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Religionen / Archiv | Beitrag vom 23.08.2008

Stille Zeiten in Oerlys

Die Hünenkapelle bei Oerlinghausen im Teutoburger Wald

Von Peter Kaiser

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Oerlinghausen ist ein altes Städtchen mitten im Teutoburger Wald. Mit seinen mittelalterlichen Häusern, dem heute größten Segelflugplatz Europas und dem geschäftigen Treiben der Einwohner, Oerlys genannt, ist dieser Luftkurort zu allen Jahreszeiten eine Reise wert. Doch neben all den Attraktionen, die das lippische Städtchen bietet, ist eine Attraktion besonders bemerkenswert: die seltsame Hünenkapelle auf dem nahen Oerlinghausener Tönsberg.

Der Kammweg auf dem Tönsberg bei Oerlinghausen ist eigentlich ein Meditationsweg. Dick bedeckt mit Tannennadeln führt er an Hügelgräbern vorbei durch den dunklen Teutoburger Wald.

Leichsenring: "Es gibt viele Leute hier aus der Kirchengemeinde, die sich, wie andere auch, zum Walken auf dem Tönsberg treffen. Und ich kenne mehrere Damen von dort, die sich regelmäßig morgens früh in der Hünenkapelle zur Andacht treffen."

Jogger, Walker, und einfache Spaziergänger, sagt Doris Leichsenring, die evangelische Pfarrerin in Oerlinghausen, schätzen den Meditationsweg wegen der Hünenkapelle am Ende.

Leichsenring: "Die machen dort Pause und lesen in den Losungen. Das sind so Sammlungen von Bibeltexten für jeden Tag, und dann laufen sie weiter."

"So stieg ich bergauf, an der Hünenkapelle auf dem Tönsberg vorüber, durch Buchenwald, in dessen Schatten die Bickbeersträucher strotzten ..."

... notierte 1911 der lippische Heimatdichter Hermann Löns über den Weg zur Hünenkapelle.

Steht man nach etwa einer Wegstunde in den Ruinen der frühmittellaterlichen Hünenkapelle, so umfängt einen sofort die seltsam-magische Stille dieses Ortes.

Wie die Hünenkapelle entstand, ist nicht sicher. Einst heißt es, wäre sie ein heidnischer Wallfahrtsort gewesen, dann wurde sie Teil einer vorchristlichen Wallanlage, des "Sachsenlagers". Die Kapelle soll als Dankkapelle Karls des Großen zu dessen Sieg über die Sachsen errichtet worden sein.

Jahrhunderte lang lebten dann Eremiten hier mitten im Wald ein gottesfürchtiges Leben. In unseren Zeiten lebt niemand mehr hier, und die Kapelle verfällt. Warum das so ist, weiß niemand.

Leichsenring: "Ich denke, für die Unterhaltung ist keine Kirchengemeinde zuständig. Weder wir, noch die katholische Gemeinde. Ich gehe davon aus, dass das ganz normal der Landschaftspflege angehört als Kulturdenkmal. Weil es als solches, als Kirchengebäude, keiner der Kirchengemeinden gehört."

Dass sich niemand um diesen heiligen Ort kümmert, war nicht immer so. Anfang der 50er Jahre gab es Bestrebungen, die Hünenkapelle als Andachtsort zu reaktivieren.

Leichsenring: "Das war einer der ersten ökumenischen Gottesdienste, hier in Oerlinghausen, die stattgefunden haben. Und da sind wirklich sehr, sehr viele Leute auf den Berg heraufgezogen, im Grunde genommen in so einer klassischen Prozession, weil sie damals auch vermutet haben, dass das ein alter Wallfahrtsweg gewesen sei ..."

Josef: "Da war ich in der katholischen Jungschar, und da haben wir ein Kreuz gemacht (...) und das wollten wir oben an der Hünenkapelle aufstellen. Ja, und dann sind wir da morgens um sechs Uhr losgegangen mit dem Kreuz, und haben das dann oben nach der Hünenkapelle gebracht, und da aufgestellt. Und das war`s dann."

Noch heute steht jenes schwarze Kreuz, das 1953 der damals 13-jährige Josef mit seinen Kameraden hierher hochtrug, inmitten der Ruine.

"Im Kreuz ist Heil" steht auf dem gut zwei Meter hohen Kreuz eingeschnitten. Dass das christliche Glaubenssymbol nicht umsonst dort steht, beweisen die Amulette, die man nicht selten im Boden der Ruine vergraben findet, oder die kleinen Medaillons. Auch werden manchmal Bittzettel in die Mauerritzen gesteckt. Doch das passiert irgendwann, in der Frühe morgens, oder auch nachts, zu irgendwelchen obskuren Messen, die es auch dort oben gibt. So soll die pseudogermanische Asatru-Gruppe die Hünenkapelle immer wieder aufsuchen und dort die christlichen Symbole beschmutzen und zerstören.

Sicherlich geschieht das auch, weil die Kapelle nicht mehr für reguläre Andachten genutzt wird. Selbst für Außen-Gottesdienste nicht. Die Gründe dafür sind pragmatischer Natur.

Leichsenring: "Man braucht heute bei solchen Veranstaltungen Mikrofone, Verstärker. Man muss Platz haben für einen Chor, für Getränkestand, für Essen und ähnliches. Dafür reicht der Platz dort oben eher nicht aus. Das heißt, es finden relativ selten dort Veranstaltungen statt."

Es ist kein Geld für solche Orte da, sagt die Pastorin bedauernd, Und solche Orte meint: zu hoch, zu alt, zu weit weg. Und doch ist das vielleicht alles auch gut so. Dass eben keine Verstärker und keine Getränkestände dort oben Platz haben. So nämlich bleiben die Spaziergänger unter sich, die auf dem Meditationsweg und in der Hünenkapelle auf dem Tönsberg bei lippischen Oerlinghausen jene mystische Stille, das Raunen aus uralten Zeiten noch hören können.

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