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Zeitfragen | Beitrag vom 05.07.2018

Stilllegung ist eine IllusionDas Märchen vom Ende der Atomkraft

Von Julia Tieke

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Mitarbeiter des Zwischenlager Nord zerlegen im Zwischenlager Lubmin einen Dampferzeuger aus dem stillgelegten Atomkraftwerk Obrigheim.  (Stefan Sauer / dpa)
Atomausstieg: Mitarbeiter im Zwischenlager Lubmin zerlegen AKW-Bauteile. (Stefan Sauer / dpa)

Während Deutschland aus der Atomkraft aussteigt, werden in Afrika neue Uran-Quellen erschlossen und als Investition gepriesen. Ist Stilllegung eine Illusion, auch angesichts der Tatsache, dass radioaktives Material noch Millionen Jahre weiter strahlt?

Das Thema Atomkraft hat eine wichtige Rolle auf der Medienbühne. Die Scheinwerfer richten sich auf rissige Reaktoren, Entschädigungszahlungen für Kernkraftwerksbetreiber, Atomkraftgegner, die Castortransporte blockieren, und politisch fragwürdige Gipfeltreffen. Und den Soundtrack liefert der Geigerzähler.

Vieles aber bleibt im Dunkeln oder wird stark vereinfacht. Kein Wunder bei einem Thema, das sich räumlich über den ganzen Globus erstreckt und mit einem strahlenden Abfall zeitlich über eine Million Jahre. Ich will einige selten beleuchtete atomare Schauplätze erkunden und gängige Narrative genauer untersuchen. Mein erster Gesprächspartner ist Sergiu Novac.

"Ich forsche zu – sagen wir mal – Stilllegung und Entsorgung atomarer Anlagen, aber ich bin vom Fach her Anthropologe, also, was ich versuche, ist eine Anthropologie der atomaren Stilllegung zu schreiben, so merkwürdig es auch klingt. Mir liegt es sehr am Herzen, jetzt zu sehen, was passiert, wenn der Atomstaat sich abbaut."

Er schreibt seine Doktorarbeit an der Central European University in Budapest. Zwei Jahre hat er in Greifswald gelebt, sein Untersuchungsfall ist das ehemalige Kraftwerk in Lubmin.

Die Brennelementefabrik in Lingen bleibt

Erste Szene: Auf den Spuren der ausgedienten Atomreaktoren Schauplatz. Zwischen Lingen und Greifswald.

Kurz hinter dem Industriegelände führen einige Hochspannungsleitungen über die Bundesstraße. Hier wird Strom hörbar, Energie. Früher transportierten die Leitungen den im Kraftwerk produzierten Strom ab. Inzwischen wird für den Rückbau des ehemaligen "Kernkraftwerks Bruno Leuschner" Strom hier nur mehr verbraucht.

Im Kraftwerk werde ich von Marlies Philipp durch verschiedene Anlagen geführt. Sie ist die Pressesprecherin von EWN, dem "Entsorgungswerk für Nuklearanlagen".

Marlies Philipp: "Sie kommen eigentlich woher?"

Reporterin: "Ich lebe in Berlin, ich bin aufgewachsen in Lingen, zwei Kilometer vom Atomkraftwerk."

Philipp: "Ja, immerhin."

"Willkommen hier in Lingen. Liebe Mitstreiterinnen für eine atomfreie Gesellschaft und Welt, ich begrüße euch hier in Lingen, in der Stadt mit den vielen Atomanlagen."

"Mein Name ist Heidi Kuhnert und ich wohne hier im Emsland. Hier in der Stadt, in der Brennelemente für den internationalen Atomkraftmarkt hergestellt werden."

Eine Mitarbeiterin verschließt am im ehemaligen Kernkraftwerk Lingen (KKL)  eine gepanzerte Tür mit einem Schloß. (riso Gentsch / dpa)Der Rückbau im Atomkraftwerk Lingen ist im vollen Gang. (riso Gentsch / dpa)

In Lingen gibt es nicht nur ein aktives und ein abgeschaltetes Atomkraftwerk. In der Kleinstadt befinden sich auch ein Zwischenlager, sowie die einzige Brennelementefabrik in Deutschland.

