Seit 01:05 Uhr Tonart

Donnerstag, 23.05.2019
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Lesart | Beitrag vom 16.05.2019

Stimmen für Europa: Radka Denemarková Der Nationalismus nimmt monströse Formen an

Beitrag hören Podcast abonnieren
Die Autorin Radka Denemarková. (Hoffmann und Campe / Milan Malicek)
Die Autorin Radka Denemarková wünscht sich, dass den Jungen die Hoffnung auf ein geeintes Europa nicht durch Populisten geraubt wird. (Hoffmann und Campe / Milan Malicek)

Statt "Und woher kommen Sie?" wünscht sich die tschechische Schriftstellerin Radka Denemarková die Frage: "Wer sind wir?" Junge Leute hätten es satt, dass über Europa nur noch die reden, die es schlechtreden.

Manchmal versinke ich in Prag in Depressionen wegen aggressiver Menschen, die gefühllos sind und immer die Vorurteile wiederholen und die – wie in jeder Epoche – die Mehrheit darstellen. Ich beruhige mich durch einen Vergleich mit Stechmücken: während du von ihnen gestochen wirst, wisch sie gelassen, langsam ab. Auf den ersten Blick klingt das schrecklich christlich und ergeben. Du wirst aber staunen, wie es nach einer Weile hilft. Du kannst sie nicht alle erschlagen – es sind zu viele, und du würdest einzig dich selbst schlagen. Geh nur deinen eigenen Weg!

Die Begriffe "kollektive Schuld" und "kollektiver Sieg"

Europa bestätigt, dass es unzählige Wahrnehmungsmöglichkeiten gibt, dass wir die Worte, mit denen wir denken, "abwischen" und "anders" verwenden können, dass wir "anders" leben können, dass schöpferische Freiheit und Seinsgestalt grenzenlos sind. Der Kampf um Freiheit und freies, kritisches Denken ist zu jeder Zeit schwierig und endet nie. Die Begriffe "kollektive Schuld" und "kollektiver Sieg" sind monströs. Und der Nationalismus in Europa nimmt heute noch monströsere Formen an, weil er nur eine Frage ausspuckt: "Und woher kommen Sie?"

Stellen wir uns eine andere, wichtigere Frage: "Wer sind wir?" Es geht nur darum, durchzuhalten. Das Maß unserer provokativen Hoffnung ist das Maß unserer Fähigkeit, uns um etwas zu bemühen, weil es moralisch ist, und nicht nur, weil es garantiert Erfolg hat.

Die jungen Leute – das habe ich in den letzten Monaten gelernt – haben es satt, dass über Europa nur noch die reden, die es schlechtreden. Sie wollen nicht, dass ihnen ihre Hoffnung, ihre Zukunft von Populisten und Populistinnen geraubt wird oder durch Lethargie abhanden kommt.

Es gibt nur eine einzige Grenze

Das geeinte Europa ist die gelungene Antwort auf unsere Geschichte und unsere Geografie, und wenn wir Europa nicht zum vollwertigen Mitspieler auf der Weltbühne machen, dann werden wir alle als Einzelne zu Spielbällen anderer Mächte. Wir brauchen jetzt kühle Köpfe, einen klaren Verstand, kreatives Denken und den Schutz der Menschenrechte sowie der Meinungsfreiheit. Denn: Wo das Geld spricht, schweigt die Wahrheit. Die Wahrheit ist in dieser Zeit so sehr verdunkelt und die Lüge so weit verbreitet, dass man die Wahrheit nicht erkennen kann, wenn man sie nicht liebt. Aber die Wahrheit, die Demokratie und die Menschenrechte sind das Kostbarste, was wir in Europa haben. Ja, schließlich gibt es wirklich nur eine einzige Grenze: die Grenze zwischen einem Menschen und dem anderen. Ich halte uns allen und einem geeinten Europa die Daumen. Wir machen einfach weiter.

Anlässlich der Europawahl am 26. Mail 2019 haben wir Schriftstellerinnen in der Reihe "Stimmen für Europa" gefragt: Was bedeutet Ihnen Europa? Was gilt es zu schützen und was zu kritisieren? Dabei sind literarische Texte entstanden, die verschiedene kulturelle und sprachliche Hintergründe haben.

Radka Denemarková, 1968 geboren, ist eine tschechische Autorin und Übersetzerin deutscher Literatur u.a. des Romans "Atemschaukel"von Herta Müller. Sie wurde bereits dreimal mit dem Magnesia Litera-Preis ausgezeichnet. Auf Deutsch erschien zuletzt im Februar ihr Roman "Ein Beitrag zur Geschiche der Freude".

Weitere Beiträge aus unserer Serie

Janne Teller - "Mein Traum für Europa ist der eines Hauses"
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 21.5.2019)

Felicitas Hoppe - Europa bedeutet Reiselust
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 13.5.2019)

Raffaella Romagnolo - "Europa ist mein Zuhause"
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 14.5.2019)

Tanja Maljartschuk - "Halten Sie für einen Moment inne!"
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 18.5.2019)

A. L. Kennedy - "Ein Ort, an dem es kaum noch Dunkelheit gibt"
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 17.5.2019)

Steinunn Sigurdardottir - "Mein Europa ist Poesie"
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 15.5.2019)

Hatice Akyün - "Herzlich sein, das ist für mich europäisch"
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 20.5.2019)

Joanna Bator - Europa und seine vererbten Traumata
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 23.5.2019)

Laura de Weck - "Ich wünsche mir, EU-Bürgerin zu sein"
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 25.5.2019)

Dana Grigorcea - Wir sollten den Hardlinern bei der Europa-Wahl misstrauen
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 24.5.2019)

Marica Bodrožić - "Der Europäer ist ein Mensch mit Erinnerungen"
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 22.5.2019)

Lesart

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur