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Frühkritik | Beitrag vom 19.03.2021

Stephen Greenall: "Winter Traffic"Rausch und Verbrechen 

Von Sonja Hartl

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Das Cover von Stephen Greenalls Buch "Winter Traffic" auf orange-weißem Hintergrund (Deutschlandradio / Suhrkamp)
Ein Verbrecher und ein korrupter Polizisten im Sydney der 90er-Jahre: Es wird turbulent. (Deutschlandradio / Suhrkamp)

Korrupte Polizisten, Gangster und der Wahnsinn: "Winter Traffic" von Stephen Greenall ist ein erzählerisches Meisterwerk, das die Grenzen des Kriminalromans weit hinter sich lässt. Ein Neueinstieg auf unserer Krimibestenliste.

Stephen Greenalls "Winter Traffic" ist purer Wahnsinn. Dieser australische Thriller ist eine Reise, auf die man sich einlassen muss; eine Reise voller Irrlichter und Unwegbarkeiten. Am Ende aber hat sich jede Mühe gelohnt, die man auf sich genommen hat.

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Dabei ist die Handlung eigentlich übersichtlich: Mick Rawson ist ein korrupter Cop in Sydney im Jahr 1994, sein bester Kumpel Jamie Sutton ist Verbrecher und Zimmermann. Nun geraten sie beide in Schwierigkeiten: Sutton hat sich mit einem ziemlich einflussreichen Gangster angelegt, Rawson wiederum soll der aufrechten Polizistin Karen Millar bei den Ermittlungen in einem alten Mordfall helfen, bei dem einst ziemlich viel vertuscht wurde und in den sowohl Sutton als auch er verwickelt sind.

Ein Raubüberfall aus Funksprüchen

Doch das ist nur der Kern von Greenalls erzählerischen Meisterwerk. Aufgebaut ist das Buch in drei Teile, in denen die Kapitel jeweils rückwärts nummeriert sind. Die Handlung verläuft aber nicht ausschließlich rückwärts, vielmehr gibt es Parallelitäten, Vor- und Rückblenden, Einschübe, Perspektiv- und Erzählwechsel.

Ein Raubüberfall besteht nur aus Funksprüchen und im zweiten Teil des Buchs gibt es dann plötzlich jedes Kapitel zweimal: Einmal enthält es tagebuchartige Aufzeichnungen von Millar, das andere Mal eine äußere Handlung, dazu inhaltliche Überkreuzungen mit dem ersten Teil, nun aber aus Karens Perspektive.

Dieser zweite Teil ist zudem ein Spiel mit Identifikationsangeboten, mit Krimikonventionen und vermeintlichen Klarheiten, auf das man allzu gerne eingeht. Der dritte Teil dann geht bis zu Kapitel minus fünf. In ihm entfaltet sich das komplette korrupte und wunderschöne Bild von Sydney im Jahre 1994.

Ein Sog ohne Identifikationsangebot

Zu der nicht immer leicht zu durchschauenden, aber beeindruckenden narrativen Struktur kommt eine eiskalt-hämmernde Sprache, die immer wieder ins Rauschhafte kippt - mit Passagen, die ausschließlich in Großbuchstaben gesetzt sind. Plot, Sprache, Figuren strömen auf einen ein, dadurch entsteht ein Sog, der die Distanz zwischen Gelesenem und Lesenden immer kleiner werden lässt und zwar ganz ohne ein Identifikationsangebot.

"Winter Traffic" verbindet so den grausamen Alltag der Korruption mit existentiellen Fragen, mythologische Anspielungen mit alltäglichen Verbrechen. Es ist ein Buch, das man mehrfach lesen kann, sollte, muss. 

Stephen Greenall: "Winter Traffic".
Aus dem australischen Englisch von Conny Lösch
Suhrkamp, Berlin 2021
492 Seiten. 16,95 Euro.

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