Diese Stadt wirbt stolz mit dem Slogan "Energiestandort Lingen".

Betreiber der Brennelementefabrik ist das französische Unternehmen Framatome, das überwiegend dem staatlich kontrollierten Energieversorger EDF gehört. Die Brennelemente werden unter anderem in die belgischen Kraftwerke in Doel und Tihange geliefert. Diese gelten als marode.

Die Brennelementefabrik in Lingen hat eine unbefristete Laufzeit. Sie ist nicht vom Atomausstieg betroffen. Dagegen wenden sich seit einigen Jahren Anti-Atom-Aktivisten.

"Brennstoff hier aus diesem Land, unsere Antwort: Widerstand."

Der Reaktor im Zentrum der Aufmerksamkeit

Zurück ins abgeschaltete Kraftwerk. Die beiden Kernkraftwerke der DDR, in Lubmin und Rheinsberg, wurden gleich 1990 abgestellt, der Rückbau begann 1995. Heute kann man Reaktorblock sechs in Lubmin besichtigen. Er stand 1990 kurz vor der Fertigstellung und wurde nie in Betrieb genommen.

Marlies Philipp hat hier schon in den 80er-Jahren als Ingenieurin gearbeitet. Nun erklärt sie mir Dekontaminierung, Freimessung, Sicherungssysteme.

"Auch hier in der Mitte, der Reaktor, man könnte da jetzt sozusagen rings herum laufen, um den Reaktor."

Die Reaktoren stehen nicht nur ganz konkret im Atomkraftwerk im Zentrum, sondern auch im Zentrum der Aufmerksamkeit. Von der Soziologin und  Historikerin Gabrielle Hecht stammt das Bild der techno-politischen "Bühnenmitte", auf der sie den Atomreaktor sieht.

"Wenn der Atomreaktor die Bühnenmitte hat, dann liegt mein Projekt an der absoluten Peripherie."

Wann beginnt Radioaktivität?

Intermezzo: Kreislauf oder Kette?

Der Geograf Patrick Schukalla untersucht in seiner Doktorarbeit, wie in Tansania der Abbau von Uran vorbereitet wird. Er konzentriert sich auf den Anfang der nuklearen Brennstoffkette, die von der Atomindustrie gerne als Kreislauf betitelt wird, "welcher alle Tätigkeiten, von der Gewinnung von Kernbrennstoffen über die Uranversorgung von Kernreaktoren bis zur Endlagerung, insbesondere aller beim Reaktorbetrieb entstehenden Abfälle, umfasst."- Schreibt zum Beispiel der "Wirtschaftsverband Kernbrennstoff-Kreislauf und  Kerntechnik".

"Ich weiß nicht, wen das überzeugt, mich überzeugt das so gar nicht und dementsprechend finde ich es auch deutlich sinnvoller, von einer Brennstoffkette zu sprechen, die beim Uranbergbau beginnt, beziehungsweise meiner Meinung nach schon bei der Exploration nach Uran, über die Anreicherung, die Nutzung in Atomkraftwerken, dann im Endeffekt bis zu einer Sackgasse führt, denn faktisch ist ja die Frage von Endlagerung in geologischen Tiefenlagerstätten ungelöst."

Zurück also ganz zum Anfang, an einen Ort, der aus Sicht der Atomindustrie gar kein nuklearer Schauplatz ist.

Gabrielle Hecht spricht in dem Zusammenhang von "Nuklearität" oder  "Nuklear Sein". Wann gilt etwas überhaupt als nuklear? Wer bestimmt das? Hecht verschiebt das Nukleare von einer objektiven Größe hin zu einer Zuschreibung, einer Frage von Definitionsmacht mit politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen.

Aber von vorne.

Moderatorin: "Ganz herzlich willkommen, aus Niger - Al Mustapha Al Hacen – schön, dass Du da bist!"

Die ungewisse Herkunft von Uran

Zweite Szene: Die globale Dimension drängt aus dem Nirgendwo auf die Bühne. Schauplätze: Niger, Tansania.

