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Tonart | Beitrag vom 05.02.2020

Sterben der Livemusik-Clubs in GroßbritannienHoffnungsschimmer für die Orte, wo oft alles begann

Von Natalie Klinger

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Fassade des Vortex Jazz Clubs in London. (Getty Images / Universal Images Group / View Pictures)
Der Vortex Jazz Club in London. Erst sah es so aus, als ob eine Immobiliensteuer um 1000 % steigen würde. Am Ende wurden es "nur" 500 %. "Das ist fantastisch", sagt der Besitzer. (Getty Images / Universal Images Group / View Pictures)

London hat in den letzten 13 Jahren ein Drittel seiner kleinen Livemusik-Clubs verloren. Die steigenden Mieten und eine Steuer, die sich nach dem Immobilienwert richtet, haben die Kosten getrieben. Inzwischen haben auch staatliche Stellen das Problem erkannt.

2018 war die britische Jazzband Sons of Kemet für den Mercury Prize nominiert. Angefangen haben sie ganz klein, im Vortex-Club im Londoner Osten. Ohne kleine Musikclubs wie das Vortex gäbe es keine Headliners auf Festivals, sagt Clara Cullen. Sie arbeitet für die gemeinnützige Organisation Music Venue Trust, die sich für den Erhalt solcher Veranstaltungsorte engagiert.

"Die Karrieren der Headliner haben in Grassroots-Clubs begonnen. Wo sollen sie ihr Handwerk lernen, wenn diese Orte schließen?"

Kostenexplosion bei der Steuer

Viele kleine Musikclubs haben zunehmend Schwierigkeiten, ihre Kosten zu decken – nicht nur, weil die Mieten steigen und Gemeinden den Lärmschutz verschärfen. Alle fünf Jahre wird in Großbritannien die sogenannte business rate neu berechnet.

Diese Summe, die auch Clubbesitzer jährlich zahlen müssen, richtet sich nach dem Preis, für den man ihre Immobilie auf dem freien Markt vermieten könnte. Für das Vortex hat sich diese Steuer 2017 bei der letzten Neubewertung verzehnfacht.

"Unsere Rates-Bewertung ist von 2000 Pfund auf 20.000 Pfund gestiegen", sagt Vortex-Chef Oliver Weindling, ein Brite mit österreichischen Wurzeln.

Das hat vor allem mit der Lage des Vortex zu tun. Es liegt in Dalston – einem Viertel, das in den vergangenen zehn Jahren stark gentrifiziert wurde. "2003, da war fast null hier los", erinnert sich Weindling. Heute öffnen hier monatlich hippe Restaurants und Bars – und die Immobilienpreise steigen und damit auch die business rates.

Teufelskreis der Gentrifizierung

Die Ironie dabei: Oft seien es Grassroots-Clubs, die Kreative überhaupt erst in unbeliebte Gegenden locken und so nach und nach zu teuren Trendvierteln machen, erzählt Clara Cullen. Somit würden die Clubs Opfer ihres eigenen Erfolgs:

"Erst schaffen sie diese community, wegen der dann die Leute herziehen, was wiederum die Preise treibt, den Wert des Ortes und die Steuer", so Cullen.

Die Clubs sind quasi für die Erhöhung der Steuern, die sie zahlen müssen, mitverantwortlich. Ein Teufelskreis, meint Cullen. "Indem sie erfolgreich sind und einen Ort kreieren, zu dem die Leute kommen wollen, heben sie zugleich ungewollt auch ihre Steuerlast."   

Steuerprivileg für (manche) Clubs

Vergangene Woche hat das britische Finanzministerium deshalb angekündigt, die business rate für kleine Musikclubs um 50 Prozent zu reduzieren. Auch das Vortex wird davon profitieren.

"Wir sparen die Hälfte von 20.000 Pfund – 10.000 Pfund. Das ist fantastisch", sagt Vortex-Besitzer Weindling. 

Insgesamt 230 kleine und mittelgroße Musikclubs in Großbritannien zahlen ab sofort nur noch die Hälfte ihrer business rate. Um den Rabatt in Anspruch nehmen zu können, darf der Wert einer Immobilie allerdings nicht über einer bestimmten Summe liegen: Gerade kleinen Londoner Clubs in teurer Lage bringt die Neuregelung deshalb nichts.

Ein Beispiel ist der 100 Club auf der Oxford Street, in dem schon die Rolling Stones und Oasis gespielt haben. Eigentlich würde der 100 Club nicht von der aktuellen Senkung der Business Rate profitieren, meint Clara Cullen.

Der 100 Club stand kurz vor der Schließung: Mit 70.000 Pfund hat er eine der höchsten Business Rates im ganzen Land. Paul McCartney spielte dort schon vor Jahren ein Konzert, um auf die Situation aufmerksam zu machen.

Ausnahmeregelung - und Präzedenzfall?

Und auch die Londoner Nachtbürgermeisterin, Amy Lamé, die seit 2016 im Amt ist, setzte sich für den Erhalt des Clubs ein. Mit Erfolg, wie sich in der vergangenen Woche gezeigt hat. Westminster hat dem 100 Club Sonderstatus verliehen und erlässt ihm ab sofort vollständig die Business Rate.

"Die Gemeinde hat damit einen wirklich guten Präzedenzfall geschaffen", meint Cullen. "Jetzt müssen wir nur noch mehr Gemeinden im ganzen Land dazu anregen, ähnliche Maßnahmen zu treffen."

Die Lobby-Arbeit des Music Venue Trusts und der Nachtbürgermeisterin scheint sich auszuzahlen: 2018 ist die Zahl der Grassroots-Musikclubs in London leicht von 94 auf 100 angestiegen. Auch den Besitzer des Vortex stimmen die Signale aus der Politik optimistisch.

"Zum Glück hat Westminster das gemacht", sagt Weindling zu der Ausnahmeregelung. Schließlich sei es ohnehin schon schwierig genug, einen kleinen Musikclub am Leben zu halten. "Es gibt einen Witz über Jazzclubs", erzählt er: "Wie macht man einen Gewinn von einer Million Pfund? Man fängt mit zwei Millionen an."

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