind wir auch sehr vorsichtig."

Es ist ein Drahtseilakt. Aber Verbraucherschützer, die wiederholt mit Ortmann an einem Tisch saßen, halten ihn für integer. Sie respektieren ihn, registrieren anerkennend, dass er Konflikte mit seinen Auftraggebern nicht scheut. Für das Bundesverbraucherschutzministerium etwa hat Ortmanns Institut untersucht, ob sich Finanzberater an die neuen Dokumentationspflichten halten, die Verbraucher vor Falschberatung schützen sollen. Ortmann sagte: Die meisten Berater halten sich nicht dran. Das Ministerium sagte: Doch! Ortmann blieb beim Nein.

Mark Ortmann ist 45 und sorgt - natürlich - vor fürs Alter. Er würde riestern, bekommt aber keine staatliche Förderung als Geschäftsführer.

"Deswegen muss ich mich selbst drum kümmern, darf mich selbst drum kümmern, kann man ja auch so rum sehen. Ich sehe das so."

Ortmann zahlt monatlich in Renten-Versicherungen ein, die sein Geld in Aktienfonds anlegen.

"Ich bin persönlich der Meinung, dass man mit Aktien über lange Zeiträume bessere Renditen erzielen kann als mit konservativen Anlagen, aber das ist Geschmackssache und sehr individuell zu sehen."

Interview beendet. Ortmann steht auf. Noch eine Schlussbemerkung?

"Ich danke Ihnen und bin sehr gespannt, was hier am Ende bei raus kommt als Störenfried. Vielen Dank."

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