"Woher kommt das Uran? Wenn man das ganz abstrakt fassen will, so wie man das beispielsweise in den sehr schematischen Darstellungen der Atomindustrie auch sehr gerne macht, dann kommt das Uran aus Uranbergwerken. So. Und dann wird es dort abgebaut und weiter transportiert als Uranoxid und dann kommt das irgendwo in eine Urananreicherungsanlage. Ich sag ganz bewusst irgendwo, denn diese schematischen Darstellungen, die sind sehr wenig explizit in Bezug darauf, wo dieses Wo denn dann nun ist." 

Wenig explizit über die Herkunft von Uran schreibt auch die deutsche Bundesregierung auf ihrer Internetseite zur Energiewende:

"Das Uran, das in deutschen Kernkraftwerken benötigt wird, kommt aus dem  Ausland - aus Ländern wie Frankreich, Belgien, Niederlande, Großbritannien, Schweden, Spanien, USA, Kanada, Russland und China. Unter Herkunft des Materials wird das Land verstanden, in dem der letzte Konversionsschritt bei der Verarbeitung des Urans durchgeführt worden ist."

Das heißt, der Rohstoff Uran zählt nicht.

"An dem Beispiel von Uranlieferungen nach Deutschland könnte man das so ausdrücken, dass dem Nuklearen oder dem Uran ein gewisser Status zukommt oder eine Bedeutung zugemessen wird ab dem Zeitpunkt, zu dem es zu Brennelementen verarbeitet wird, oder sagen wir, kurz davor, ab dem es einen gewissen Anreicherungsgrad, der eine Verarbeitung zu Brennelementen erlaubt, erreicht hat. Und selbstverständlich ist dieses Uran streng genommen auch schon in Niger und Namibia oder an den Orten in Tansania, an denen es im Boden liegt und dann exploriert wird, nuklear. Es strahlt ja bereits."

"Was hat der Uranabbau in Niger mit Lingen zu tun?" - Fragten die Veranstalter der Anti-Atom-Demo.

Niger ist eines der Länder, in denen Frankreich Uran abbaut, genauer der französische staatliche Industrie-Konzern Orano, früher Areva. Es ist  dasselbe Unternehmen, das in Lingen bis 2017 die Brennelementefabrik  betrieben hat und kürzlich neu aufgeteilt wurde.

Die beste Umgangsform mit Uran: "in der Erde lassen"

Almoustapha Alhacen war aus der Wüstenstadt Arlit angereist, um in verschiedenen Städten in Europa über die Situation vor Ort zu berichten. So auch in Lingen.

"Meine lieben Freunde - die beste Lösung, mit dem Uran umzugehen, ist es im Boden zu lassen. Aber die Menschheit braucht offensichtlich Elektrizität und hat beschlossen, sie aus Uran zu gewinnen. Ich erinnere Euch, liebe Freunde, das Übel ist schon da, die Uranabfälle sind  da, die Bergwerke. In den afrikanischen Ländern ist das Verbrechen schon begangen worden. Die Menschen in Arlit zum Beispiel, die profitieren  keineswegs. Die Schulen haben keinen Strom, die Leute kein Wasser, die Umwelt ist auf lange Zeit verschmutzt."

In Tansania wiederum findet der eigentliche Uranabbau noch nicht statt, es  wird exploriert. Unter anderem der russische Atomkonzern Rosatom holt geologische Informationen ein, verhandelt mit staatlichen Behörden und bereitet einen möglichen Abbau vor.

Diese Halden im Westen Namibias weisen auf vorhandene Uranminen hin. (dpa / Reinhard Kaufhold)Diese Halden im Westen Namibias weisen auf vorhandene Uranminen hin. (dpa / Reinhard Kaufhold)

Für Patrick Schukalla stellt diese Exploration den eigentlichen Anfang der nuklearen Brennstoffkette dar. Er bezeichnet sie als "informationelle Anreicherung".

Die Suche nach Uran hat in Tansania bereits eine längere Vorgeschichte. Die tansanische Atomenergiebehörde selbst wurde 2003 gegründet, unter anderem mit dem Ziel, auch in Tansania Atomenergie für den eigenen Bedarf zu produzieren.

Die Regierung verspricht sich zudem Arbeitsplätze sowie eine verbesserte Infrastruktur. Aus diesen Gründen befürworten auch viele Einwohner einen nuklearen Weg. Doch es gibt auch andere Positionen.

