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Sein und Streit | Beitrag vom 25.09.2016

Stigmatisierung in DeutschlandDer Rassismus tobt nicht nur am rechten Rand

Von Schirin Amir-Moazami

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Eine türkische Mutter mit ihrer Tochter in Berlin-Kreuzberg (imago/Steinach)
Wer sich mit Kopftuch in Deutschland auf einen hochangesehen Job bewirbt, hat mitunter schlechte Karten. (imago/Steinach)

Der Rassismus in Deutschland sei in den Strukturen der Gesellschaft tief verankert, meint Schirin Amir-Moazami. Die Gleichheit vor dem Gesetz scheine wenig daran zu ändern, dass für Ayse oder Mohammed der soziale Aufstieg steiniger verläuft als für Marie oder Moritz.

Rassismus hat viele Gesichter. Er äußert sich nicht allein in kruden Parolen, die zur Rettung des Abendlandes aufrufen, in körperlichen Gewaltakten oder in verbalen Erniedrigungen. Rassismus ist auch strukturell, tief verankert und häufig subtil. Er ist damit keineswegs am rechten Rand der Gesellschaft lokalisierbar. Rassismus tobt mittendrin. Und er hat seine Ökonomien. Die Befunde der Studie des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit sind insofern alarmierend, zugleich aber kaum überraschend.

Sie sind symptomatisch für strukturelle Benachteiligung, mit der auch Nachkommen von Eingewanderten immer noch zu kämpfen haben. Rechtliche Gleichheit und Bürgerrechte scheinen wenig daran zu ändern, dass für Ali, Ayse oder Mohammed in diesem Land die Wege zum sozialen Aufstieg weitaus steiniger sind als für Hannah, Moritz oder Marie.

Kopftuch als Stigma-Symbol

Die Befunde sind aber auch symptomatisch für weitläufig geteilte Abneigungen gegenüber körperlich sichtbarer Zugehörigkeit zum Islam. Sie begegnen uns immer wieder in den hartnäckig geführten Debatten zu islamischen Praktiken wie dem rituellen Gebet im öffentlichen Raum, männlicher Beschneidung oder eben dem Kopftuch. Die Studie macht also zugleich deutlich, dass wir auf die Verbrämung von Klasse, Ethnie, Geschlecht und Religion schauen sollten, wenn wir die Mechanismen der Diskriminierung verstehen wollen.

Das Kopftuch wird damit von einer Körperpraxis zum Stigma-Symbol. Es markiert Andersartigkeit in zweifacher Hinsicht – religiös und geschlechtlich. Bedeckte Frauen müssen sich auf besondere Weise bewähren und ihre Passfähigkeit in ein imaginäres Wir immer wieder aufs Neue bezeugen. Das Kopftuch steht also symbolisch kompakt für weibliche Unterdrückung. Umgekehrt, wird dadurch die Sexualisierung und Vermarktung des weiblichen Körpers unhinterfragt zur Normalität

Der argwöhnische und überhöhte Blick auf den verhüllten Körper veranlasst zu einer weiteren Frage: Was bringt all das Gerede von einer zunehmend bunten Gesellschaft, wenn Differenz entweder nur als abstrakte Größe am Rand existieren kann oder bestenfalls in Form von Folklore konsumiert wird. Der Philosoph Slavoj Zizek hat hierfür einmal treffend zwischen dem abstrakten und dem konkreten Anderen unterschieden: Differenz ist solange akzeptabel, wie sie antiseptisch bleibt - solange der Andere uns nicht zu nah auf den Leib rückt und Teilhabe einfordert. Das Bekenntnis zur Vielfalt wird aber komplizierter, sobald der Andere konkret wird und damit eingeschliffene Gewissheiten hinterfragt. Oder am Fall ausgedrückt: Das Kopftuch der Reinigungskraft stört kaum jemanden. Das Kopftuch der Lehrerin, Studierenden oder Auszubildenden aber ruft vielfach Aversionen hervor.

Störend, problematisch und dringend reformbedürftig

Je höher praktizierende Muslime auf der sozialen Leiter emporzusteigen versuchen, desto weitläufiger scheint ihre religiöse Differenz zum Bestandteil eines Zivilisierungsprojekts zu werden. Ihre Religiosität gilt als störend, problematisch und dringend reformbedürftig; ihre Loyalität zu den Normen und Werten dieser Gesellschaft als oberflächlich, unvollständig und stets zu überprüfen. Man fragt sich allerdings, wie eine derart zum Problem erklärte Minderheit sich überhaupt erkenntlich zeigen sollte gegenüber einem Gemeinwesen, das ihr die Zughörigkeit doch ständig abspricht.  

Hier ist ein althergebrachtes Assimilationsparadox am Werk, das sich gegenwärtig wohlwollender Integration nennt. Der Sozialphilosoph Zygmunt Bauman etwa hat gezeigt, dass Assimilation Bestandteil einer modernen Machttechnik und in den Nationalstaat eingeschrieben ist. Der Versuch alles Unbändige, Normabweichende zu benennen, zu vermessen, zu ordnen, zu zähmen, abzusondern oder einzuverleiben, ist demnach fester Bestandteil nationalstaatlicher Wirkungsweisen. Diese Mechanismen erzeugen immer und immer wieder Norm und Abweichung, und sie erschweren es sichtbar praktizierenden Muslimen, sich angemessen Gehör zu verschaffen.

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