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Buchkritik | Beitrag vom 04.03.2020

Steven Levy: "Facebook - Weltmacht am Abgrund" Ein IT-Gigant ohne Antworten

Von Vera Linß

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Buchcover von Steven Levys "Facebook - Weltmacht am Abgrund" (Droemer Knaur / Deutschlandradio)
Im Original heißt Levys Enthüllungsbuch schlicht "The Inside Story" (Droemer Knaur / Deutschlandradio)

Steven Levy das kennt das Innenleben von Facebook wie kein anderer IT-Journalist. Sein aufrüttelnder Insider-Report zeigt: Das soziale Netzwerk hat keine Antworten auf drängende Fragen zum richtigen Umgang mit Hatespeech oder Fake News.

Facebook kommt zunehmend an seine Grenzen. Erst jüngst scheiterte "Libra", der Plan einer digitalen Facebook-Währung, am Gegenwind aus Wirtschaft und Politik. Auch die Stimmen, das ganze Netzwerk zu zerschlagen, häufen sich. Und nicht zuletzt: Die Nutzerzahlen stagnieren – zumindest in Europa.

Doch steht Facebook deshalb "am Abgrund" wie es im deutschen Titel heißt? Für Steven Levy, dessen fulminant geschriebenes Buch im Original schlicht "The Inside Story" heißt, steht fest: Der Weltkonzern befindet sich in bedrohlich schwerem Fahrwasser.

Ignoranz und Hybris

Ignoranz, jede Menge Fehler und dazu die Hybris, die ganze Welt vernetzen zu müssen, sind Schuld an der Facebook-Misere, so Steven Levy. Wie kein anderer ist der IT-Journalist in das Innere des Netzwerks eingetaucht. Mehr als zehn Jahre hat er Facebook journalistisch begleitet, über dreihundert Interviews geführt, mehrfach Mark Zuckerberg persönlich getroffen und zahlreiche Quellen ausgewertet.

Mit einer riesigen Detailfülle rollt Steven Levy dann auch die Geschichte des Unternehmens auf. Der Beginn als Studentenprojekt in Harvard, Anfang der 2000er Jahre, als die Idee eines sozialen Netzwerkes ohnehin schon zum Greifen nah in der Luft lag.

Dann der Umzug ins Silicon Valley, wo Facebook – inzwischen als ehrgeiziges Startup – die Eroberung aller US-Universitäten zum Ziel ausgibt. Und schließlich die Öffnung des Netzwerks für die gesamte Gesellschaft und damit der Aufstieg zum weltumspannenden Internetgiganten. Im Mittelpunkt immer dabei: Mark Zuckerberg.

Brillanter Insiderbericht

Der Journalist verknüpft seinen Insiderbericht gekonnt mit dem Psychogramm des Facebook-Gründers. Zuckerberg, so wird beim Lesen deutlich, ist von einem Expansionsdrang getrieben, der auf einen geradezu unheimlich wirkt. Nach der Devise: Erst die Welt "mit Lichtgeschwindigkeit" vernetzen und dann später mögliche Kollateralschäden beheben.

Das Weltbild dahinter:  Alle – selbst kulturelle Fragen – seien technisch lösbar. "Der Programmierer-Geist ist wirklich etwas ganz Grundlegendes", zitiert er Mark Zuckerberg.

Beispiel für Beispiel analysiert Steven Levy brillant, warum genau dieses Denken in Skandalen kulminiert wie etwa der um die Beeinflussung der US-Präsidentschaftswahlen durch Fake News oder der um den Datenmissbrauch durch "Cambridge Analytica". Mit jedem neuen Feature sei zwar intern immer wieder das Thema Datenschutz diskutiert worden. Aber nur, um diesen dann letztendlich zu missachten, so der Autor.

Die Gesellschaft muss Facebook Grenzen setzen

Auch den Vorwurf, dass Wahlmanipulation mit Hilfe von Facebook möglich sei, habe Mark Zuckerberg zunächst als "verrückt" abgetan. Dabei zeigt Steven Levy, wie wenig das Netzwerk (technisch) in der Lage ist, für die Zukunft solche Skandale auszuschließen oder etwa auch Hate Speech wirksam zu bekämpfen.

Umso wichtiger, dass die Gesellschaft Facebook endlich in seine Schranken weist. Denn wirklich brauchbare Antworten auf diese dringlichen Themen, das macht Steven Levys solide recherchiertes Buch mehr als klar, werden von Facebook nicht zu erwarten sein.

Steven Levy: "Facebook - Weltmacht am Abgrund. Der unzensierte Blick auf den Tech-Giganten"
Aus dem amerikanischen Englisch von Gisela Fichtl, Elisabeth Liebl, Stephan Kleiner, Sylvia Bieker, Karsten Singelmann und Barbara Steckhan
Droemer, München 2020
688 Seiten, 26 Euro

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