Einer der aktivsten Gegner des Uranbergbaus ist Anthony Lyamunda, der ebenfalls auf der Demonstration in Lingen sprach.

"Wir sind hier, weil wir wissen, dass am Beginn der Kette der Bergbau steht und am Ende Atomenergie oder Atomwaffen hier in Europa und anderen Ländern. Wir rufen zur Zusammenarbeit für eine Kampagne auf, die den Uranbergbau stoppt. Dann beenden wir die nukleare Kette ganz am Anfang."

Uran als eine "lohnende Geldanlage"

Bisher arbeitet die wirtschaftliche Entwicklung den Aktivisten in die Hände, denn der Uranpreis hat sich nach dem Reaktorunfall in Fukushima noch nicht wieder erholt.

Doch das könnte sich bald ändern. Die "Wirtschaftswoche" titelte im  April 2018 zu Aktien in Uran: "Mit etwas Risikofreude eine lohnende Geldanlage" - und schreibt, der Anteil von Atomenergie am weltweiten Energiemix werde zunehmen.

"Und wenn das der Fall ist, oder zumindest Leute davon überzeugt sind, dass das der Fall ist, dann werden eben all diese Uranvorkommen, unter anderem in Tansania, auch wieder wirtschaftlich interessant, und ich befürchte, dann wird es auch früher oder später losgehen mit dem Bergbau dort."

"Ich denke, was die in Tansania auf jeden Fall nicht brauchen können, sind Probleme mit dem Wasser. Und die werden die definitiv kriegen, da führt gar kein Weg dran vorbei."

Grit Ruhland ist Künstlerin. Sie arbeitet an einer Promotion mit wissenschaftlichem und künstlerischem Teil. Thema sind die Folgen des Uranabbaus in der DDR für die Landschaft in Ost-Thüringen.  Sie kennt Almoustapha Alhacen und Anthony Lyamunda von einer Veranstaltung in Dresden.

"Wenn man Bergbau betreibt, dann verändert man das Wasser. Wenn man das verhindern kann, dann wäre das schon wirklich toll. Man kann nicht verhindern, was schon passiert ist, mit dem, was schon da ist, muss man irgendwie umgehen, aber natürlich wäre es sozusagen am tollsten und erfolgreichsten, wenn das gar nicht erst stattfinden würde."

Der Geigerzähler als "akustische Kamera" für Strahlung

Dritte Szene: Die Unsichtbarkeit tritt auf. Sie strahlt. Schauplatz: Ronneburg in Ostthüringen

Während die tansanische Regierung auf einen Einstieg in die globale Atomindustrie setzt, ist Grit Ruhland schon bei Fragen der Erinnerungsarbeit angelangt.

"Zum Beispiel hier: Glocken. Das sind die Osterglocken in Paitzdorf, und die Glocken, die man hier hört, die sind aus einem der abgebaggerten Dörfer, aus Culmitzsch, die dem Uranbergbau zum Opfer gefallen sind, da gibt es ein paar, und die hört man jetzt hier, sozusagen. Eigentlich hört man hier dieses abgebaggerte Dorf."

 Wie wird nicht sichtbare Strahlung erfahrbar gemacht? Wie die Folgen von Uranbergbau thematisiert? Grit Ruhland hat sich für akustische Mittel entschieden. Sie arbeitet an einem künstlerischen Hörstück mit Interviews und Tonaufnahmen in der Landschaft.

Eine naheliegende Möglichkeit, Radioaktivität akustisch erfahrbar zu  machen, ist der Geigerzähler. Die Künstler der Otolith Group haben ihn  einmal als "akustische Kamera" bezeichnet, die "durch die versteckte Welt der Strahlung führt". Aber wie ein Strahlenwert beurteilt wird, beantwortet ein Geigerzähler nicht.

"Die Politisierung von so etwas wie Strahlung oder Uran und den Kontexten, für die es genutzt wird, die kann ja sehr unterschiedlich ausfallen. Man kann das vollkommen banalisieren und sagen: Na gut, es strahlt halt, aber eine Hintergrundstrahlung haben wir sowieso überall, oder ich kann halt hingehen und sagen: Die Medizinerinnen sind sich einig, dass jegliche Form von Strahlung negative Auswirkungen auf die Zellen unserer Körper hat, und das einzige, wovon wir sprechen können, sind Wahrscheinlichkeiten. Wie wahrscheinlich ist es, an einer Strahlenbelastung zu erkranken? Oder wie unwahrscheinlich?"

