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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.05.2011

Sternstunde einer großen Dichterin

Nelly Sachs: "Szenische Dichtungen", Suhrkamp Verlag, Berlin 2011, 648 Seiten

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Die Schriftstellerin Nelly Sachs (AP Archiv)
Die Schriftstellerin Nelly Sachs (AP Archiv)

Nelly Sachs’ Rang als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts ist zwar unbestritten. Doch als Dramatikerin hat die deutsch-jüdische Schriftstellerin bis heute kaum eine Öffentlichkeit erfahren. Das könnte sich nun ändern.

Nelly Sachs (1891-1970) bezeichnete die sieben Jahre, die sie bis zur Flucht ins schwedische Exil 1940 unter der Hitlerdiktatur lebte, in ihrer Prosaskizze "Leben unter Bedrohung" als eine "Zeit unter Diktat". Lange galt der 1956 publizierte Text als die einzige Prosa der deutsch-jüdischen Dichterin. Doch mit der von Aris Fioretos verantworteten Kommentierten Werkausgabe in vier Bänden musste diese Annahme korrigiert werden. Der 2010 erschienene Band 4 mit "Prosa und Übertragungen" enthält erstmals weitere Prosatexte, die im Nachlass gefunden wurden. Danach wuchs die Spannung auf den noch ausstehenden Band 3 mit den "Szenischen Dichtungen". Denn Nelly Sachs’ Rang als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts ist zwar unbestritten, doch als Dramatikerin hat sie bis heute kaum eine Öffentlichkeit erfahren.

In der Tat muss nun von einer Sternstunde gesprochen werden. Neben den zu Sachs’ Lebzeiten veröffentlichten Dichtungen enthält Band 3 der Werkausgabe 11 unbekannte Texte. Sie sind im letzten Lebensjahrzehnt, also zwischen 1960 und 1970, entstanden. Stellt man die Dichtungen in den Kontext der dramatischen Produktion, die nach 1945 erfolgte, wird ihr einzigartiger Rang deutlich.

Unter der Rubrik "Veröffentlichtes" nimmt "Eli. Ein Mysterienspiel vom Leiden Israels", ihr bekanntestes Stück, einen zentralen Platz ein. Das Zentrum der Handlung bildet die Ermordung des Hirtenjungen Eli. Mit seinem Tod wird die Frage gestellt, wie angesichts dieser Schande ein Weiterleben möglich ist. Bevor "Eli" 1962 im Dortmunder Schauspielhaus uraufgeführt wurde, gab es bereits 1959 eine Opernfassung von Moses Pergament im Schwedischen Rundfunk. Dass sie zeitgleich zu "Eli", zwischen 1946-1951, aber auch an einem großen Drama mit dem Titel "Das Haar" schrieb, war bislang unbekannt.

Vor allem anhand der im Umkreis dieser Dichtung erstmals veröffentlichten Materialien wird deutlich, welchen Wert sie den Formen eines – wie sie es nennt - Kulttheaters gab. Nelly Sachs führt Mimus, Tanz und Musik zusammen und spannt einen zeitlichen Bogen über fünf Jahrtausende menschlicher Existenz. Auf der Suche nach den "feinen Tönen einer fast zerstörten Klaviatur der Menschlichkeit" durchbricht sie die Barrieren dramatischen Ausdrucks. In Titeln wie "Der magische Tänzer" (1959) und "Ein Traumballett wird gemimt" (1960er-Jahre) verbirgt sich ihr künstlerisches Programm. Nelly Sachs geht es um Entgrenzungen: aus Raum, Zeit und Wort.

Immer wieder zweifelte man auf deutschen Bühnen an der Spielbarkeit ihrer Stücke. Mit der Kommentierten Werkausgabe muss diese Frage neu diskutiert werden. In der von Aris Fioretos sorgfältig und mit großer Sachkenntnis erstellten Edition werden die Etappen ihres szenischen Schaffens erstmals überzeugend dargestellt. Zugleich lernen wir eine Dichterin kennen, die im achten Lebensjahrzehnt ästhetisch den Schritt zur Moderne vollzieht.

Besprochen von Carola Wiemers

Nelly Sachs, Szenische Dichtungen, Band 3 der Kommentierten Ausgabe in vier Bänden
Hrsg. v. Aris Fioretos
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011
648 Seiten, 68 Euro

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