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Kommentar / Archiv | Beitrag vom 17.11.2012

Sterben einer Zeitung, kein Zeitungssterben

Lehren aus der Insolvenz der "Frankfurter Rundschau"

Von Korbinian Frenzel

Das Internet stellt die Idee, die hinter einer Zeitung steckt, nicht per se infrage. (AP)
Das Internet stellt die Idee, die hinter einer Zeitung steckt, nicht per se infrage. (AP)

Ist diese Pleite der "FR" nur der Anfang eines großen Zeitungssterbens? Ganz so schlimm wird es vermutlich nicht kommen, meint Korbinian Frenzel. Und dennoch: Zeitungen müssen neu begründen, warum es sie überhaupt gibt – und welchen Mehrwert sie liefern.

Sie hat ein gewaltiges Rauschen ausgelöst im Blätterwald: die Nachricht vom wohl nicht mehr aufzuhaltenden Ende der "Frankfurter Rundschau". Da mag in den letzten Tagen viel Nostalgie mitgespielt haben – Erinnerungen an eine Zeitung, die mal den Geist ihrer Zeit lebte, als sozial und liberal noch ein Wort waren, als unter dem Frankfurter Pflaster der Strand durchzuschimmern schien. Eine Zeit also, als die, die jetzt ergraut die Nachrufe verfasst haben, selbst noch jung waren.

FR adé – wäre es die Reminiszenz an die gute alte Zeit alleine, wir könnten diesen Abschied würdevoll inszenieren und zum Tagesgeschäft zurückkehren. Es bleibt aber ein bitterer Beigeschmack – und der hat seinen Ursprung in einer Frage, die sich auch die anderen Blätter im Lande seit dieser Woche wieder bang stellen: Ist diese Pleite nur der Anfang eines großen Zeitungssterbens?

Wenn wir Indizien sammeln, spricht Vieles dafür: Die Auflagen sinken, weil junge Leser nicht mehr am Kiosk, sondern im Internet landen. Dort also, wo auch das lukrative Geschäft mit den Anzeigen immer häufiger stattfindet. Kurzum: Mit Zeitungen lässt sich immer schlechter Geld verdienen. Wenn überhaupt.

"Noch" ist so etwas wie das Schlüsselwort, wenn immer es um die Lage dieses alten Mediums geht. Noch verdienen die Verlage in Deutschland mindestens drei Viertel ihres Umsatzes mit Print-Produkten. Noch lesen über 48 Millionen Menschen hierzulande täglich eine Zeitung – das sind also immer noch mehr als die 40 Millionen, die täglich im Internet sind. "Noch" ist das Wort, auf das sich die Branche bisher verlässt.

Wie nah das "bald" ist, das hat die Insolvenz der "Frankfurter Rundschau" mit einem Schlag deutlich gemacht. Denn Zeitungen, das ist der Kern der Herausforderung, müssen heute etwas tun, was ihnen früher dank fester regionaler oder Milieu-Bindungen weitgehend erspart blieb: Zeitungen müssen begründen, warum es sie gibt – und welchen Mehrwert sie liefern.

Dass das Internet der Totengräber der Zeitungen sei, ist insofern nur teilweise richtig. Es stimmt deshalb, weil es Vergleiche zulässt. Weil es die entlarvt, die fantasielos Informationen am Kiosk oder über Abos zu verkaufen versuchen, die jedem schon Stunden vorher im Netz, im Radio oder im Fernsehen begegnet sind. Wenn Zeitungssterben am Ende bedeutete, dass sich die Zahl der Regionalzeitungen mit ihren DPA-gefüllten Mantel-Teilen reduzierte, publizistisch wäre da wohl kaum etwas verloren.

Wird also das Internet zum Ende der Zeitung führen? Das wird das neue Medium genau so wenig schaffen, wie einst das Radio oder das Fernsehen. Ohne Folgen wird es aber natürlich nicht bleiben. So wie der Rundfunk in den 20er-Jahren überflüssig machte, dass Zeitungen dreimal am Tag mit aktuellen Ausgaben erschienen, so wird das Internet die Aufbereitung und Verbreitung von Informationen weiter verändern.

Das Netz stellt aber die Idee, die hinter einer Zeitung steckt, nicht per se infrage – dass nämlich Profis Informationen aufbereiten, sortieren und kommentieren. Im Gegenteil: Im Meer der Informationen des World Wide Web sind es gerade die alten Flagschiffe des Journalismus, auf die die User vertrauen: "Spiegel", "Süddeutsche", "Bild" – und natürlich auch die Öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Was wir erleben, ist also in erster Linie eine Verschiebung der Gewohnheiten, wie wir uns informieren und unterhalten lassen – die Quellen sind erstaunlich stabil geblieben.

Es bleibt ein Problem: das liebe Geld. Denn bisher ist es der Speck des alten Print-Geschäfts, aus dem heraus die Verlage ihre Online-Angebote querfinanzieren. Wer bezahlt Qualitätsjournalismus, wenn dieser Speck weg ist? Die eine große Antwort darauf gibt es nicht – sondern bestenfalls viele kleine und sei es, dass wir notfalls über Subventionen eine Brücke bauen in eine Zeit, in der Menschen wieder ganz normal für Journalismus zahlen. Auch wenn sie ihn nur im Netz abgreifen und Zeitungen auf Papier lange passé sind.

Wann wird es soweit sein? Vor 22 Jahren wagte Microsoft-Gründer Bill Gates die Prognose, spätestens im Jahr 2000 sei Schluss mit Print. Geben wir der guten alten Zeitung also lieber noch ein bisschen.

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