Ein Dosimeter misst im ehemaligen Kernkraftwerk Lingen (KKL) in Lingen (Niedersachsen) die Strahlenbelastung.  (Friso Gentsch / dpa)Soll sichtbar machen, was unsichtbar ist: ein Dosimeter. (Friso Gentsch / dpa)

Im Atomkraftwerk kann man die Strahlenexposition von Mitarbeitern recht gut  kontrollieren, anders im Uranbergbau.

"Im Uranbergbau ist das wirklich ganz schwer möglich. Die Arbeiter werden dort vielfältigen Belastungen ausgesetzt, also auch, wenn es eine gute Bewetterung gibt, die Bergarbeiter sind halt mit ihrem Körper dort schon der Strahlung ausgesetzt, und vor allem inhalieren sie relativ viel Radon, also dieses radioaktive Gas, was beim Zerfall von Radium und Uran entsteht, also – diese Inhalation und Ingestion, so nennt sich das, also, wenn man es entweder einatmet oder isst, die ist bei so Alphastrahlern wie Uran besonders problematisch. Von außen wird es von der Hornhaut der Haut abgehalten, aber wenn man das erstmal eingeatmet oder gegessen hat, dann hat man sozusagen die Strahlenquelle im Körper, und das ist dann besonders schädlich, weil das dann quasi das Gewebe ungeschützt trifft."

Lungen-, Kehlkopfkrebs und Staublungen

"Wismut" hieß das Uranbergbau-Unternehmen in der DDR, ein Deckname - das Metall gleichen Namens wurde dort nie abgebaut. Bis 1990 galt die Wismut als drittgrößter Uranproduzent weltweit.


Gerade in der Anfangszeit waren die Sicherheitsvorkehrungen mangelhaft. Viele Tausend Fälle von Lungenkrebs, Staublungen und Kehlkopfkrebs wurden vor und nach der Wende als berufsbedingte Krankheit anerkannt. Bis heute kommen Neuerkrankungen hinzu.

Für Grit Ruhland steht dieses Wissen ganz persönlichen Erinnerungen gegenüber.

"Für mich war diese Landschaft in Ostthüringen eine Sommerfrische als Kind, ich bin da immer mit meiner Mutter hingefahren, weil das Haus meiner Großeltern dort steht. Und ich war da regelmäßig. Und am Ortseingang von Paitzdorf standen zwei riesige schwarze Halden, also diese Spitzkegelhalden, und ich hab das immer, also, die waren halt da, ich habe das nicht hinterfragt. Und dass du hinter dem Friedhof nicht weitergehen konntest, und überall diese Schilder standen und Leute auch gesagt haben: Ah, geh da lieber nicht hin, da kriegst du wirklich Ärger, also, das hab ich dann auch ernst genommen."

Heute lebt sie im Haus ihrer Großeltern und widmet sich der Folgelandschaft. Eine ihrer Methoden ist es, sich über Stunden an einem Ort in der Landschaft aufzuhalten und dort zu beobachten: Wie sieht es hier aus? Wie klingt es? Was ist sonst noch wahrnehmbar?

"Ich denk halt viel drüber nach: Wie viel muss man sich erinnern oder in was für einer Form sollte man sich erinnern. Und natürlich hat niemand Lust, die ganze Zeit in Panik zu leben, und das ist auch sicher nicht gerechtfertigt, mit dieser Landschaft. Du kannst schwer in dieser Landschaft leben und immer wieder da drüber alltäglich nachdenken."

Zurück zu "blühenden Landschaften"

Es geht nicht nur um die Folgen radioaktiver Strahlung, sondern auch anderer Eingriffe in Natur und Landschaft im Rahmen des Uranabbaus.  Bis 2045, davon geht man inzwischen aus, wird die Sanierung mindestens dauern.

In Gera und Ronneburg fand 2007 die Bundesgartenschau statt.

