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Ortszeit / Archiv | Beitrag vom 10.12.2013

Stockholm"Unheimlich viel Freude"

Der deutsche Medizin-Nobelpreisträger Südhof

Von Tim Krohn

Waldorfschüler Thomas Südhof erhält Nobelpreis  (picture alliance / dpa / Claudio Bresciani)
Waldorfschüler Thomas Südhof erhält Nobelpreis (picture alliance / dpa / Claudio Bresciani)

Am Nachmittag wurde Neurowissenschaftler Thomas Südhof mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, am Abend wird er auf einem Festbankett in Stockholm geehrt. Südhof ist Wissenschaftler durch und durch. Das will er auch bleiben.

Der Frack für das große Festbankett am Abend sitzt. Die Urkunden sind unterschrieben. Kein Zweifel: Heute ist der größte Tag im Leben des Neurowissenschaftlers Thomas Südhof.  

"Ein Nobelpreis macht unheimlich viel Freude. Glücklich wäre vielleicht eine Übertreibung. Das ist eine philosophische Frage. Aber es ist schon nicht nur eine Ehre, sondern in wirklich tolles Erlebnis."

Im Stockholmer Rathaus, an der 50 Meter langen Festtafel, sitzt er gleich neben dem schwedischen Prinzen Daniel, seine Frau schräg gegenüber in Gesprächsweite zum König. Schon ein merkwürdiges Erlebnis, schmunzelt Südhof, den seine Studenten sonst doch eher in Birkenstock und offenen Hemden kennen. Dass er, der frühere Waldorfschüler aus Göttingen und Hannover, den erlesenen Sitzplatz samt Auszeichnung aber mehr als verdient habe, darüber sind sich die Kollegen alle einig.

Kaum jemand hat so viel herausgefunden über das menschliche Hirn wie der Mann aus Niedersachsen.   

"Im Gehirn funktioniert das Denken und auch alles andere, was der Mensch so macht und tut, dadurch, dass die Zellen im Gehirn ständig miteinander kommunizieren - an speziellen Verbindungen, die man Synapsen nennt. Und in meinem Fall ist der Nobelpreis dafür, aufzuklären, wie eine Nervenzelle mit einer anderen an einer Synapse redet oder spricht, wie die kommuniziert."

Er sei vielleicht "der ideale Forscher", hat einer seiner Kollegen geschrieben. Fast alle würden viel arbeiten, heißt es. Aber was Südhof leiste, gehe weit darüber hinaus.

Langfristige Horizonte

"Das geht schrittweise. Da gibt es nicht irgendwo eine große Entdeckung und das hat sich dann. Also ich habe angefangen, an diesem Projekt zu arbeiten in 1986 bis 2010 sogar noch. Also ich würde schon sagen, das sind so 25 Jahre. Man muss schon langfristige Horizonte haben in der Wissenschaft."

Sportlich wirkt er, drahtig und wach. Südhof ist alles andere als der Klischee-Typ "tüddeliger Professor mit Rauschebart". Der 57-Jährige mit der hohen Stirn lacht viel und gern.  

"Jetzt wird´s kompliziert."

Thomas Südhof hat die US amerikanische Staatsbürgerschaft, ist mit einer Professoren-Kollegin in Stanford verheiratet. Seine deutschen Wurzeln hat er aber nie vergessen.

"Ich finde Deutschland ein sehr attraktives Land. Ich fühle mich dem Land sehr verbunden. Ich würde gerne da arbeiten. Aber realistisch ist das keine Möglichkeit. Aus verschiedenen Gründen, einer der Gründe ist mein Alter. Ich habe in den USA keine Pensionsgrenze aber in Deutschland gibt es die eben doch. Und das wäre schon ziemlich bald. In zehn Jahren oder so was."  

Unvorstellbar für ihn, ein Leben ohne Forschung, ohne Schüler. Thomas Südhof ist Wissenschaftler durch und durch. Und das will er auch bleiben.

"Tatsache ist, dass wir das Leben im Generellen und das Hirn im Speziellen überhaupt nicht verstehen. Wir haben so große Wissenslücken, dass mit Computersimulationen gar nichts zu machen ist. Wir machen richtige Versuche. Da wird richtig klassische experimentelle Wissenschaft gemacht."

Das Experiment mit Frack und Fliege heute scheint zu glücken.

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