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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 06.03.2017

Sterilisation in IndienGegen die demografische Zeitbombe

Von Silke Diettrich

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Frauen liegen nach der Operation schlafend auf dem Gang. An ihren Köpfen wachen Verwandte. (Silke Diettrich)
Frauen müssen sich nach der Operation noch ausruhen. Männer können sofort nach Hause gehen. (Silke Diettrich)

Indische Familien sollen kleiner werden. Das ist seit Jahrzehnten der erklärte Wunsch des Staates. Früher wurden gerade arme Eltern zur Sterilisation gezwungen. Heute versucht es die Regierung mit Geldprämien und Verlosungen. Für westliche Beobachter ist das trotzdem eine schwer verständliche Praxis.

"Früher habe ich 100 Frauen in einer Stunde operiert", sagt Dr. Pant stolz, während er einer Patientin den Bauch aufschlitzt. Nur wenige Zentimeter, dann führt Dr. Pant eine Stablinse ein. Der Bauch wird währenddessen mit Kohlensäuregas aufgepumpt und die Eileiter mit einem Gummiband abgebunden. In nur vier Minuten ist der Eingriff vorbei und die nächste Patientin wird in den OP geschoben.

Manisha Patel liegt jetzt auf dem OP-Tisch, sie ist 30 Jahre alt und hat bereits einen Jungen und ein Mädchen geboren: "Die meisten Frauen aus meinem Dorf haben nur noch zwei Kinder und lassen sich danach sterilisieren." Sozialarbeiter von der Regierung hätten sie über den Eingriff informiert, aber sie nicht dazu gezwungen, erzählt sie. Rund 30 Euro bekommt Manisha von den Behörden dafür, dass sie sich sterilisieren lässt. Einen Monat kann sie dafür ihre Familie ernähren.

"Aber das Geld spielt keine Rolle für sie", mischt sich Dr. Pant ein, der bei der Regierung angestellt ist. Diese schafft oft Anreize, damit Familien nicht zu viele Kinder bekommen. Frauen nehmen nach der Operation zum Beispiel an einer Verlosung teil mit der Chance auf ein Auto oder einen Kühlschrank als Hauptgewinn.

Männer bekommen zum Beispiel ein Gewehr samt Waffenschein. Früher gab es Quoten, die staatliche Ärzte und Gesundheitsbeamte erfüllen mussten. Dr. Pant erinnert sich gern an diese Zeit: "Wenn ich dürfte, könnte ich auch heute noch über 800 Operationen am Tag vornehmen."

Dr. Pant und die Korrespondentin Silke Diettrich (Silke Diettrich)Dr. Pant ist stolz, die meisten Sterilisationen weltweit ausgeführt zu haben. (Silke Diettrich)

Mit Rattengift verunreinigte Schmerzmittel

Aber er darf nun offiziell nicht mehr als 50 Patienten am Tag operieren. Die indische Regierung will damit Kritik an ihrer Familienplanung vermeiden. Vor über zwei Jahren sind mehrere Frauen in einem Sterilisationscamp gestorben, weil die Schmerzmittel wohl mit Rattengift verunreinigt waren. Viele erzählten, dass die Ärzte viel zu viele Patientinnen binnen zu kurzer Zeit operiert hätten. Danach tauchten Fotos im Netz auf. Darauf zu sehen: indische Ärzte, die mit einer Fahrradpumpe den Unterleib einer Patientin aufblasen.

Hier im OP-Saal im Bundesstaat Madya Pradesh tragen alle Anwesenden Kittel, Handschuhe und Mundschutz. Das Operationsbesteck holen die Schwestern für jede Patientin neu aus einer sterilen Lösung. Manisha sagt, sie habe ein wenig Angst vor dem Eingriff, aber sie wisse, sie tue das Richtige:

"Ein für alle Mal soll es sein. Der Arzt hier hat einen guten Ruf. Und sobald die OP vorbei ist, muss ich mir keine Sorgen mehr machen. Unsere Bevölkerung steigt rasant. Alles kostet immer mehr Geld und damit meine beiden Kinder auch gut leben können, sollte ich nicht noch mehr bekommen."

Es klingt genauso, wie es ihr die Sozialarbeiter zuvor erzählt haben. Auf 1000 Inder kommt rund ein Familienplaner, der die Menschen davon überzeugt, sich sterilisieren zu lassen. Es gibt hier keine Gesetze, die vorschreiben, wie viele Kinder eine Familie haben darf. Denn die indische Familienplanung hat ein sehr dunkles Kapitel.

Sechs Millionen sterilisierte Männer in nur einem Jahr

Mitte der 70er Jahre ließ Indira Gandhi den Ausnahmezustand ausrufen. In diesen Jahren stieg die Bevölkerung in Indien rasant und völlig unkontrolliert an. Die Folge waren massenhafte Sterilisationen. Oft riegelte die Polizei ganze Dörfer ab und zerrte vor allem arme Männer aus ihren Häusern heraus bis auf den OP-Tisch. In nur einem Jahr wurden sechs Millionen Männer unfruchtbar gemacht. Ist das der Grund, warum in den letzten Jahren fast nur noch Frauen sterilisiert werden? Bei Ehepaaren, die verhüten, haben 75 Prozent der Frauen diesen Eingriff vornehmen lassen, obwohl er bei Männern viel unproblematischer wäre.

Die Männer seien einfach ängstlicher, sagt Dr. Pant. Viele würden Sterilisation mit Kastration gleichsetzen. Davor hatte auch Yogesh Singh Angst, er ist heute der einzige Mann, der sich von Dr. Pant behandeln lässt. Yogesh hat zwei Kinder und möchte nicht noch mehr. Mit Kondomen habe er so seine Schwierigkeiten, sagt er verlegen und erzählt, er kenne nur wenige Männer, die diesen Eingriff bei sich haben vornehmen lassen:

"Die meisten Männer sagen, die Frauen sollen das machen lassen. Die Männer fühlen sich so unabhängiger und können tun, was sie wollen. Der Sohn meines Nachbars zum Beispiel ist gestorben, jetzt hat der Nachbar das Gefühl, er müsse wieder heiraten und mit der neuen Frau einen Sohn bekommen. Ja, so ist Indien, so denken sie hier."

Nur eine Viertelstunde nach seinem Eingriff steht Yogesh strahlend auf dem Flur. Er hat es geschafft und kann nach Hause gehen. Die 23 Frauen, die heute vor ihm dran waren, liegen dicht an dicht auf dem Fußboden gereiht und schlafen. An ihren Köpfen sitzen weibliche Familienangehörige und spenden Trost. Manisha ist noch wach:

"Hier unten am Bauch habe ich Schmerzen, ich bin zwar froh, aber es tut jetzt noch weh. Meine Familie ist froh, dass das Problem jetzt gelöst ist."

Die Pille, Spirale oder andere Verhütungsmethoden sind nicht sehr populär in Indien. Trotzdem würden die Sterilisationen abnehmen, sagt Dr. Pant. Das liege vor allem daran, dass es leichter geworden sei, abzutreiben. Dennoch sagt der Arzt stolz, seinen Rekord von bislang über 350.000 Sterilisationen könne weltweit niemand mehr brechen. Er alleine habe damit, rein statistisch gesehen, dafür gesorgt, das zehn Millionen Kinder weniger auf die Welt gekommen seien:

"Dass ich diesen Job mache, ist eine Fügung. Und in 36 Jahren ist keiner der über 350.000 Patienten nach meiner Behandlung gestorben."

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