"Die Bundesgartenschau war wirklich so ein Zeichen, um zu zeigen: Jetzt haben wir hier ‚blühende Landschaften‘. Da gab es eben den Anspruch: So, jetzt wollen wir, dass das wieder heil wird. Und – ich denke da immer noch viel drüber nach, aber ich glaube, das ist nicht der richtige Anspruch, das wieder komplett heilen zu lassen. Ich glaube, man muss da so ein paar Wunden schon offen lassen.

Vierte Szene: Das Narrativ der Stilllegung gerät in die  Kritik und wird entsorgt - wie zuvor schon der nukleare Brennstoffkreislauf. Schauplatz: Lubmin bei Greifswald.

Sergiu Novac erzählt von den zwei Jahren, in denen er in Greifswald gelebt und Interviews mit ehemaligen Mitarbeitern des Kraftwerks geführt hat.

"Es war schwer, als Sozialwissenschaftler von diesen Leuten ernst genommen zu werden. Denn Sozialwissenschaften wird auch normalerweise mit dieser Seite assoziiert – man ist, sagen wir mal, kritisch, also Atomkritiker-Freunde, Anti-Atom-Bewegung und so weiter. Und diese Leute mögen das nicht. Die Kluft ist ziemlich klar. Ich habe versucht, von Anfang an zu sagen, dass ich eigentlich nicht darauf hinaus will, diese ganze Sache zu kritisieren. Ich bin genuin daran interessiert zu wissen, was sie damals, als das Atomkraftwerk noch betrieben wurde oder nachdem es still gelegt wurde, was sie da gemacht haben. Wie es aussah und aussieht in so einer Anlage zu arbeiten."

Die meisten Mitarbeiter betrachten den Atomausstieg nach wie vor als einen Fehler. Trotzdem, oder gerade deshalb, haben sie Lust zu erzählen.

"Auch wenn sie skeptisch sind, sie mögen es, über ihr Leben zu reden und – nach ein paar Minuten, die ganz komisch waren – haben sie sich eigentlich geöffnet, auch wenn sie schon 80 sind, einige von ihnen. Die wollen immer noch beweisen, dass, was sie gemacht haben, etwas sehr, sehr kompliziertes, technologisch, aber auch etwas sehr wertvolles [war]. Sie haben ja praktisch die Energie für das Land gegeben. Die Energie! Das hat auch metaphorisch sehr viel Kraft."

"Ja, Philipp, hallo, grüß Dich!" – "Guten Morgen" – "Ich steh jetzt hier mit der Frau Tieke im Vorraum. Wir haben ja nur kleine Technik. Wir haben einen Kopfhörer, wir haben so ein Aufnahmegerät. Das bringen wir mit Hand rein. Und misst das dann Matthias ein, oder? Zettel hab ich auch dafür. Bis gleich, nicht? Tschüss!"

"So, wir sind jetzt in der aktiven Schleuse. Wir sehen jetzt hier die Unterwäsche, die Socken, Overalls, Arbeitsschutzschuhe. Da müssen wir jetzt also etwas anziehen. Zwei Helme sind auch da – und dann geht es nachher in die Werkstatt."

 "Abschalten!" "Stilllegen!" – Abschalten? Stilllegen?

"Erstmal wird zum Beispiel eine Atomanlage abgeschaltet, aber die ist noch nicht stillgelegt. Stilllegen heißt, also der ganze Prozess, durch den Materialien dekontaminiert werden, überarbeitet werden, verarbeitet werden und dann kommt die Entscheidung: Gehen die in ein Zwischenlager, gehen die zurück in den öffentlichen, wirtschaftlichen Kreislauf – das heißt, für mich jetzt stilllegen. Und Stilllegen ist in diesem ganzen Prozess das Längste. Ist auch schön, irgendwie, poetisch. Stilllegen, was heißt ja stilllegen? Die Materialien, die wirklich kontaminiert sind, die nicht zurück in den Kreislauf kommen, die werden ja niemals stillgelegt. Die bleiben immer, sagen wir mal laut: radioaktiv."

Das Material "legt sich still"

Genau genommen handelt es sich also um einen passiven Vorgang. Das Material wird nicht stillgelegt, es legt sich still. Irgendwann.

