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Frühkritik | Beitrag vom 05.02.2021

Stephen Hunter: "Im Visier des Snipers"Die Technik des Tötens

Von Kolja Mensing

Das Cover des Krimis von Stephen Hunter "Im Visier des Snipers" auf orange-weißem Hintergrund. (Festa / Deutschlandradio)
Eine Handlung ohne Kompromisse, mit Waffenöl geschmiert: der neue Roman von Stephen Hunter. (Festa / Deutschlandradio)

Ein Scharfschütze ermordet Aktivisten der Anti-Vietnamkriegs-Bewegung, das FBI sucht den Verdächtigen im Kreis der Veteranen. "Im Visier des Snipers" erzählt von Männern mit einem libidinösen Verhältnis zu Schusswaffen. Lies mich oder stirb!

Um gleich mit einem militärischen Fachausdruck einzusteigen: Der "body count" – also die Anzahl der Getöteten der jeweils gegnerischen Kriegspartei – ist in den Thrillern von Stephen Hunter immer ziemlich hoch. Am Anfang seiner Schreibkarriere waren es regelrechte Massaker, aber auch auf den ersten 20 Seiten von "Im Visier des Snipers" sterben gleich vier Menschen, ermordet durch Präzisionsschüsse aus großer Entfernung.

Da die Opfer allesamt ehemalige Aktivisten der Anti-Vietnamkriegs-Bewegung sind und mittlerweile zum Protest-Adel der USA gehören, liegt die Schlussfolgerung nahe: Der Täter dürfte ein traumatisierter Vietnam-Veteran sein, der selbst im höheren Alter noch in der Lage ist, einen Schuss mit einem 10,9-Gramm-MatchKing-Hohlspitzgeschoss über mehr als 300 Meter Distanz auszuführen.

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Also: ein Scharfschütze. Im FBI-Hauptquartier in Washington D.C. weiß man, was zu tun ist: "Wenn Sie einen Scharfschützen fangen wollen, gibt es nur einen einzigen Weg. Sie müssen einen anderen Scharfschützen holen." Und damit kommt Bob Lee Swagger ins Spiel, ein ehemaliges Mitglied des U.S. Marine Corps.

Ironiefreie Dialoge zum Thema Soldatenehre

Es ist schon eine kleine Überraschung, dass "Im Visier des Snipers" im Februar der höchste Neueinstieg auf der handverlesenen Krimibestenliste von Deutschlandfunk Kultur ist. Ausgerechnet Stephen Hunter, der kompromisslos "Genre" schreibt und dessen Trigger-Happy-Reihe um Bob Lee Swagger so ziemlich alles hat, was ein salonfähiger Kriminalroman heute besser nicht haben sollte: Männer in Kampfanzügen, die ein nahezu libidinöses Verhältnis zu ihren Schusswaffen pflegen, ganze Absätze über Leupold-Zielfernrohre und andere High-Tech-Spielereien, die das Handwerk des Tötens effektiv machen, und – gewissermaßen im ideellen Überbau dieses Romans – einige völlig ironiefreie Dialoge zum Thema "Soldatenehre".

Das alles ist allerdings mit faszinierender, technischer Präzision geschrieben. Stephen Hunter entwirft eine mit Waffenöl geschmierte Handlung, schnell, rücksichtslos und zielorientiert, mit einer literarisch abgerüsteten, gewissermaßen "taktischen" Prosa, die nicht mehr will, als die Figuren ins Gefechtsfeld zu führen und Spannung zu transportieren: Lies mich oder stirb!

Ein Hauch von Nostalgie

Man kann den Rahmen aber auch größer ziehen. Stephen Hunter ist kein Autor, um den sich die großen deutschsprachigen Verlage reißen, und "Im Visier des Snipers" ist in den USA bereits vor mehr als zehn Jahren erschienen. Diese zeitliche Distanz verleiht dem Text jetzt einen Hauch von Nostalgie: Die Grundidee des Romans – besser gesagt: die Grundidee der Serienfigur Bob Lee Swagger – besteht in der Behauptung, dass selbst hinter hochentwickelter Militärtechnologie immer noch "der Mensch" steht.

Damals hätte man diese Haltung als "verlogen" oder "zynisch" bezeichnen können. Heute wirkt sie angesichts von immer effizienteren Drohneneinsätzen, "Cyberwarfare" und autonomen Waffensystemen, die ohne Mensch am Abzug auskommen, geradezu freundlich, fast beruhigend. Vielleicht liest man ein Buch wie "Im Visier des Snipers" deswegen gerade so gerne?

Stephen Hunter: "Im Visier des Snipers"
Aus dem Amerikanischen von Patrick Baumann
Festa Verlag, Leipzig 2020
583 Seiten, 14,99 Euro

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