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Buchkritik | Beitrag vom 21.12.2018

Stephen Fry: "Mythos"Auf Du und Du mit den griechischen Göttern

Von Susanne Billig

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Pantheon in Rom, gewidmet allen Göttern, und das Cover des Buches "Mythos" von Stephen Fry (Unsplash / Wynand van Poortvliet; Aufbau-Verlag)
"Mythos": alte Geschichten in moderner Alltagssprache erzählt. (Unsplash / Wynand van Poortvliet; Aufbau-Verlag)

Live dabei, wenn Kronos Kinder verschlingt: Stephen Fry erzählt die Geschichten der griechischen Götterwelt so, als passierten sie gerade nebenan. Auch die deutsche Übersetzung seines Buches "Mythos" trifft diesen flapsigen, unangestrengten Ton.

Am Anfang regiert das Chaos: Es gebiert Erebos, die Dunkelheit, und Nyx, die Nacht. Dann tauchen die Erde Gaia auf und Tartaros, die Unterwelt, auf - und nur wenige Generationen später sinnt ein wimmelnder Kosmos an Göttern, Halbgöttern, Himmelsboten und Nymphen auf Rache und Ruhm, Krieg und sehr viel Liebesspiel.

In seinem wuchtigen neuen Buch "Mythos" erzählt der britische Schriftsteller und Schauspieler Stephen Fry die griechischen Mythen neu für unsere Zeit. Was heißt "erzählt"? Er prustet, schwelgt, begeistert sich, läuft nach vorn, um das Geschehen aus heutiger Ferne zu kommentieren, und springt zurück ins pralle antike Fantasy-Leben. In Großbritannien waren Stephen Frys Lesungen aus "Mythos" im Nu ausverkauft. Das von ihm selbst eingelesene Hörbuch avancierte zum Bestseller. Das Publikum wollte so nah wie möglich heran an seine Stimme.

Flapsig und unangestrengt

Matthias Frings hat sie nun meisterhaft ins Deutsche übertragen. Vom ersten bis zum letzten Kapitel ist die Mühelosigkeit zu spüren, mit der Fry die alten Geschichten in moderne Alltagssprache gießt. Wohlgemerkt: Alltagssprache, nicht Hochsprache. Hier geht es so flapsig und unangestrengt zu, dass man sich als Leserin und Leser live dabei fühlt, wenn Kronos Kinder verschlingt, die arme Echo mit dem Fluch des Nachplapperns belegt wird oder der Adler Prometheus die Leber aus dem Leib reißt.

Schon in seiner Kindheit sei er ein Fan der griechischen Mythologie gewesen, berichtet der Engländer im Vorwort. Jeder Absatz, jede Zeile lässt spüren, wie sehr der Autor diese Geschichten liebt, aber auch vertraut ist mit der umfangreichen Sekundärliteratur. Mit dem urbritischem Talent, Komik und Abgrund zusammen zu denken, gießt er die mythisch-altgriechischen Welten in farbenfrohe Beschreibungen und saftige Dialoge.

Eine akademische Bildung braucht hier niemand

Eine misslingende Götterhochzeit etwa beschreibt er so: "Man legte ein Datum fest und schickte Einladungskarten. Geschenke trudelten ein, darunter, wie sich alle einig waren, das spektakulärste: ein goldener Stuhl, der an Hera persönlich adressiert war. Zufrieden lächelnd ließ sie sich auf dem Thron nieder. Augenblicklich erwachten dessen Lehnen zum Leben, wanden sich nach innen und umklammerten Hera. Egal wie sehr sie sich wehrte, es gelang ihr nicht, zu entkommen. Die Stuhllehnen hatten sich um sie geschlossen und sie saß fest. Ihre Schreie waren entsetzlich."

Dieser Sprache ist alles Gespreizte und Gekünstelte fremd und eine akademische Bildung braucht hier auch niemand. Selbst die Fußnoten und Erklärungen, die der Autor großzügig einstreut, geben kein lexikalisches Wissen weiter, sondern liefern assoziative Seitengedanken und spannende Hintergründe, ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit. So verschmelzen Stilsicherheit, ironische Distanz und Sinn für Drama zu einem unvergleichlichen Leseabenteuer. Nur eins ist bedauerlich: Bei Midas mit seinen Eselsohren hört Stephen Frys Erzählfaden auf. Die Abenteuer des Odysseus und die Schlacht um Troja sind darin nicht enthalten – das lässt hoffen auf einen zweiten Teil.

Stephen Fry: Mythos. Was uns die Götter heute sagen
Übersetzt aus dem Englischen von Matthias Frings
Aufbau Verlag, Berlin 2018
448 Seiten, 24 Euro

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