"Also, was da eigentlich gemacht wird, ist eine Art von Arbeit, die immer eine Restarbeit übrig lässt, für die Natur. Also, es ist nicht etwas, das wirklich vom Menschen kontrolliert werden kann, bis ans Ende des Prozesses."
Als entschieden wurde, dass die Kernkraftwerke der DDR abgeschaltet werden, waren vor allen Dingen ökonomische Überlegungen im Spiel.

Der Spiegel schrieb 1990 von der "Zeitbombe Greifswald", insbesondere bei  den Reaktorblöcken eins bis vier. Tatsächlich sah es für den fünften und den noch nicht in Betrieb genommenen sechsten Block anders aus, erzählt Marlies Philipp, während sie über das weitläufige Gelände fährt.

"Deswegen hatten wir damals nach der Wende gehofft, dass die Blöcke fünf und sechs ja vielleicht noch ein paar Jahre Betrieb machen können, mit kleinen Nachrüstmaßnahmen. Das hatten sie uns auch bestätigt, von der Gesellschaft für Reaktorsicherheit. Aber es fand sich keiner, der dort Geld investiert hat. Wir waren Treuhand, und die Treuhand hatte die Aufgabe: verkaufen oder abwickeln. Uns wollte keiner kaufen, und deswegen werden wir immer noch abgewickelt."

"In Ungarn sind genau dieselben Reaktorblöcke noch am Laufen, und die werden noch für zehn Jahre, glaube ich, wenigstens laufen. Die wurden von Siemens nachgerüstet, und Siemens hatte auch Interesse an der Nachrüstung von den Blöcken fünf, sechs in Greifswald."

Aber es schien nicht rentabel, da die Regierung, damals noch die DDR, nicht die alleinige Haftung übernehmen wollte.

Autorin Sergiu Novac interessiert der Abwicklungsprozess auch deshalb so sehr, weil er anders vonstattenging als die übrigen Treuhand-Abwicklungen. Eine Ausnahme in der Wendezeit, im Umgang mit der DDR, "die – so wie ich es interpretiere – wie ein Labor behandelt wurde. Wir können das auch ganz direkt sagen: ein neoliberales Labor. Aber da gab es einen Ausnahmezustand: die Atomindustrie. Und ich glaube wirklich es lag daran: Der Staat wollte das Risiko auf sich nehmen und wollte nicht, dass dieses Risiko externalisiert wird, wo es außer Kontrolle geraten könnte. Also, wir müssen nicht vergessen, das ist ein Riesenprojekt, Greifswald. Ist eines der größten Stilllegungsprojekte weltweit."

Rückbau - eine kleinteilige Arbeit

Die EWN ist ein bundeseigenes Unternehmen, alleiniger Gesellschafter seit 2000: das Bundesministerium für Finanzen. Der Rückbau der Anlagen wird bis mindestens 2028 dauern, endgültig gelagert ist der Müll dann aber noch nicht.

Es ist eine mühsame und sehr kleinteilige Arbeit. Von der Betonwand bis zum Stahlteil – alles muss in Einzelteile von maximal 500 Kilo zerlegt werden und darf bestimmte Maße nicht überschreiten, damit es in die Gitterboxen passt, die in die Messanlage gehen.

Schwach radioaktiv belastete Bauteile machen vom Umfang her den allergrößten Teil des Atommülls aus. Sie werden in der Halle zerlegt und soweit wie möglich dekontaminiert.

"Hier wird jetzt vorrangig auch erstmal mit dem Schwach-Radioaktiven gearbeitet, dann bleiben die Anlagen nämlich auch sauber. Wenn ich zwischendurch jetzt immer mal was Hohes, was Niedriges hätte, wäre auch doof. Man macht es beim Abwaschen ja auch so: Man fängt ja auch nicht mit dem Schmutzigen an, man macht zuerst die Gläser. Und so ähnlich kann man sich das hier auch vorstellen."

Das ist ein anschaulicher Vergleich, er macht aber vergessen, dass man es mit Radioaktivität zu tun hat. Es ist eine Erzählung von Normalität, Sicherheit und Kontrolle. Man könnte sie auch als "informationelle Dekontaminierung" bezeichnen.

