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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.10.2009

Sterben, um Leben zu retten

Vera Kalitzkus: "Dein Tod, mein Leben", Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2009, 244 Seiten

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Operation in einem Krankenhaus (Stock.XCHNG / N. S. Junior)
Operation in einem Krankenhaus (Stock.XCHNG / N. S. Junior)

Vera Kalitzkus will mit ihrem Buch der Organsspende den moralischen Druck nehmen, der durch die Stilisierung des Ganzen als Akt der Nächstenliebe mittlerweile aufgebaut wurde. Detailliert beschreibt die Ethnologin, was bei einer Organspende passiert.

"Dein Tod, mein Leben" - treffender konnte Vera Kalitzkus ihr bewegendes Buch zum Thema Organspende nicht benennen, denn um nichts anders geht es schließlich hier: will ein organisch schwerkranker Mensch überleben, braucht er das Organ eines anderen Menschen.

Meistens das eines Menschen, der etwa aufgrund eines Unfalls tödlich verunglückte. Der Tod des einen ermöglicht das Weiterleben eines anderen. In keinem anderen gesellschaftlichen Bereich liegen Sterben und Leben, Leid und Glück so nah beieinander wie bei der Organspende. Auch deshalb geht das Buch von Vera Kalitzkus so unter die Haut - im wahrsten Sinne des Wortes.

Detailliert beschreibt die Ethnologin, was bei einer Organspende passiert: Wann und wie der Hirntod diagnostiziert wird, welche Organe und Gewebe entnommen werden können, was mit den toten Körpern geschieht. Ausführlich wird geschildert, was auf der Intensivstation passiert, sobald ein Patient zum Spender wird. Da wird gepflegt gewaschen und gewendet, damit der Körper fit ist für die Operation, für die Entnahme der Organe, die danach durch Füllmaterial ersetzt werden.

Das zu lesen lässt keinen unberührt. Zumal manchen Passagen albtraumhafte Züge innewohnen, etwa dann, wenn ein ausgeweideter Körper beschrieben wird, dem als Ersatz für die entfernten Oberschenkelknochen Besenstiele eingesetzt wurden.

Spätestens aber wenn es um die Lebens- und Leidensgeschichten der Empfänger, aber vor allem auch um die der Angehörigen der Spender geht, ist klar: Ein Organ ist kein austauschbares Maschinenteil! (Auch wenn der Sprachgebrauch mancher Transplantationsmediziner dies glauben lässt.) Und genau das ist die Stärke dieses knapp 250-seitigen Buches.

Indem Vera Kalitzkus nah an Geschehen ran geht, zeigt sie, Körper und Seele sind in den Augen der meisten Menschen eine Einheit. Das gilt auch dann noch, wenn der Mensch im Sterben liegt oder die Diagnose Hirntod gestellt wurde. Genau das aber ist das Dilemma beim Thema Organspende.

Als Empfänger muss man für sich klären, ob man das fremde Organ tatsächlich als eigenes annehmen kann. Gleichzeitig muss man mit dem schwierigen Wissen umgehen, dass man langfristig ohne Transplantation sterben muss und man muss das Risiko abwägen, dass die Transplantation nicht unbedingt gelingt und es zu Abstoßungsreaktionen des Körpers kommen kann.

Als möglicher Spender muss man für sich zunächst entscheiden, ist die Diagnose Hirntod für mich eine zuverlässige Instanz. Und man muss klären, ist es für meine Angehörigen eine tragbare Situation, denn bei hirnorganisch Toten fühlt sich die Haut noch warm an und die Bauchdecke hebt und senkt sich, wenn auch nur mit Hilfe von Maschinen. Er war noch warm und rosig, beschreibt im Buch eine Mutter ihren siebenjährigen, hirnorganisch toten Sohn. Sie erzählt von dem schrecklichen Gefühl, dass plötzlich für die Mediziner nur noch seine Organe zu zählen schienen und berichtet über ihre Trauer, ihren Schock als sie den plötzlich kalten Körper nach der Organentnahme berührte.

Seither verfolgt die Mutter das Gefühl, ihr Kind im Sterben allein gelassen zu haben. Auch solche Geschichten gehören zur Organspende dazu, das macht Vera Kalitzkus Buch mehr als deutlich. Es gibt keinen einfachen, sachlichen Umgang mit dem Sterben, so ihr engagiertes Plädoyer.

Dabei will Vera Kalitzkus vor allem eines erreichen, sie will der Organsspende den moralischen Druck nehmen, der durch die Stilisierung des Ganzen als Akt der Nächstenliebe mittlerweile aufgebaut wurde. Ein Anrecht auf Organe kann es nicht geben, darf es nicht geben. Nur der aufgeklärte Bürger kann für sich selbst entscheiden, was er mitragen kann und will. Sich genau darüber klar zu werden, dabei hilft dieses stark polarisierende Buch. Gut so!

Besprochen von Kim Kindermann

Vera Kalitzkus: Dein Tod, mein Leben. Warum wir Organspenden richtig finden und trotzdem davor zurückschrecken
Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2009
244 Seiten, 8,50 Euro

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