Reporterin Julia Tieke im Strahlenschutzanzug. (Julia Tieke)"Keine Kontamination": Reporterin Julia Tieke im Strahlenschutzanzug. (Julia Tieke)

Eine der Methoden, radioaktiv belastete Bauteile zu dekontaminieren, ist ein Hochdruckreiniger, ein Wasserstrahl, der mit 3000 bar Druck zum Beispiel Lackierungen entfernt. Bedient wird der Reiniger von einem Arbeiter in Arbeits- und Strahlenschutz-Kleidung, in einem isolierten Container, durch dessen Fenster man ihm zuschauen kann.

"Sie sehen, dass die Farbe jetzt da ab ist." – "Und die radioaktiven Teilchen sind nur in…" –
"Im Wasser." – "Nur in der Oberfläche."

"Die sind oben drauf. Die lagern sich oben drauf an. Und wenn man die Oberfläche sauber macht, die Farbe abträgt, dann ist das alles, die radioaktiven Teilchen in der Farbe, in dem Wasser, und darum haben wir hier dann unsere Reinigungsanlagen, wo das erstmal mechanisch abgefiltert wird und das Wasser wird dann wieder zurückgeführt in die Spritzpistole und ab und zu wird das ganze Wasser ausgetauscht, wenn es dann nämlich zu kontaminiert ist."

"Ist auch noch genug da" - an Atommüll

"Die Rolle von EWN hat sich mit dem Atomausstieg massiv geändert", sagt Sergiu Novac. Seit dem Atomausstieg haben die Arbeiter und Angestellten nicht mehr einfach die profane Aufgabe, das teilweise selbst mit aufgebaute und betriebene Kraftwerk abzuwickeln.

Seit dem Beschluss der Regierung Merkel 2011, nach dem Fukushima-Super-GAU, sind sie vielmehr aufgestiegen zu einer Art Avantgarde des Atomausstiegs. Im Auftrag der Bundesregierung.

"Aber aus Lingen kommt hier nichts an." – "Lingen ist noch nicht ganz so weit. Die RWE-Flotte ist noch nicht ausgeschrieben. RWE schreibt auch alle Kernkraftwerke, sozusagen die Reaktoren aus, wird das als Bündel machen, und da werden wir uns auch mit beteiligen. Aber ob wir dort den Zuschlag bekommen, das werden wir sehen. Bisschen Arbeit für die Nachfolgenden brauchen wir auch noch."

"Ist auch noch genug da."

"Ist genug da. Auch in Deutschland. Aber ihr schafft das auch alle noch hier."

"Hoffen wir mal."

"Ganz sicher, doch. Ich hab das damals auch nicht gedacht, 90, dass ich hier noch bin zur Rente, du!"
 
In Lubmin entsteht eine neue, zweite Zerlegehalle. Die Zeit drängt, alles muss für die Verwahrung im Endlager in standardisierte Behälter passen. Wenn Schacht Konrad für schwach und mittel radioaktiven Müll wie vorgesehen im Jahr 2027 öffnet, sind 40 Jahre Zeit die Schächte zu füllen.

Der Platz dort ist genau berechnet.

"Bei der Entsorgung – es ist niemals klar, also, es kann passieren, ein Stück von dem Metall bleibt übrig, das kann nicht frei gemessen werden. Und so sammeln sich mehr und mehr Materialien. Und dann kommen noch alle Materialien von der privaten Atomwirtschaft. Die haben es ausgerechnet, aber im Moment sieht es so aus, dass man noch einen Schacht Konrad brauchen wird, denn der wird nicht ausreichen."

Das Endlager für den hoch radioaktiven Müll ist nach wie vor nicht gefunden, geschweige denn gebaut. Die Atomreaktoren werden in Deutschland die Bühnenmitte bald verlassen haben. In unzählige radioaktiv strahlende Teile zerlegt, werden sie die  Gesellschaft noch lange beschäftigen.

"Wir messen uns hier frei. Maschine, linke Hand einlegen – linke Hand einlegen – näher kommen. Jetzt kommt von oben ein Messgerät runter, nicht erschrecken." – "Vielen Dank, keine Kontamination."

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